Ausstellung: „Kaum Geld, dafür umso mehr Ideen“: Das Oversized-Erbe welcher „Antwerp Six“

Die „Antwerp Six“ beeinflussen bis heute die Mode. Der Weg führt zurück ins Frühjahr 1986.

Mäntel, die wie Zelte fallen, Pullover mehrere Nummern zu groß, zerfranste Hosen, deren Sitz fast bis zu den Knien reicht: zu groß, zu weit, zu schlabberig. Oversize und Lässigkeit sind längst Alltag – sichtbar in den Schaufenstern großer Modeketten ebenso wie in Concept-Stores und auf den Laufstegen. Doch warum sitzt Mode aktuell so extrem locker?

Ihr vielseitiges Erbe hat sich weiterentwickelt und zeigt sich bis heute: in Wide-Leg-Hosen, die gerade und weit vom Bund bis zum Saum fallen, in Baggy Pants mit tiefem Sitz oder in Palazzo-Schnitten, die fließend wirken wie ein Rock.

Proportionen verschieben sich

Auch oben verändert sich die Silhouette: Mäntel und Blazer rutschen über die Schultern, werden kastig und übergroß – mit markanten Power Shoulders oder tief sitzenden sogenannten Drop Shoulders.

Doch Oversize war nur eine der sichtbaren Folgen – entscheidend war die radikale Verschiebung von Proportionen und Körperbildern.

Kleidung musste nicht mehr gefallen

„Geld hatten sie kaum, dafür umso mehr Ideen“, erinnerte sich Geert Bruloot. Der Mode-Experte spielte eine Schlüsselrolle in diesem Kapitel: Er organisierte ihre Präsentationen in London, die Aufmerksamkeit erregten und später als Ausgangspunkt ihres Durchbruchs galten.

Sie brachen mit einer einfachen Idee: dass Kleidung gefallen muss. Keine perfekten Schnitte, keine idealisierten Körper, keine festen Regeln. Stattdessen: verschobene Proportionen, androgyne Silhouetten, weder männlich noch weiblich.

Zum 40-jährigen Jubiläum blickt Bruloot zurück. „Mode war keine Ware mehr, kein bloßes Produkt, sondern eine Haltung“, sagte Bruloot der Deutschen Presse-Agentur weiter. Kleidung wurde zum Ausdruck zwischen Kunst, Körper und Gesellschaft – eine Entwicklung, die er nun als Kurator einer bis zum 17. Januar 2027 dauernden Ausstellung im Modemuseum Antwerpen über den Mythos der „Antwerp Six“ mit reflektiert.

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Zwischen London, Tokio und Antwerpen

Für Bruloot, Mitgründer eines flämischen Modeinstituts, hat der Erfolg der «Antwerp Six» viel mit einem strukturellen Zufall zu tun: Belgien hatte im Gegensatz zu Frankreich, Italien oder England keine ausgeprägte Modetradition. Zudem hatten die jungen Designer keine Geldgeber, keine großen Unternehmen im Hintergrund. „Sie waren frei, zu machen, was sie wollten“, sagte er.

Sie kamen genau in den Moment, in dem sich Mode neu sortierte: Die britische Designerin Vivienne Westwood machte mit ihrer Londoner Boutique „Sex“ in den 1970er Jahren die Punk-Ästhetik sichtbar. Und auch aus Japan kamen radikale Gegenentwürfe. „Die Mode war bereit für etwas Neues“, erklärte Bruloot.

Die Auflösung der klassischen Silhouette

Designer wie Yohji Yamamoto und Comme des Garçons stellten in Paris 1981 ihre ersten Kollektionen vor – die gleichermaßen begeisterten und schockierten: mit ausgefransten Säumen, weiten, unförmigen und asymmetrischen Schnitten. Kleidung wirkte nicht mehr perfekt konstruiert, sondern bewusst unvollständig. Entscheidend war die Idee dahinter: Mode muss nicht glamourös sein.

Radikal, aber tragbar

Die sechs belgischen Designer hätten diese Freiheit übernommen – aber anders als die japanischen Avantgardisten, sagte Bruloot. An der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen hätten sie einen pragmatischen Zugang gelernt: Sie seien nach London mit Kleidung gekommen, die man tatsächlich habe anziehen können. Die Entwürfe „waren wild, voller Farben und Fantasie – aber man konnte sie tragen“.

„The Antwerp Six“ war keine geplante Bewegung und hatte nie ein Manifest. Nach etwa drei Jahren gingen die Designer jeweils eigene Wege – mit individueller Handschrift. Was blieb, war ein Moment, der die Mode bis heute sichtbar verändert hat.

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