Heute beginnt die 76. Berlinale. Zehn Tage voller Filmfieber und flüchtiger Wahrheiten im Blitzlicht. Unsere Reporter mischen sich unter die Cineasten, jagen Gerüchten nach – und suchen nach bleibenden Bildern. Willkommen beim Live-Ticker!
So, der Spaß und wahrscheinlich auch a bisserl Leid gehen wieder los. Welcome to the Berlinale, schon die 76., was sich langsam alt anhört. Dem Kino ging es wirklich schon mal besser, es ist ebenfalls in die Jahre gekommen. Die Amerikaner frequentieren ihre Multiplexe nur noch halb so häufig wie vor der Pandemie. Dafür meldet der deutsche Film Rekorde. German Films – die offizielle Auslandsvertretung der Branche – ließ vor ein paar Tagen wissen, mehrheitlich deutsche Produktionen hätten ihre Einnahmen jenseits der Grenzen im vergangenen Jahr verdoppelt, von 116 Millionen auf knapp 250 Millionen Euro. Das lag vor allem am „Kanu des Manitu“ und „Maria“ mit Angelina Jolie als Maria Callas, eine Ko-Produktion von Komplizen Film.
Ob sich der Trend auf der Berlinale fortsetzt, immerhin dem größten Publikumsfestival der Welt? US-amerikanische Filme sind jedenfalls Mangelware. Dafür strotzt zumindest der Wettbewerb, in dem 22 Filme um den Goldenen Bären konkurrieren, vor ehrgeizigen Schwellenländern. Die Beiträge kommen im Zweifel aus Bulgarien, dem Tschad, Senegal, Guinea-Bissau, Mexiko und der Türkei. Die Regisseure muss man erst mal googeln. So muss das sein auf der Berlinale, die sich traditionell das Politische auf die Fahnen schreibt. Die größten Blockbuster des Jahres gehen schließlich schon nach Cannes und Venedig. Viel Gelegenheit zu Anti-Israel-Protesten gibt das Programm dieses Jahr nicht her, zumindest nicht auf dem Papier. Erfahrungsgemäß findet sich in Berlin aber immer ein Anlass.
Drei deutsche Filme sind im Wettbewerb: Ilker Çataks „Gelbe Briefe“, der in der Türkei spielt, Eva Trobischs „Etwas ganz Besonderes“, der dem Waschzettel zufolge von einer Gesangs-Castingshow im Thüringer Wald handelt, sowie „Meine Frau weint“ von Angela Schanelec. Da lautet die offizielle Ankündigung: „Ein gewöhnlicher Arbeitstag auf einer Baustelle. Den 40-jährigen Kranführer Thomas erreicht ein Anruf seiner Frau: Er soll sie im Krankenhaus abholen. Dort angekommen, findet er sie allein auf einer Parkbank sitzend vor. Sie weint.“ Klingt interessant, finden Sie nicht?
Aber im Ernst: Es ist jede Menge tolles Zeug zu erwarten: Channing Tatum, der es in „Josephine“ ausnahmsweise im ernsten Fach versucht. Oder Sandra Hüller in „Rose“, einem Crossdresser-Drama aus dem 17. Jahrhundert. Alle lechzen auch „Rosebush Pruning“ entgegen, mit dem selbstkolportierten neuen Bond-Darsteller Callum Turner, zudem Jamie Bell, Elle Fanning und Pamela Anderson. Außer Konkurrenz legt sich in „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ Sam Rockwell – den man wegen seines grandiosen „Ich möchte eine Thai-Frau sein“-Monologs in der letzten „White Lotus“-Staffel in bester Erinnerung hat – mit einer sinistren Künstlichen Intelligenz an. Und Popstar Charli XCX präsentiert „The Moment“ über ihr Leiden am eigenen Ruhm. Kylie Jenner spielt mit und bringt eventuell ihren Boyfriend Timothée Chalamet mit auf die Premierenparty.
Unsere rasenden Reporter – Jan Küveler (küv) und Marie-Luise Goldmann (gold) – sind jedenfalls gespannt wie zwei Flitzebögen. Wim Wenders sicher auch, der Mann sitzt als lebende Legende der Internationalen Jury vor, die über die Hauptpreise entscheidet. Im selben Boot an den Rudern: Min Bahadur Bham (Nepal), Bae Doona (Südkorea), Shivendra Singh Dungarpur (Indien), Reinaldo Marcus Green (USA), HIKARI (Japan) und Ewa Puszczyńska (Polen).
Jetzt müssen wir los, ins Kino und auf die Parties. Wir lesen uns an dieser Stelle!
Source: welt.de