Timothée Chalamet verkörpert einen Tischtennisspieler mit Aufstiegshunger, dem alles recht ist, um sein Ziel zu erreichen. Einer seiner Gegner ist Timo Boll. Die deutsche Tischtennis-Ikone musste ihr Spiel für den oscarprämierten Film neu erfinden.
Bei der Oscar-Verleihung hat Timo Boll früher allenfalls mal reingeschaut, wenn er nachts zufällig aufgewacht war. Dieses Mal war es anders. Boll fieberte bei der Show im Dolby Theatre mit. Aus gutem Grund. „Ich muss ja Daumen drücken“, erzählte er im Vorfeld. Und es hat geholfen. Sein Herzensfilm „Marty Supreme“, das mit neun Oscar-Nominierungen ins Rennen gegangen war, blieb am Ende völlig ohne Auszeichnung.
Und mit ihm ein wenig auch die deutsche Tischtennis-Legende. „Egal, welchen Oscar ‚Marty Supreme‘ bekommt“, hatte Boll mit einem Schmunzeln vor der Preisverleihung gesagt, „es ist auch meiner.“ Er bekleidete an der Seite der Hauptdarsteller Timothée Chalamet und Gwyneth Paltrow eine Nebenrolle.
Chalamet verkörpert einen Tischtennisspieler mit Aufstiegshunger, dem alles recht ist, um sein Ziel zu erreichen. Der Film ist weniger Sportlerbiografie als Charakterstudie. „Marty Supreme“ erzählt vom Preis des Ehrgeizes und einer wahnhaften Suche nach Erfolg. Im Fokus steht ein junger Mann namens Marty, der im Manhattan der frühen 1950er Jahre aufwächst und eigentlich im kleinen Schuhgeschäft seines Onkels arbeiten soll.
Marty aber hat andere Ziele und will Tischtennis-Champion werden. Um sich Reisen zu verschiedenen Turnieren etwa in Japan finanzieren zu können, belügt er seine Familie, beklaut sein Umfeld und strotzt dabei vor Selbstvertrauen. Während er um die Welt reist, wartet in New York seine schwangere Affäre – die aber eigentlich mit jemand anderem verheiratet ist. Es ist eine vom Leben des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reisman inspirierte, überdrehte Tragikkomödie.
Marty Reisman kontrollierte die Netzhöhe beim Tischtennis mit 100-Dollar-Scheinen
Reisman war im New York der 1950er und 1960er Jahre eine kleine Berühmtheit. Man kannte ihn unter anderem für den Trick mit der Zigarette: Reisman konnte sie mit einer harten und präzisen Vorhand zerteilen. Später trat er damit in der TV-Show von David Letterman auf.
Und Boll? Spielt in „Marty Supreme“ den Tschechoslowaken Vladimir Sebek, der sich bei den British Open Anfang der 1950er-Jahre dem Protagonisten geschlagen geben muss. In einem Interview mit dem „Spiegel“ hat Boll Einblicke gegeben, mit welcher Akribie allein seine Szenen vorbereitet wurden. Der 45-Jährige war einer der Wunschakteure des Regisseurs Josh Safdie, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Der Amerikaner ist großer Tischtennis-Fan, er kannte Boll, spielt privat mit demselben Schläger, den auch Boll nutzt.
Zunächst hatte das Filmstudio mit dem erfolgreichsten deutschen Tischtennis-Profi der Geschichte Kontakt aufgenommen, später dann Safdie selbst. Er machte Boll sofort deutlich, wie wichtig es ihm ist, dass die Tischtennis-Szenen professionell wirken. Chalamet selbst hatte bereits 2018, nach ersten Gesprächen mit dem Regisseur, mit dem Training begonnen.
Boll berichtete, dass ihn der 30 Jahre alte New Yorker „schon beeindruckt“ habe: „Seine Koordination war super. Man hat gemerkt, dass er sich intensiv vorbereitet hatte. Er hat die Technik von damals sehr gut imitiert und es toll aussehen lassen. Die einstudierten Punkte musste ich verlieren. Wenn ich mich nach einem Ballwechsel zu sehr geärgert habe, bekam ich sofort einen Rüffel, es nicht zu übertreiben: Don’t overact!“
Für die Szene mit Chalamet und Boll wurde eine Woche lang trainiert
Die Dreharbeiten fanden schon vor eineinhalb Jahren statt. Boll steckte da gerade mitten in seiner Abschiedssaison, die mit Terminen vollgepackt war. Zufälligerweise passte es aber. Mit einem Arbeitsvisum reiste er im Herbst 2024 für zwei Wochen nach New York.
Für seine Szene mit Chalamet wurde eine Woche lang trainiert. Jeder Ballwechsel war gescriptet, jede Platzierung, jeder Schlag. Es gab dafür extra einen Choreografen. Boll sollte in seiner Rolle Tischtennis spielen wie in den 50er Jahren. Damals wurde mit weniger Spin gespielt, man hat nicht so viel ausgeholt und stand aufrechter an der Platte. Die Spieler hatten im Vergleich zu heute weniger Körperspannung, weniger Kompaktheit in ihren Bewegungen. Dafür wirkte alles lockerer und eleganter.
Insgesamt wurden fünf Ballwechsel einstudiert, von denen es am Ende einer in den Film geschafft hat. Drei Stunden lang hätten sie allein dafür gedreht, erzählte Boll, manchmal sogar um zwei Uhr nachts. Am nächsten Tag habe er „einen wahnsinnigen Muskelkater“ gehabt.
Es ist nicht ganz klar, ob er das ernst meinte. Fakt ist nur, dass er daraufhin dem Filmteam empfahl, unbedingt einen Physiotherapeuten ans Set zu holen, weil Chalamet das kaum durchhalten könne. „Es war schon sehr anspruchsvoll, sowohl körperlich als auch mental“, sagte Boll.
Chalamet habe viel mit Profisportlern gemein
Chalamet habe sich außerdem viel für die eigene Rolle zeigen lassen. „Auch am Set wollte er häufig die Szenen noch mal einüben, sobald er Zeit hatte. Natürlich hat er sich auch vieles erklären lassen, und man spürte, dass er viel Respekt hat vor uns Sportlern“, sagte Boll.
Hinter den Szenen steckte eine aufwendige Recherche. Boll bekam viele Videos von früher gezeigt, teilweise waren die Ballwechsel exakt nachempfunden. Gespielt wurde mit alten Hardbats, also Schlägern mit einer dünnen Schicht Sandpapier. „Gleichzeitig wurden aber auch moderne Elemente eingebaut, zum Beispiel die beidhändige Rückhand des Brasilianers Hugo Calderano oder mein Handwechsel“, sagte Boll. Er habe bei Chalamet viele Ähnlichkeiten zu einem Profisportler erkannt: wie er sich fokussiert und auch in einer Art Tunnel sei.
In „Marty Supreme“ erreicht Chalamet, da ist sich die Kritik einig, tatsächlich Großes. Er verkörpert seinen Antihelden mit beeindruckender körperlicher Präsenz. Jede nervöse Schulterbewegung, jeder Blick erzählt vom inneren Druck, der Marty antreibt.
Schauspieler? Boll winkt ab
Es gibt im Film zudem einige eigenwillige Ideen, die gut funktionieren. Gleich am Anfang etwa hat Marty mit seiner Jugendfreundin Rachel (Odessa A’zion) in einem Lagerraum Sex. Was daraus resultiert, ist in einer Art Retro-Animation zu sehen: Spermien befruchten eine Eizelle, die sich schließlich in einen Tischtennis-Ball verwandelt.
Ob Hollywood gut zahle, wurde Boll im Nachgang im Interview der „SZ“ gefragt. Wegen des Geldes habe er es nicht gemacht, antwortete Boll, „war aber okay“. Er habe Chalamet zum Schluss einen Schläger geschenkt, worüber der sich sehr gefreut habe. Im Gegenzug bekam Boll auf das Cover vom Drehbuch ein paar nette Worte geschrieben.
Und er bekam Post. Die amerikanische Schauspielergewerkschaft schrieb ihn an. Er habe genug Bildschirmzeit, um bei ihnen aufgenommen zu werden. „Aber ich glaube“, sagte Boll, „in dieser Hinsicht ist der Zug für mich abgefahren. Das ist wie im Sport: Wenn du da nicht früh genug dabei und ohnehin nicht so sehr talentiert bist, wird es schwer.“
Source: welt.de