Auf jener Messe ARCO Madrid: Die Kunst des politischen Protests

Wer mit frischen Sinnen über die Madrider ARCO läuft, kann sich von der Vielfalt der Besuchergarderoben des Fachpublikums ebenso bezaubern lassen wie von der Originalität der Werke auf Spaniens wichtigster Kunstmesse, 213 Galerien aus dreißig Ländern versammelt sie dieses Mal, davon zwei Drittel aus dem Ausland und 24 aus Deutschland. Zum Trost für die bedrohte Natur sieht man überall Bäume und Zweige, ob in Öl, als Fotografie, in Holz, Keramik oder Metall, und manchmal wirkt die Materie ziemlich lebendig. Auch Textilkunst ist wieder da. Sie hängt bunt von der Decke, kriecht über den Boden oder ergießt sich in Wellen naturweißer Wolle – ein Werk der spanischen Künstlerin Mariadela Araújo – über den blinkenden Lexus LBX am Werbestand und macht aus dem feinen Gefährt laut Flyer einen „bewohnbaren Raum“.

Welche jungen Galeristen rücken nach?

Nach dem Tod der einflussreichen Galeristin Helga de Alvear im Februar 2025 und der Nachricht vor wenigen Monaten, dass ihre Töchter die Madrider Galerie nicht weiterführen würden, widmete die Kulturbeilage von „El País“ vor der diesjährigen ARCO dem Nachwuchs der Branche eine Doppelseite. In Madrid, Barcelona, Palma oder A Coruña führen junge Leute zwischen 35 und 45 Jahren, vorwiegend Frauen, Galerien wie Belmonte, Nordés, Bombon Projects oder Chiquita Room, um für Kunst, die sie auch politisch interessiert, einen sichtbaren Raum zu schaffen. Cy Schnabel, Sohn des amerikanischen Malers Julian Schnabel, hat gleich das spanische Atelier seines Vaters in San Sebastián in die Galerie Villa Magdalena umgewandelt. „Viele internationale Künstler haben in Spanien keine Vertretung“, lässt sich der Zweiunddreißigjährige von „El País“ zitieren.

Da scheint etwas zu wachsen bei Bombon projects: Eva Fàbregas’ Kunststoffplastik „Exudate #70“ von 2025, 105 mal 120 mal 90 ZentimeterEva Fàbregas/ Bombon projects

Auch die Madrider Galerie The Ryder, geführt von Patricia Lara, 37 Jahre alt, gehört zu den neueren Playern. Das diesjährige Showpiece, der „Wasserfall-Gong“ von Diego del Pozo Barriuso (12.000 Euro ohne Mehrwertsteuer) ist eine motorbetriebene Installation, bei der ein kleiner Hammer, an dem Fotografien der frühen LGBTQ-Bewegung hängen, immer wieder sanft gegen einen von einer Sichel gekrönten Wasserfall aus Kunstperlen schlägt. Der Künstler selbst erklärt den Mechanismus, deutet den Anspielungsraum an – doktrinärer Kommunismus, Heteronormativität – und weist auf die Stahlgewichte am Fuß der Installation hin, die Muckibude und Männlichkeitskult suggerieren.

Den Finger in die Wunden der Weltpolitik legen

Protest, politischer Aktivismus und queere Kultur sind – typisch spanisch, wie man inzwischen sagen darf – dominante Markierungen auf der diesjährigen ARCO. Die afghanische Künstlerin Kubra Khademi ist mit ihren weithin gezeigten Arbeiten aus dem Zyklus „Bread, Work, Freedom“ – „naiv“ gemalten nackten Frauen mit den Köpfen bekannter Politikerinnen, von Margeret Thatcher bis Angela Merkel – mit der Galerie Eric Mouchet nach Madrid gekommen und erklärt im Gespräch mit der F.A.Z., ihr Werk verdanke sich dem Trotz: Sie habe auf einen Protestbrief im Jahr 2021 keine Antwort erhalten und wolle auf die Tatenlosigkeit mächtiger Frauen hinweisen.

Immer prominent besucht: Spaniens Königin Letizia bei der Eröffnung der ARCOEPA

Bei Gilda Lavia (Rom) zeigt Pamela Diamante drei großformatige Fotografien (je 4800 Euro) von kunstvoll verschwommenen Frauengesichtern, unter deren ausdrucksstarken Augen jeweils auf Mundhöhe die realen Stahlklingen einer Fräsmaschine hängen. Sie wirken brutal, fügen sich aber auch harmonisch in die Proportionen der Bilder ein, als wäre die Bedrohung der Subjektivität eine Gegebenheit der Welt. Die Enthüllungen im Epstein-Skandal liefern dazu seit Monaten die mediale Begleitung. Die Galerie Livia Benavides beleuchtet derweil durch zwanzig Bilder der 1972 geborenen Peruanerin Sandra Gamarra (je 36.000 Euro) die Historizität rassistischer Klassifizierung: Gamarra verfremdet Gemälde der Kolonialkunst von 1770, auf denen die Figuren mit den Graden ihrer Hauttönungen bezeichnet sind, zu einem Rundgang durch die eigene Identität.

Ärger über die Mehrwertsteuer

Es gab einige Erfolge zum Auftakt: Carlos/Ishikawa aus London, wo als Highlight beeindruckende, aus Streichholzschachteln gefertigte Bilder in Erdtönen des Brasilianers Antonio Tarsis zu sehen sind (bis 48.000 Dollar), meldete schon nach dem ersten Tag drei Viertel des Stands als verkauft. Société (Berlin) bestätigte einen Höchstverkauf für rund 100.000 Euro. Und die oben genannte spanische Galerie Bombon Projects (Madrid, Barcelona) zeigte sich zufrieden über schnelle Verkäufe wie Eva Fàbregas’ Skulptur „Regrowth“ (2026) für 9000 Euro. Einen außergewöhnlichen ARCO-Beginn erlebte Capitain Petzel aus Berlin: Gleich am ersten Tag wurden sechs Werke zwischen jeweils 20.000 und 100.000 Euro an den Kunden gebracht. „Mein Herz“ (2025) von Leyla Yenirce erzielte 22.000 Euro.

Bei Lelong: Alabasterskulptur „Le rêve de Lucie Artista“ von Jaume Plensa, 2025Lelong / Jaume Plensa

Das allgemeinere Seufzen verstummt aber nicht. Wenig überraschend waren nach den Protestaktionen von Künstlern und Galeristen gegen die spanische Mehrwertsteuer auf Kulturgüter von 21 Prozent – im Vergleich zu fünf bis sieben Prozent bei der europäischen Konkurrenz – die schwierigen Bedingungen der Branche Gesprächsthema. Den Akzent setzt die Direktorin Maribel López jedoch anderswo. Die ARCO öffne sich durch kuratierte Kollektivausstellungen jungen Galerien, sagte sie im Gespräch mit Journalisten, halte die Verbindung zum wichtigen lateinamerikanischen Markt und setze im 45. Jahr ihres Bestehens auf das bewährte Format.

Bei der Alonso Garces Galería: Rosa Sanín, „Pintura N.º 2“, 1987, Acryl auf Leinwand, 132 mal 110 ZentimeterRosa Sanìn / Alsonso Garces Galería

Manchen allerdings erscheint das im kleinen Jubiläumsjahr zu wenig. Die Kulturbeilage der Zeitung „ABC“ sieht die Art Basel und Frieze in London als Globalisierungsgewinner, denn diese Messen hätten neue Märkte in Asien und der Golfregion erobert, während die ARCO sich regionalisiere, was schlicht Verzwergung bedeute. In diesem Sinn sei auch der 2016 gegründete ARCO-Ableger in Lissabon mehr von derselben Sache: Kunst im iberischen Weltwinkel. Seit Langem jedoch, so die Kritik, hätten besonders die potenten Sammler aus Lateinamerika ein besseres, leichter erreichbares Schaufenster in Miami, wohin die Art Basel schon 2002 expandierte, ganz zu schweigen von Hongkong im Jahr 2013. Die ­ARCO, so schließt „ABC“, habe das globale Wettrennen verloren. Einige Aussteller werden dagegen einwenden, nicht auf den Globus, sondern auf Spanien komme es an.

ARCO Madrid, IFEMA-Messegelände, bis 8. März, Eintritt 52 Euro.

Source: faz.net