Als Max Frisch Deutsch-Abitur machte, wählte er die Erörterung – und ließ seinen Lehrer forsch wissen: „Ich erstrebe hier keine Vollständigkeit. Aus Mangel an Zeit und Lust.“ Die Note, die Frisch dafür bekam, überrascht.
Uralte Entweder-Oder-Frage aller Abiturprüfungen: Nimmt man das Literaturthema – oder die freie Erörterung? Einer, mit dessen Büchern Generationen von Gymnasiasten traktiert wurden, wählte bei seiner Reifeprüfung das Erörterungsthema. „Licht- und Schattenseiten der modernen Technik“.
Woher wir das wissen? Weil erst kürzlich sein Abituraufsatz (die Schweizer sagen: „Maturaufsatz“) wiederaufgetaucht ist. Wer nachlesen will, wie sich der später berühmte Schriftsteller Max Frisch („Stiller“, „Homo Faber“) beim Abitur geschlagen hat, muss sich die Publikation „Bitte nicht ins Buch kritzeln! Von Lehrmitteln und Lernwegen“ (hg. von Dirk Vaihinger. Lehrmittelverlag Zürich, 16 Euro) besorgen.
Der Maturand Frisch schreibt selbstbewusst, lässt seinen Deutschlehrer schon im ersten Satz wissen, wo der Hammer hängt: „Wäre ich eine Autorität, hätte mein Name schon den Klang, der die Leute aufhorchen lässt, hätten meine Worte die suggestive Kraft einer Persönlichkeit, wollte ich mir erlauben, die Menschheitsgeschichte in eine Handvoll Sätze zusammenzuballen, in grotesker Kürze Geburt und Säuglingsalter und Diktatur der Technik einzubetten.
Vielleicht so: Unsere Papas, die Urmenschen kämpften gegen Tiere, Wetter, Mitmenschen, jagten, zerlegten die Beute, fraßen, gruben Höhlen, schliefen und pflanzten sich fort und krepierten. Und das füllte ihr Leben. Sie waren vollauf beschäftigt, hatten weiß Gott keine Zeit über alles nachzudenken; für sie war alles so selbstverständlich, und darum waren sie glücklich.“
Im Ton durchaus nassforsch, erzeugt der Matura-Max also erst einmal eine Fallhöhe, um die mit ihrem schieren Überleben beschäftigten Urmenschen als die glücklicheren Menschen zu skizzieren. Denn:
„Wir haben heute die Technik.“ Die Technik, so der Abiturient Max Frisch, erspare uns zwar viel Kraft und Zeit, aber eben die durch technische Hilfe gewonnene Zeit sei auch das zentrale Problem:
„Wie füllen wir denn diese Zeit? Wir denken über – gestatten Sie den Ausdruck? – über allen Teufelskram nach. Und das Resultat? Probleme! Dinge, die für den nichtdenkenden Menschen vollkommen selbstverständlich wären, wuchten sich auf, ballen sich zu unlösbaren Problemen. Wir haben Erziehungsprobleme, volkswirtschaftliche Probleme, Eheprobleme, wissenschaftliche Probleme, Sexualprobleme. Auf jeden Quadratmeter unserer Erde ein Problem!“
Das ist schon einigermaßen pointiert. Aber: Was wusste der 19-jährige Frisch von Eheproblemen? Immerhin, er wird später mit „Stiller“ einen der berühmtesten Eheromane der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur schreiben und, apropos Sexualprobleme, in seiner Beziehung mit Ingeborg Bachmann einen speziellen „Venedig-Vertrag“ abschließen, der beiden Seitensprünge gewährte.
Beziehungsprobleme und überhaupt Probleme der menschlichen Existenz gäbe es nicht, wenn die Menschen nicht so viel Zeit zum Grübeln hätten. Natürlich hat der unreife Max Frisch sein Argument nicht ganz zu Ende gedacht, aber diese Arroganz gönnt der Abiturient sich: „Ich erstrebe hier keine Vollständigkeit. Aus Mangel an Zeit und Lust.“
Ganz am Schluss seines Aufsatzes erlaubt sich der spätere Schriftsteller, die zweite Hälfte seines Erörterungsthemas anzugehen: „Wenn ich nun von den Lichtseiten der Technik sprechen soll, komme ich tatsächlich in Verlegenheit.“ Immerhin, so Frisch als stolzer Schweizer: „Eine Lichtseite der Technik wäre zum Beispiel, dass sie uns ermöglicht, die Schönheit unserer Erde zu sehen. Bergbahnen, komfortable Weltreisen! Es ist eine Lichtseite.“ Aber dieses Licht sei „so wenig vergleichbar wie das Licht eines Glühwürmchens mit der Dunkelheit bewölkter Nächte“.
Frisch bekam für seinen Text eine 4-5. Bevor jetzt alle durch „Stiller“ oder Homo Faber“ Gepiesackten aufheulen vor Freude, dass ein berühmter Schriftsteller mit einem Deutschaufsatz zwischen ausreichend und mangelhaft durchs Abitur kam, sei schnell erläutert: Im Notensystem der Schweiz ist 6 die beste Note, eine 4-5 entspricht in Deutschland also einer 2-3.
Einigermaßen kurios ist die Geschichte, wie das Schriftstück ins Max-Frisch-Archiv kam. Ein Herr namens Hans Eggenberger teilte kurz vor seinem Tod mit, dass er seit 1954 im Besitz des Maturaufsatzes von Max Frisch sei. Er sei in Zürich auf die gleiche Schule gegangen und habe Frischs Aufsatz auf dem Dachboden der Schule entdeckt und mitgehen lassen, um ihn für die Nachwelt zu retten.
Nachlesen kann man auch diese kuriose Geschichte in der oben erwähnten Publikation. Ob die darin enthaltene Erstveröffentlichtung des Maturaufsatzes von Max Frisch nun wirklich „eine kleine literaturgeschichtliche Sensation“ ist, wie der Literaturwissenschaftler und Kritiker Thomas Strässle behauptet? Na ja. Als Präsident der Max-Frisch-Stiftung von der ETH Zürich muss er das wohl so formulieren, wobei er das Attribut ‚klein‘ womöglich weggelassen hätte, wenn es eine wirkliche Sensation gewesen wäre.
Spannender sind und bleiben Frischs erste Texte als Journalist, seine Reise in die Tschechoslowakei nach Prag – als Eishockey-WM-Reporter der „NZZ“ – und seine anschließende Tour durch Ostmittel- und Südosteuropa: Budapest, Sarajevo, Dubrovnik, Athen. Aus dieser Reise geht sein erster Roman „Jürg Reinhart“ hervor. Schon in diesem Frühwerk wird Reinhart in eine Rolle gedrängt, der er entrinnen will. Max Frisch hat sein Lebensthema gefunden. Drei Jahre nach dem Abitur ist er bereits ein Schriftsteller, obwohl er den Journalistenberuf und das Germanistikstudium bald aufgibt und nun erst einmal Architekt wird. Aber das ist eine andere Geschichte.
Source: welt.de