Es gibt zwei Gründe, warum Unterlüß existiert. Der eine liegt am Anfang der Straße, die mitten durchführt: der Bahnhof. Um ihn siedelten sich die ersten Häuser an, von ihm aus reihen sich heute Einfamilienhäuser der Hauptstraße entlang. Ringsherum um Unterlüß liegt Wald, es gibt eine Grundschule, einen Istanbul Grill und ein Restaurant mit Kegelbahn.
Und Rheinmetall – den zweiten Grund. Der Rüstungskonzern nennt Unterlüß seinen „Traditionsstandort“. Seit 126 Jahren produziert man hier Waffen. Rheinmetall hat hier seine größte Produktionsstätte und das einzige private Testgelände für Munition Deutschlands. Seit Ende August steht hier die größte Munitionsfabrik Europas.
Abgesehen von Rheinmetall ist das Dorf unauffällig. Mit seinen Straßen zeichnet es eine schmale Schneise durch den dichten Wald der niedersächsischen Südheide. Im Ortskern gibt es ein paar Fachwerkhäuser, ein paar Siebziger-Jahre-Doppelhaushälften, Bäume säumen die Straßen. Ein alter Mann steht am Bordstein, vor sich hat er sein Fahrrad abgestellt. Er schaut den vorbeifahrenden Autos nach. Rheinmetall sei ganz normal. Viel will er nicht sagen, aber er bricht das Gespräch auch nicht ab. „Über Rheinmetall sagt niemand was, die arbeiten doch alle da.“
Erst nach zehn Minuten lässt er fallen: „Ja, ich habe da auch 30 Jahre lang gearbeitet.“ – Pause – „Ich bin extra dafür hergezogen.“ – Pause – „Aber ich war nur Lagerist, ich habe da nur Lieferungen eingelagert und in die Hallen gebracht.“ Wie war es für ihn, bei einem Waffenhersteller zu malochen? Redet man in der Belegschaft darüber, wo die Waffen später eingesetzt werden? „Da sagt niemand was dazu“, sagt er. Eine Frau mit Kinderwagen und Hidschab läuft vorbei. Er nickt in ihre Richtung und sagt: „Aber dazu sagt ja auch keiner was.“ Nun muss er aber los, seinen Namen möchte er nicht nennen. Er habe ja nichts zu sagen. Und radelt davon.
Wenn der NATO-Generalsekretär nach Unterlüß kommt
Auf der Straße patrouillieren immer wieder Polizeiwagen. Denn Rheinmetall feiert einen Meilenstein: die Eröffnung der neuen Munitionsfabrik. Als Gratulanten sind Nato-Generalsekretär Mark Rutte, Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und Finanzminister Lars Klingbeil gekommen. Rheinmetall wirbt mit 500 neuen Arbeitsplätzen und 200.000 Artilleriegranaten, die hier pro Jahr vom Band gehen sollen. Der Widerstand dagegen ist auf den ersten Blick überschaubar. 14 Demonstranten stehen auf der Straße, die zur neuen Munitionsfabrik führt, sie kommen aus Hamburg oder dem Wendland und möchten der Eröffnung etwas entgegensetzen.
Franziska aus Hamburg sagt, sie sei bereits seit 10 Uhr hier. Der Fabrikbesuch ist für halb drei angesetzt. „Wir standen nur zuerst an der falschen Halle“, ein ehemaliger Rheinmetaller habe sie dann zur richtigen Halle geführt. „Er konnte unsere Meinung nachvollziehen und hat uns nur gesagt, dass wir friedlich bleiben sollen“, erzählt Franziska. Und: „Vor einigen Jahren gab es hier wohl Ausschreitungen, und das muss ihm und seinen Kollegen noch immer in den Knochen stecken.“ Das Gespräch sei freundlich gewesen. „Was sollen wir den belehren? Für die Menschen hier ist das das tägliche Brot.“
Wie zur Illustration läuft in diesem Augenblick Corinna Richardsen-Herrmann an der Gruppe vorbei. Sie muss gleich zur Schicht in der Rheinmetall-Kantine. Der Protest geht für sie in Ordnung, Rheinmetall auch. „Für uns ist das ein ganz normaler Arbeitgeber, der gut zahlt und sichere Arbeitsplätze verspricht“, sagt Richardsen-Herrmann. Seit dem Ukrainekrieg denke sie sich manchmal, dass „das hier im Ernstfall ein Ziel sein könnte, aber wenn wir es nicht machen, dann werden die Waffen eben woanders produziert.“
Dass so hoher Besuch in ihr kleines Unterlüß kommt, macht sie stolz. Neben ihr steht ihr Sohn, er ist 13. „Später gehe ich entweder zu Rheinmetall, zur Bundeswehr oder in den Gartenlandschaftsbau“, sagt er. In Unterlüß sei sowieso fast jeder bei Rheinmetall.
Nicht viele möchten so offen sprechen, aber die Antworten ähneln sich. Rheinmetall gehört dazu. Es sei bloß schade, sagen Anwohner, dass die Kleingartensiedlung für einen Parkplatz an der neuen Fabrikhalle weichen musste. Außerdem wackeln in Unterlüß manchmal die Wände, wenn auf dem Schießplatz Munition getestet wird.
Die AfD kam hier auf 35 Prozent
Das Gelände zum Probeschießen und Detonieren ist 50 Quadratkilometer groß, ein riesiges Rechteck im Unterlüßer Wald, 15 Kilometer lang. Panzer rasen hier bei Tests über den Platz, bis zu 200 Kilogramm TNT können auf einmal in die Luft gejagt werden.
Das Thema allerdings, bei dem manche Anwohner Puls kriegen, sind die Wohnungen nebenan. Da wohnen Geflüchtete, seit deren Einzug habe sich die Stimmung im Dorf verändert. Und eine ältere Frau macht sich Sorgen wegen steigender Wahlergebnisse der AfD. Die kam bei der Bundestagswahl in Unterlüß auf 35 Prozent, während sie in ganz Niedersachsen nur bei 17 Prozent lag.
Kurt Wilks war lange Bürgermeister für Unterlüß. Er sagt, es gebe kein Problem mit Rechten. Die kämen, wenn aus der Umgebung, zum Beispiel aus Eschede. Dort gab es lange Zeit einen Hof der Partei „Die Heimat“, der ehemaligen NPD, wo sie Sommersonnenwende im Stil der Hitlerjugend feierte. Mittlerweile hat die Gemeinde Veranstaltungen auf dem Hof untersagt.
In Unterlüß bewarfen Unbekannte das Pfarrhaus mit einem Molotowcocktail. Der Unterlüßer Pfarrer Wilfried Manneke hatte sich jahrelang gegen Rechte eingesetzt und immer wieder Drohungen erhalten.
Explosionstests mit 200 Kilo TNT: Das hört man
Eine Anwohnerin sagt, dass im Dorf von den steigenden Gewinnen des Konzerns wenig ankomme. Im letzten Jahr ist der Umsatz von Rheinmetall um 36 Prozent gestiegen, im militärischen Bereich sogar um 50 Prozent. Auch das ordnet Kurt Wilks ein. Er könne aus rechtlichen Gründen nicht sagen, wie viel Rheinmetall an Gewerbesteuern zahlt. Aber ein florierendes Unternehmen in der Nachbarschaft zu haben, bringt natürlich Arbeitsplätze und Steuern.
Mit der neuen Fabrik soll es in Zukunft 3.500 Arbeitsplätze bei Rheinmetall geben. Unterlüß selbst hat rund 3.500 Einwohner, theoretisch könnte das gesamte Dorf am Fließband stehen. Wilks geht von rund einem Viertel der Unterlüßer aus, die bei Rheinmetall arbeiten.
Vor der Munitionsfabrik schießt um kurz vor drei die Kolonne mit Rutte, Klingbeil und Pistorius an der Protestgruppe vorbei. Kurz sprinten Polizisten los, als ein Demonstrant mit seinem Schild näher an die Fahrbahn läuft. Dann ist es vorbei. Nach fünf Stunden packt die Friedenstruppe zusammen, steigt in ihre Autos und fährt nach Hause.
Nur die Polizei bleibt zurück und drei Unterlüßer, die zu spät zum Protest gekommen sind. Sie störe der Lärm vom Testgelände und wie Rheinmetall mit dem Kleingartenverein umgegangen sei. Zu dem Vorschlag mancher Aktivisten, dass die Beschäftigten sich gegen die Produktion von Waffen stellen sollen, sagt einer: „Selbst wenn 1.000 Leute sagen, wir machen das nicht, dann stehen da am nächsten Tag 1.000 andere, die es machen.“
Das Unterlüßer Dorfwappen besteht aus drei Figuren: dem Hermesrad, das für die Bahnstrecke steht, durch welche das Dorf erst entstehen konnte. Einem Zahnrad für die Industrie, die das Dorf am Leben hält. Und Bäumen. Die umschließen das Dorf, den Bahnhof, den Schießplatz, die Munitionsfabrik.