Gabriel Zucman gelingt es, Frankreichs Milliardäre nervös zu machen, das muss man ihm lassen. Als „linksextremer Aktivist“, der die „französische Wirtschaft zerstören“ wolle, wurde er von niemand Geringerem als Bernard Arnault, dem reichsten Mann Frankreichs, in einem von dessen seltenen Interviews beschimpft. Zucman konterte auf X: „Nervosität berechtigt nicht zur Verleumdung.“
In seinem nun auf Deutsch erschienenen Büchlein Reichensteuer: Aber richtig breitet Zucman auf nur rund 50 Seiten nun den Vorschlag aus, der Arnault zu seiner Attacke bewogen hatte: eine Mindeststeuer von jährlich zwei Prozent auf die Vermögen aller „ultrareichen“ Franzosen, die mehr als 100 Millionen Euro besitzen.
Und auch wenn es hierzulande einige Unterschiede zum detailliert beschriebenen französischen Steuersystem gibt, lässt sich Zucmans Hauptthese auch auf den deutschen Kontext übertragen: Milliardäre zahlen aktuell nicht mehr, sondern sehr viel weniger Steuern als der Rest der Gesellschaft.
Mit Tricks und durch Schlupflöcher rechnen die Reichsten ihre Vermögen klein
Es ist beeindruckend, mit welcher Akribie Zucman diese These belegt. Detailreich zeigt er, dass die Durchschnittsfranzosen 51 Prozent ihres jährlichen Einkommens zu den öffentlichen Finanzen Frankreichs beitragen, die Milliardäre des Landes lediglich 13 Prozent. Dies gelingt den „Ultrareichen“, wie Zucman sie nennt, durch allerlei Tricks, vor allem durch die steuervermeidende Strukturierung ihres Vermögens in Holding-Gesellschaften. Dieses Steuerschlupfloch führt dazu, dass französische Milliardäre auf dem Papier kaum Einkommen erwirtschaften. In Deutschland, so Zucman, existieren ähnliche Möglichkeiten.
Um derlei Steuertricks zu vermeiden, plädiert Zucman schließlich für eine Rückkehr der Vermögenssteuer für alle Menschen, die mehr als 100 Millionen Euro besitzen, ganz egal, ob dieses Vermögen nun in Holdings liegt, aus Aktien, Unternehmensanteilen, Immobilien oder Antiquitäten besteht. Das Ziel: Alle Ultrareichen müssen pro Jahr mindestens zwei Prozent ihres Vermögens an Steuern zahlen. Wird dieser Wert bereits durch andere Steuern erreicht, fällt Zucmans Mindest-Vermögenssteuer weg. Bleibt die Steuerlast – wie fast immer – unter zwei Prozent, wird der Rest mit Zucmans Vermögenssteuer reingeholt.
Zucman hat bei Thomas Piketty gelernt
Dabei erkennt der Thomas-Piketty-Schüler Zucman das „dramatische Scheitern“ vergangener Vermögenssteuern in zahlreichen europäischen Ländern durchaus an, zeigt aber überzeugend, warum sein Ansatz dennoch gelingen kann: Sein Entwurf vermeidet konsequent die Schlupflöcher, die es derzeit zuhauf gibt. Eine inzwischen deutlich verbesserte Datenlage ermöglicht einen effektiven Zugriff der Steuerbehörden. Und Steuerflucht durch Wegzug kann problemlos verboten werden: Schließlich besteuern selbst die Vereinigten Staaten ihre Bürger, ganz egal, ob sie nun in Baltimore oder auf Barbados residieren.
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Kein Wunder, dass Frankreichs Multimillionäre und Milliardäre vor dieser Steuer zittern und den Untergang der französischen Volkswirtschaft heraufbeschwören. Doch dieses Schreckensszenario weiß Gabriel Zucman zu entkräften. Schließlich bestünden die Vermögen von Frankreichs Reichsten überwiegend aus Aktien. Mit genau diesen Aktien könnten die Reichen die Mindeststeuer begleichen, die operativen Mittel der französischen Unternehmen würden dadurch gar nicht angetastet.
Die Vermögenszuwächse der Ultrareichen würde diese Steuer wohl allenfalls verlangsamen
Im Gegenteil zeige die historische Erfahrung, dass eine größere Eigentums- und damit Machtverteilung innerhalb eines Unternehmens mit höherer Produktivität einhergehe. Eine These, die angesichts der katastrophalen strategischen Fehlentscheidungen etwa deutscher Unternehmen besonders in der Automobilbranche absolut schlüssig wirkt.
Gabriel Zucman möchte mit seinem Vorschlag einer Mindest-Vermögenssteuer von zwei Prozent auch dazu beitragen, antidemokratische und oligarchische Zustände wie in den USA zu vermeiden, wo die Milliardärsklasse insbesondere aus dem Silicon Valley zu den ergebensten Aliierten von Präsident Donald Trump zählt.
Doch spätestens hier stellt sich die Frage, ob sein Vorschlag das überhaupt leisten kann. Zucman gesteht ein, dass das durchschnittliche Milliardärsvermögen jährlich um sechs Prozent wächst. Dementsprechend würde eine Zwei-Prozent-Steuer die krassen Kapital- und Machtzuwächse der Milliardärsklasse vielleicht verlangsamen, aber kaum aufhalten und erst recht nicht umkehren.
Mit 17 Milliarden Euro mehr für den französischen Staat rechnet Zucman
Freilich könnte man argumentieren, man dürfe mit einer Reichensteuer zunächst nicht zu weit gehen, damit es eine Chance auf deren Umsetzung gibt. Doch auf härteren Widerstand als den von Bernard Arnault hätte Zucman selbst dann schwerlich treffen können, wenn er eine Mindeststeuer von sechs oder gar zehn Prozent gefordert hätte. Doch Zucmans etwas zu optimistische Annahme liegt nicht in seinem Entwurf der Steuer, sondern darin, was nach ihrer Umsetzung mit dem eingenommenen Geld passieren könnte.
Die rund 17 Milliarden Euro an zusätzlichen Einnahmen, die Zucman durch seine Mindeststeuer erwartet, könnte der französische Staat ihm zufolge einsetzen, „um die öffentliche Infrastruktur zu verbessern, in das Gesundheits- und Bildungswesen zu investieren oder die Steuern für andere Gruppen zu senken“. Nur: Warum sollten Frankreich, Deutschland oder irgendein anderer Staat, der innerhalb eines durch ökonomische und zunehmend militärische Konkurrenz strukturierten Staatensystems existiert, quasi automatisch genau das tun, wie Zucman impliziert?
Die Steuer-Mehreinnahmen könnten auch in Rüstung oder klimaschädliche Subventionen fließen
Genauso gut könnten die zusätzlichen Einnahmen durch ebenso wirtschaftsfreundliche wie klimazerstörende Subventionen für Dienstwägen und Fluggesellschaften oder die Anschaffung tödlicher Waffensysteme gesteckt werden – und so wieder in die Taschen der Reichsten zurückfließen.
Dass Zucman das nicht mitdenkt, bleibt ein blinder Fleck in einem sonst klugen Buch. Eine stärkere Besteuerung der Reichsten bleibt aus vielen Gründen absolut notwendig, ist aber eben nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite bräuchte es eine Ausgabenpolitik, die der wachsenden Verarmung der Gesellschaft etwas entgegensetzt und dabei planetare Grenzen achtet. Solange die nicht gesichert ist, macht eine Vermögenssteuer für Milliardäre dem Durchschnittsmenschen das Leben auch nicht leichter.
Reichensteuer. Aber richtig! Gabriel Zucman Suhrkamp Verlag 2026, 63 Seiten, 12 €