Auch im Transhumanismus bleibt welcher Mensch ein sterbliches Wesen

In der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus wird zumeist eine Karikatur des Transhumanismus gezeichnet, die mit der Nuanciertheit der Bewegung nichts zu tun hat. Oft wird der klassische Transhumanismus des schwedischen Philosophen Nick Bostrom als Transhumanismus an sich genommen, da seine Überlegungen eine enorme Wirkmächtigkeit im Silicon Valley entfalteten.

Elon Musk hat 2015 eine Million britische Pfund an das von Bostrom geleitete Institut an der Universität Oxford gespendet, einen Klappentext zu Bostroms Buch Superintelligenz verfasst und zahlreiche von Bostrom entwickelte Ideen popularisiert. Innerhalb des Transhumanismus werden jedoch Bostroms Überlegungen aus unterschiedlichen Perspektiven kritisiert. Außer der Tatsache, dass es sich beim Transhumanismus nicht um einen Monolithen handelt, muss herausgestellt werden, dass Überlegungen sorgfältig gelesen werden müssen, bevor sie kritisiert werden dürfen. Das gilt auch für Eckardt Löhrs Kritik am Transhumanismus, die im Freitag erschienen ist.

Löhr schreibt: „Der transhumanistische Philosoph Stefan Lorenz Sorgner ist davon überzeugt, dass das äußere Erscheinungsbild eines Menschen (Phänotyp) ausschließlich durch seine Gene (Genotyp) bestimmt wird.“

Einen solchen genetischen Determinismus habe ich nie vertreten. Bereits seit der ersten Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus im Jahr 1999 habe ich die Relevanz der Epigenetik hochgehalten. Zu behaupten, dass ich vertrete, „dass das äußere Erscheinungsbild eines Menschen (Phänotyp) ausschließlich durch seine Gene (Genotyp)“ bestimmt sei, ist ein Musterbeispiel eines Strohmann-Arguments. Dem intellektuellen Gegner wird eine Position zugeschrieben, die dieser nie vertreten hat, um seine Überlegungen als absurd darzustellen.

Gegen den libertären Generalverdacht

Analog geht Löhr auch im übrigen Teil des Textes vor. Ein weiterer zentraler Punkt seiner Argumentation ist der des Elitismus, indem er herausstellt, dass „eine kontrollierte, totalüberwachte und zutiefst ungerechte Zweiklassengesellschaft“ notwendigerweise mit dem Transhumanismus einhergehe.

Hier begeht er den Trugschluss der unzulässigen Verallgemeinerung. Weil der ursprüngliche und der klassische Transhumanismus sich für Formen des Libertarismus aussprechen, die einen Elitismus nahelegen, so träfe dies auf den Transhumanismus im Allgemeinen zu. Dies ist ein Fehlschluss. Sowohl der ursprüngliche als auch der Euro-Transhumanismus sind starke Kritiker des Libertarismus.

Der technoprogressive Think Tank IEET (Institute for Ethics and Emerging Technologies) wird von dem Transhumanisten James Hughes geleitet, dessen gesamtes politisches Projekt darauf ausgerichtet ist, eine Zweiklassengesellschaft durch sozialdemokratische Interventionen zu verhindern. Entgegen dem libertären Klischee des Transhumanismus sind viele Führungskräfte der AFT-Technoprog (Association Française Transhumaniste) tief in progressiven, ökologischen und sozialdemokratischen Bewegungen verwurzelt.

Das Erbe der Eugenik?

Einen weiteren Fehlschluss begeht Löhr, wenn er den Transhumanismus in die Nähe der Eugenik rückt. Hier begeht er den genealogischen Fehlschluss: „So lebensfreundlich der Transhumanismus sich gibt, ist er in Wahrheit eine gefährliche Ideologie, die den Menschen zu einem kranken und mangelbehafteten Wesen degradiert, das technisch verbessert werden muss. Sie hat ihre Wurzeln in der Eugenik und missversteht fundamental das Wesen des Lebens und des Todes.“

Indem er den Begriff der Eugenik auf den Transhumanismus bezieht, schwingt in seinen Überlegungen mit, dass eine staatlich regulierte Eugenik, wie sie in der Zeit des Nationalsozialismus praktiziert wurde, auch heute noch vom Transhumanismus vertreten würde. Dies ist nicht der Fall. Gegenwärtige Debatten zum genetic enhancement haben nichts mit den moralisch verwerflichen Praktiken der NS-Zeit zu tun. Hier wird vielmehr darüber reflektiert, ob Eltern das Recht haben sollten, auf bestimmte Modifikationstechniken zurückzugreifen, wenn diese technisch auf verlässliche Weise zu realisieren sein sollten, zum Beispiel um die Immunität gegen HIV zu realisieren.

Nur weil eine Idee einen fragwürdigen Ursprung hat, ist ihr heutiger Kern nicht automatisch falsch – sonst müssten wir auch die Autobahnen oder das Tierschutzgesetz ablehnen, weil sie in der NS-Zeit forciert wurden.

Auch eine Abwertung von Menschen mit Behinderung ist kein Bestandteil transhumanistischen Denkens. Trotzdem schreibt Löhr Folgendes: „Und ,Krankheiten‘ wie das Down-Syndrom ausrotten zu wollen, heißt nichts anderes, als diesen Menschen im Nachhinein ihr Lebensrecht abzusprechen“. Hierbei handelt es sich um einen Non Sequitur Fehlschluss. Das Bemühen darum, eine Krankheit zu heilen, bedeutet nicht, dass Personen, die unter dieser Krankheit leiden, diskriminiert werden sollten.

Reproduktionsfreiheit als Errungenschaft

Ebenso hätte Löhr folgendes schreiben können: „Wer in der Schwangerschaft Folsäure zu sich nimmt, um Spina bifida zu verhindern, spricht Menschen mit Rollstuhl das Lebensrecht ab.“ Es ist vielmehr ein entscheidendes Anliegen des Transhumanismus, die morphologische, die Erziehungs- und auch die Reproduktionsfreiheit weiter zu fördern. Was bedeutet dies konkret?

Es gab in den USA ein taubes, lesbisches Paar, das davon ausging, dass Taubheit keine Behinderung, sondern eine Andersheit ist. Diese Einschätzung wird in der Gemeinschaft der Gehörlosen auch von vielen geteilt. Sie hatten den Wunsch, ein Kind zu bekommen, und wählten dabei einen lange befreundeten Samenspender aus, der ebenso gehörlos war und der an der gleichen Universität wie sie selbst unterrichtete, um auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, ein gehörloses Kind zu bekommen. Dieser Wunsch wurde ihnen gewährt.

Eine Abwertung von Menschen mit Behinderung ist kein Bestandteil transhumanistischen Denkens

Wer auch immer Reproduktionsfreiheit schätzt und davon ausgeht, dass es kein universal gültiges Verständnis des guten Lebens gibt, der sollte dem betreffenden Paar diesen Wunsch gewähren. Es ist hier wichtig, dass dem Kind bei diesem Vorgang kein Schaden zugefügt wird. Es wird ihm keine Fähigkeit weggenommen. Es wird sich ausschließlich darum bemüht, dass die Wahrscheinlichkeit des Vorhandenseins einer bestimmten Eigenschaft erhöht wird.

Dies ist ein legitimer Wunsch, den auch ich für moralisch legitim erachte. Aufgrund der Reproduktionsfreiheit sollte Eltern diese Wahlmöglichkeit zustehen. Löhr hingegen behauptet Folgendes: „Bereits die Forderung, den Menschen zu verbessern, setzt die Überzeugung voraus, dass er grundsätzlich verbesserungsbedürftig, also ein ‚Mängelwesen‘ ist.“

Diese Einschätzung mag auf den klassischen Transhumanismus zutreffen. Dieser sollte jedoch nicht für den Transhumanismus im Allgemeinen stehen. Entscheidend ist, dass die Reproduktionsfreiheit als eine entscheidende Errungenschaft im Transhumanismus angesehen wird, und eine liberale Grundhaltung ist für den Transhumanismus im Allgemeinen bezeichnend. Das gerade erwähnte Beispiel macht sogar explizit deutlich, dass der Mensch im Euro-Transhumanismus nicht als Mängelwesen angesehen wird.

Altern ist ein technisches Problem

Die oben genannte Liste an Fehlschlüssen in Löhrs Artikel ist bei Weitem noch nicht komplett. Ein weiteres Thema muss abschließend noch thematisiert werden, da dieses gegenwärtig das wohl wichtigste Tätigkeitsfeld des Transhumanismus ist: die Verlängerung der Gesundheitsspanne. Die einzig inhaltliche Bestimmung eines gelungenen Lebens, die im Transhumanismus weithin geteilt wird, betont, dass die meisten Personen eine verlängerte Gesundheitsspanne mit einer Steigerung der Lebensqualität identifizieren.

Es ist hier wichtig herauszustellen, dass in der Regel nicht von einer Verlängerung der Lebensspanne oder der Unsterblichkeit gesprochen wird. Es geht vielmehr den meisten Personen darum, gesund länger zu leben. Diese Einschätzung wird im Übrigen durch psychologische Studien bekräftigt. So haben in einer Studie etwa achtzig Prozent der Befragten bekräftigt, dass sie gerne älter werden wollen als 120 Jahre, wenn sie zu diesem Zeitpunkt gesund sein sollten. Diese empirische Studie überrascht mich nicht.

Es ist allerhöchstens verwunderlich, dass nur achtzig Prozent diese Einschätzung bejaht haben. In Löhrs Darstellung des Transhumanismus wird diese Grundhaltung wie folgt zusammengefasst: „Doch das erklärte Ziel der Transhumanisten ist die Überwindung des Todes.“

Es ist absurd, dem Transhumanismus den Willen zur „Überwindung des Todes“ anzudichten

Um auf das Thema aufmerksam zu machen, wird aus werbetechnischen Gründen auf rhetorisch-wirkmächtige und provokante Aussagen, wie die Forderung nach dem „Tod des Todes“ zurückgegriffen, aber eine diesseitige Unsterblichkeit kann selbstverständlich noch nicht einmal auf konsistente Weise gedacht werden. Wenn von einem expandierenden Universum ausgegangen wird, dann kommt es irgendwann wohl einmal entweder zu einem kosmischen Stillstand oder zu einer Umkehrung der Expansion, die letztendlich in einer kosmischen Singularität endet, also einem Punkt unglaublicher Dichte.

Wie sollte irgendeine Person eine solche Zukunft überstehen? Eine immanente Unsterblichkeit im wörtlichen Sinne lässt sich selbstredend noch nicht einmal konsistent denken. Es ist absurd, falsch und eine rhetorische Spielerei, als Ziel des Transhumanismus die „Überwindung des Todes“ zu nennen. Es geht um eine Verlängerung der Gesundheitsspanne, und dies ist eine ganz hervorragende Zielsetzung, die ich mit ganzem Herzen bejahe.

Ich würde mir wünschen, dass diese Zielsetzung auch im Kontext politischer Entscheidungsprozesse noch viel mehr Beachtung findet, denn auf diese Weise könnte die Vielfältigkeit des personalen Florierens entscheidend gefördert werden. Ich muss gesund sein, um zum Mars fliegen, die Welt erkunden, meinem Nächsten helfen oder seelsorgerisch tätig sein zu können.

Der Transhumanismus zielt auf die zahllosen Herausforderungen des Leidens

Eine verlängerte Gesundheitsspanne erhöht die Wahrscheinlichkeit eines erfüllten Lebens enorm. Glücklicherweise hat sich diesbezüglich weltweit in den vergangenen zweihundert Jahren bereits viel getan. Es bleibt jedoch noch viel zu tun. Das Leben ist kurz, brutal und voller Leiden. Der Transhumanismus ist nicht darum bemüht, die Welt zu einer vollkommen kontrollierten Maschine umzugestalten, sondern er zielt vielmehr darauf ab, die zahllosen Herausforderungen des Leidens ein wenig besser bewältigen zu können, als dies gegenwärtig der Fall ist.

Dies ist eine lobenswerte Zielsetzung, die ich voll und ganz teile. Löhrs Rhetorik ist zuweilen zynisch: „So bleibt der Transhumanismus ein Symptom einer satten und dekadenten Wohlstandsgeneration.“ Ist es dekadent, Krankheiten heilen zu wollen, oder ist es nicht vielmehr eine zynische Form des moralischen Hochmuts, das Leiden anderer als „natürlich“ oder „charakterbildend“ zu verklären, während man selbst in Sicherheit schreibt?

Stefan Lorenz Sorgner ist Philosophieprofessor an der John Cabot University in Rom. Gerade ist von ihm erschienen: Euro-Transhumanism (Bristol University Press 2026) Mehr auf www.sorgner.de

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