Zwei Autostunden westlich von Indianapolis, in der Stadt Urbana geboren, ist August Zirner bis heute amerikanischer Staatsbürger – und österreichischer. Der Sohn des jüdischen Opernregisseurs Ernst Ludwig Zirner, welcher kurz vor dem „Anschluss“ mit seiner Frau, der Kostümdesignerin Laura Beata Wärndorfer, aus Wien emigriert war, wuchs in einem altösterreichisch geprägten Haushalt im Mittleren Westen auf.
Seine amerikanischen Wurzeln hegt Zirner heute hauptsächlich musikalisch, als Jazzmusiker mit eigener Band, als Sänger, Saxofonist und Querflötist. Musik war ihm in die Wiege gelegt, bekannt geworden ist er aber als Theaterschauspieler, der in rund 140 Film- und Fernsehproduktionen aufgetreten ist.
Beliebter Frauenversteher
Als Vierzehnjähriger erlebt er den Krebstod des Vaters, drei Jahre später zieht er, um einer Einberufung zum Militär zu entgehen, nach Wien, besucht das Max-Reinhardt-Seminar. Ein erstes Engagement führt in nach Hannover, dann weiter nach Wiesbaden, es folgen Jahre an den ersten Bühnen des deutschsprachigen Raums – Thalia, Kammerspiele, Resi, Burg. Von den mittleren Achtzigerjahren an setzt seine Filmkarriere ein, Regisseurinnen wie Vivian Naefe und Margarethe von Trotta („Das Versprechen“, 1994) entdecken ihn, ein breiteres Fernsehpublikum erreicht er in der ARD-Serie „Zwei Männer und die Frauen“ (1995).
Zirners Bandbreite ist enorm. Er spielt im Kinderfilm „Das Sams“ (2001) ebenso wie in dem oscarprämierten Film „Die Fälscher“ als Dr. Klinger. Regisseure wie Volker Schlöndorff, Jo Baier, Matti Geschonneck, Doris Dörrie, Franz Xaver Bogner und Züli Aladag verlassen sich auf Zirners enorme Wandlungsfähigkeit, deren Grundton die Kritik gern mit dem Adjektiv „leise“ umschreibt. Zirner adelt jeden Film mit einer Qualitätsglasur, tatsächlich speist sich seine schauspielerische Noblesse aus einer reflektierten Nachdenklichkeit. Er beherrscht die Kunst der Pause und des mit den Augen Lächelns, das mehr sagt, als im Drehbuch steht.
In „Suzie Washington“ (1997), einem Film des früh verstorbenen Salzburgers Florian Flicker, zeigt er in der Rolle eines unbedarften Sommerfrischlers, der einer illegalen Russin beim Transit durch Österreich helfen will, wie man aus einem sogenannten kleinen Film als Nebendarsteller mit großen Szenen einen richtig guten Film machen kann. Zirner ist nie peinlich, er kann den stummen Bergbauern ebenso wie den Philosophieprofessor oder den Geheimdienstchef. Und er spielt Bösewichte, Psychopathen, Frauenmörder, und zwar so, dass man nicht nach fünf Minuten weiß, ob er der Mörder ist.
Dabei schlägt sein Herz für das komische Fach, für das er seltener Angebote bekommt, weil er, nach eigener Aussage, vermutlich immer zu ernst dreinschaue. In dem Buch „Ella und Laura“ haben Zirner und seine Tochter Ana, eine Alpen-Aktivistin, die Leben ihrer vaterseitigen Großmütter rekonstruiert. Der Wahlbayer lebt in Prien am Chiemsee, als bekennendes „Theatertier“ hat sich Zirner auf Münchner Bühnen allerdings zuletzt rar gemacht. Der „Bunten“ hat er erzählt, an seinem sechzigsten Geburtstag habe er mit Blick auf seine vierzigjährige Laufbahn, eine gute Ehe und vier Kinder das Gefühl gehabt, eigentlich gehen zu können. Das kann nur einem Liebling der Götter in den Sinn kommen. Heute wird August Zirner siebzig Jahre alt.
Source: faz.net