Aus jener Sammlung jener Familie Stern: Werke mit bewegter Geschichte

Die Geschichte der Bankiers- und Unternehmerfamilie Stern hat ihren Ursprung in Frankfurt und begann 1778 mit der Gründung eines Weinhandels im damaligen jüdischen Ghetto. Nur eine Generation später ging aus dem Geschäft 1805 die Bank „Jacob S.H. Stern“ hervor, die im Laufe des 19. Jahrhunderts – die industrielle Revolution mitfinanzierend – nach Paris oder London und bis nach China expandierte. Wie die Rothschilds wurden die Sterns zu einer Dynastie der Kunstsammler und Mäzene. Wenn Christie’s am 11. Dezember in Paris bei einer Saalauktion und noch bis zum 12. Dezember in einer Onlineversteigerung insgesamt 360 Werke aus der Sammlung des französischen Familienzweiges aufruft, führt der Katalog in die opulente Welt der Belle Époque, als das Großbürgertum und die Unternehmerelite ihre Interieurs mit Raffinement ausstatteten.

Geraubt und teilweise restituiert

Kurz nach der Besetzung Frankreichs im Juni 1940 wurden das Stadtpalais der Sterns an der Avenue de Montaigne und der Landsitz Château de Villette von der NS-Kunstrauborganisation Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg geplündert. Der Familie gelang es, rechtzeitig nach Amerika zu fliehen. Ihre Kunstwerke und wertvollen Einrichtungsgegenstände wurden konfisziert, im Pariser Zwischenlager im Jeu de Paume inventarisiert und zuletzt in geheime Lager in Deutschland und Österreich verfrachtet oder auf dem Kunstmarkt zerstreut. Nach dem Krieg konnten zumindest die in Lagern gehorteten Werke restituiert werden.

Nach Giambologna und François Giardon: Bronzestatuetten, die den Raub einer Sabinerin und den Raub der Prosperina durch Pluto darstellen, Taxe 200.000 bis 300.000 EuroChristie’s

Am Ursprung dieser von drei Generationen geprägten Kollektion stehen Edgard Stern (1854 bis 1937) und dessen Frau Marguerite Fould (1866 bis 1956). Sie schätzten vor allem die im ausgehenden 19. Jahrhundert wieder in Mode geratenen Werte der Vergangenheit: holländische Meister des 17. Jahrhunderts und französische Künstler des 18. Jahrhunderts, aber auch Dekoration und Einrichtung dieser Zeit. Neben Werken von Maria van Oosterwyck, ­Jean-Baptiste Pater oder Jean-Honoré Fragonard sind zwei Medaillon-Gemälde von François-Hubert Drouais für ihre Provenienz zu nennen: Die Bildnisse der Mademoiselles Laroque und Betzi (Taxen 80.000 bis 120.000 Euro) wurden wahrscheinlich von der Comtesse du Barry, Mätresse Ludwigs XV., in Auftrag gegeben.

Zu den bemerkenswertesten ­Losen gehören zwei als Paar zusammengeführte Bronzeskulpturen, die den Raub einer Sabinerin und der Proserpina darstellen. Sie wurden im 17. Jahrhundert nach berühmten Modellen der Bildhauer Giambologna und François Girardon gefertigt (200.000/300.000). Teuerstes Los ist ein Gemäldepaar von Hubert Robert, der römische Landschaften in klassizistischen Bildkompositionen festhielt (300.000/400.000).

In der folgenden Generation bestimmte vor allem die Schwiegertochter Alice Stern (1906 bis 2008) die Entwicklung der Familiensammlung. Als Expertin für Emaille-, Keramik- und Glaskunst des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts setzte sie neue Impulse. Die jüngste Generation der Sterns bereicherte die Sammlung insbesondere mit Goldschmiedekunst des 18. Jahrhunderts. Außergewöhnlich ist eine aufwendig dekorierte Eintopfterrine mit Unterteller und Schöpflöffel von Robert-Joseph Auguste, die um 1785 gefertigt wurde. Die Erwartung lautet 80.000 bis 120.000 Euro.

Source: faz.net