Auch wer nie selbst im Krieg war, wird von seinen Dämonen heimgesucht

Ein Geschichtslehrer erzählt seinem Schüler so lebendig von der Kavallerie, dass er sich begeistert zur Armee meldet. Doch an der Ostfront kann von Ritterlichkeit keine Rede sein. Norbert Gstreins Roman mustert das 20. Jahrhundert, wo Krieg und Gewalt sich immer weiter fortzeugen.

Der Geschichtslehrer Adrian Reiter hat ein Problem, wenn er vor seine Klasse tritt, und das hängt auch mit seinem sprechenden Namen zusammen. Es sind die 1930er-Jahre, Reiter unterrichtet an einem Salzburger Gymnasium, und seine Schüler wollen nicht glauben, dass dieser junge Mann, der sein Bein so auffällig nachzieht und alles über die k. u. k. Kavallerie weiß, nicht selbst im Ersten Weltkrieg Attacke geritten ist und heldenhaft seinen Säbel gegen die Feinde Österreichs geschwungen hat.

Doch Reiters Verletzung hatte ihm der eigene Vater, ein Postbeamter mit sozialistischen Neigungen, mit der Axt zugefügt, um ihn vor der Einberufung zu bewahren. Und seine Weltkriegs-Obsession, die ihn immer wieder verleitet, seinen Schülern langatmige Monologe über Schlachtverläufe, Fehlentscheidungen der Generalität oder das Exerzierreglement zu halten, hat einen anderen Grund.

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Als junger Angestellter eines Seehotels machte er einst die Bekanntschaft einer Gruppe von Kriegsinvaliden, alle mit gravierenden, entstellenden Gesichtsverletzungen. In ihrer Villa am See hatte die betuchte Wiener Familie Eller ihren schwer versehrten Sohn Ernest untergebracht, oder genauer gesagt: versteckt, nachdem sie ihn nach der Verwundung hatte für tot erklären lassen.

Nun trauert der todunglückliche Ernest Eller inkognito – unter seinen Schicksalsgenossen wird er nur „Lemberg“ gerufen – seiner Jugend nach, als ihm die ganze Welt offenzustehen schien. Adrian Reiter erlebt diesen von Leid und Tod überschatteten Sommer am See paradoxerweise als eine Zeit des Aufbruchs und der Initiation in eine ihm fremde Welt.

Norbert Gstreins für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierter neuer Roman „Im ersten Licht“ erzählt aus der rückblickenden Perspektive Reiters die Geschichte Mitteleuropas im 20. Jahrhundert, in der aus Krieg und Zerstörung stets neue Gewalt hervorgeht. Im Zentrum des zweiten, in den 30er-Jahren einsetzenden Teils steht ein hochbegabter Schüler Reiters, Martin Baumgartner, der von den Kriegslektionen seines Lehrers befeuert wird. Er meldet sich freiwillig zur österreichischen Armee, wird nach dem „Anschluss“ 1938 zum Wehrmachtssoldaten und dann an der Ostfront zum Kriegsverbrecher.

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Reiter ist ein vom Krieg Verschonter, der dennoch in dessen Bann gerät. Ein Unbeteiligter, keinesfalls ein Rechter oder gar Nazi, doch er fantasiert sich an die Stelle der sogenannten Kriegshelden, obwohl er deren Elend doch aus nächster Nähe sah – fast alle der Invaliden aus der Seevilla nahmen sich das Leben. Seine Klassenzimmer-Reden geben nolens volens die Saat einer idealistischen Verklärung des Soldatischen weiter, sodass er sich später mitschuldig am neuerlichen Kriegsunwesen, sogar am Holocaust fühlt. Im Schnapsrausch bei einem Fronturlaub erzählt ihm der Baumgartner vom Mord an den Juden in einem ukrainischen Dorf. Nach dem Krieg will er von den Untaten nichts mehr wissen.

Bei Urlauben in England lernt Reiter in den 60er-Jahren Vivian kennen, die das Schicksal ihres im Ersten Weltkrieg wegen Feigheit vor dem Feind erschossenen Bruders nicht loslässt. Auch in der Fremde scheint Reiter den Dämonen der Geschichte nicht entfliehen zu können. Doch indem er Vivian dabei hilft, sich aus ihrer manischen Fixierung auf „The Great War“ zu befreien, lernt Reiter im dritten Romanteil, mit seinem eigenen Trauma zu leben.

Die malerische Landschaft der Downs tritt als utopisches Gegenbild neben die Schlamm- und Blutwüsten der Schlachtfelder von Flandern bis Galizien, in denen „das erste Licht“ des frühen Morgens oft den Tod bedeutete: Es ist die Zeit, wenn der selbstmörderische Sturmangriff auf die feindlichen Stellungen beginnt. Oder wenn der Deserteur vor das Erschießungskommando tritt.

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Für diesen riesigen Stoff ist das kein dicker Roman geworden – verglichen etwa mit Clemens Meyers Opus „Die Projektoren“ vor zwei Jahren, das auf erzählerisch andere Weise eine Tiefenbohrung in einer anderen blutgetränkten Landschaft unternahm, dem Balkan. Der 1961 geborene Gstrein beherrscht die erzählerische Ökonomie perfekt, das Spiel dezenter Vorausdeutungen und Anspielungen, den Aufbau von Spannung, die Ensemblewirkung von Haupt- und Nebenfiguren.

Zugleich klingen in diesem Roman Themen früherer Hauptwerke an: die Identitätssuche zwischen Täter und Opfergeschichten in „Die englischen Jahre“ (1999), die Schuld der Beobachter im Krieg in „Das Handwerk des Tötens“ (2003), die Frage nach der Verantwortung des Lehrers für die Radikalisierung eines Schülers in „Eine Ahnung vom Anfang“ (2013) und überhaupt der historische Österreich-Komplex aus Größenwahn, Verstrickung, Verdrängung und Verleugnung.

In unseren kriegerischen Zeiten muss nicht eigens betont werden, wie aktuell dieser große historische Roman ist, der davon erzählt, wie eine ganze Welt schon in der frühen Morgenröte ihre Unschuld für immer verlor. Vergebens hat man gehofft, dass das 21. Jahrhundert vom 20. gelernt hätte.

Nobert Gstrein: „Im ersten Licht“. Hanser, 416 Seiten, 27 Euro.

Source: welt.de

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