Wie ungleich sind die Chancen?
Für Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern ist es in Deutschland sehr schwer geworden, sozial aufzusteigen. Bisher kennen die Deutschen noch die alte Welt: Da war Deutschland sozial durchlässiger als viele andere entwickelte Länder, außer Skandinavien. Verglichen mit den Vereinigten Staaten von Amerika war der Aufstieg in Deutschland viel einfacher. Doch das hat sich geändert. Solche Trends lassen sich erst spät feststellen, weil sich das Einkommen erst zeigt, wenn die Kinder selbst erwachsen sind. Jetzt hat das Ifo-Institut bemerkt: Für Leute der Geburtsjahrgänge 1975 bis 1981 ist das Land sehr schnell undurchlässiger geworden, danach stagnierte die Chancengleichheit auf dem neuen, niedrigeren Niveau. Das heißt nicht, dass die Betroffenen weniger verdienen als ihre Eltern. Aber es heißt: Wer arm aufwächst, hat eine größere Chance, arm zu bleiben. Da liegt Deutschland jetzt auf einem Niveau mit den USA.
Warum wird es schlimmer?
Es gibt mehrere Erklärungsansätze dafür, warum Deutschland ausgerechnet in den 80er-Jahren festgefahrener wurde. Anfangs dachten die Forscher, es könne mit den Studentenzuschüssen des „Bafög“ zusammenhängen: In den 90er-Jahren gab es eine Reform, nach der das Bafög weniger großzügig war als vorher. Doch die Studien-Mitautorin Julia Baarck hat auch festgestellt, dass sich die Probleme schon beim Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule zeigen. Da spielt das Bafög noch keine große Rolle. Denkbar wäre auch, dass es mit der Bildungsexpansion zusammenhängt: In den 60er- und 70er-Jahren baute Deutschland viele weiterführende Schulen, bis in die 80er-Jahre hinein stieg der Anteil von Gymnasiasten. Das allerdings nützte vor allem den Schülern aus gebildeten Elternhäusern. In der oberen Mittelschicht wuchs der Gymnasiastenanteil zumindest absolut viel stärker als in der Unterschicht. Wenn die Eltern Abitur haben, geht inzwischen fast jedes Kind aufs Gymnasium. Bei Eltern ohne Abitur ist das längst nicht der Fall.
Wer ist besonders arm dran?
Aus Studien über die Schüler von heute wird deutlich: Am schwersten ist die Lage für Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern kein Abitur haben. Oft geht es darum, welche Schule die Kinder genau besuchen. In mancher Studie ist das der wichtigste Faktor für den Erfolg der Kinder. Das muss nicht unbedingt heißen, dass die Lehrer an jenen Schulen versagen. Es kann auch schlicht bedeuten, dass in manchen Stadtvierteln die Schulen besonders viele Schüler mit Problemen haben, die Lehrer dagegen nicht mehr ankommen und dann das Lernklima an der ganzen Schule leidet.
Wo liegt das Problem?
Die neue Studie des Ifo-Instituts sagt auch: Es kommt nicht nur auf die Bildung an. Das Einkommen der Eltern spielt auch unabhängig davon eine Rolle. Inzwischen weiß man: Schüler aus sozial schwachen Familien haben größere Probleme, wenn sie keine Kinder aus anderen Elternhäusern treffen. Manche Studie zeigt, dass das sogar wichtig wäre, um Durchhaltevermögen zu lernen. Doch soziale Kontakte zwischen unterschiedlichen Schichten sind in den vergangenen Jahren tendenziell weniger geworden. Das fängt schon im Kindergarten an. Frühkindliche Bildung wäre besonders für schwache Kinder wichtig – doch gerade diese Kinder bekommen seltener einen Platz im Kindergarten.
Das hat mehrere Gründe: Es geht zum Beispiel darum, ob die Eltern sie überhaupt anmelden wollen. Dann ist die Anmeldung nicht überall einfach – oft muss man sich erst mal auf Behördendeutsch informieren, wie alles geht, und mancherorts viele Bewerbungen schreiben. Das fällt Eltern mit geringerer Bildung und schlechten Deutschkenntnissen schwerer. Dazu kommt, wo die Kindergärten überhaupt stehen, nämlich oft in Vierteln mit reichen, gebildeten Eltern. Wichtig ist auch, wer sich angesichts knapper Plätze am Ende tatsächlich durchsetzt: vielleicht das Kind, dessen Eltern mit perfektem Lebenslauf und gebackenem Kuchen zwei Dutzend Kindergärten abklappern? Oder auch das Kind, dessen Eltern das Zeug haben, den Schriftführer-Job im Trägerverein des Kindergartens zu übernehmen?
Was kann der Staat tun?
Die Antwort ist seit Jahren bekannt: Je früher Kinder gefördert werden, desto besser sind ihre Chancen. Dazu gehört, dass Gemeinden die nachlassenden Geburtenzahlen nicht zu Einsparungen in Kindergärten nutzen, sondern stattdessen die Qualität steigern. Einige Studien deuten darauf hin, dass auch längeres gemeinsames Lernen zur Chancengleichheit beiträgt, womöglich sogar ohne den stärkeren Schülern zu schaden. Gerade in sozial schwachen Vierteln braucht es Kindergärten und gute Schulen, auch wenn dort die Eltern meistens nicht so laut protestieren wie in den gut gebildeten, wohlhabenden Vierteln.
Was bedeutet das für Eltern?
Eltern wollen die Chancen für ihre Kinder verbessern. Wenn man die Ergebnisse der neuen Studie ernst nimmt, müssen sie dazu ihr Einkommen steigern, damit sie zum Beispiel in ein anderes Viertel ziehen können. Das führt zur Frage: Sollen Eltern mehr arbeiten und ihre Kinder dafür eher außer Haus betreuen lassen, auch wenn die zusätzliche Arbeit eines Elternteils vielleicht netto gar nicht so viel mehr Geld bringt?
Für Eltern, die wenig verdienen, ist die Antwort ganz klar. Da nützt das zusätzliche Einkommen viel, und auch die zusätzliche Zeit in der Kinderbetreuung nützt den Kindern sehr. Das ist seit Langem bekannt.
Wenn das Familieneinkommen schon relativ hoch ist, ist die Antwort nicht mehr so ganz einfach. Dann schrumpfen die Vorteile zusätzlichen Einkommens, und auch die Betreuung außer Haus bringt immer weniger. Manche Eltern glauben dann, zu Hause lernten die Kinder mehr. Eine Analyse vieler verschiedener Studien aus unterschiedlichen entwickelten Ländern deutet darauf hin: Wenn man alles zusammenrechnet, ist es auch in wohlhabenden Familien für die Kinder besser, wenn die Kinder von Profis betreut werden und die Eltern mehr arbeiten. Dieser Satz gilt mit zwei Einschränkungen: Erstens macht die Entscheidung für den Erfolg der Kinder nur noch wenig aus, und zweitens gilt alles im Durchschnitt. Individuell kann die Lage anders sein.