Assimilation in China: Wie Peking „ethnische Einheit“ vorantreibt

Stand: 04.04.2026 • 16:13 Uhr

Assimilation ethnischer Minderheiten in China ist nicht neu. Doch nun wird befürchtet, dass ein Gesetz diese Politik weiter vorantreiben könnte. Ein Besuch in Yunnan, Chinas ethnisch vielfältigster Provinz.

Von Antje Bonhage, ARD Peking

China bezeichnet sich als Vielvölkerstaat mit 56 offiziell anerkannten Ethnien. Doch während Mitgliedern ethnischer Minderheiten teils gewisse Sonderrechte zustehen, betreibt die Kommunistische Partei seit Jahrzehnten auch eine Politik, die von Marginalisierung bis zu Unterdrückung reicht.

Vergangenen Monat hat der Nationale Volkskongress nun ein neues „Gesetz zur Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts“ verabschiedet, das im Juli in Kraft treten soll. Der Volkskongress gilt als Chinas Scheinparlament, weil er politische Entscheidungen der Parteiführung in der Regel nur bestätigt. Kritiker sehen in dem Gesetz einen weiteren Schritt hin zu sehr viel stärkerer Assimilation an die ethnische Mehrheit der Han-Chinesen und zur Priorisierung der chinesischen Standardsprache Mandarin.

Wie sich diese Assimilation langfristig in der Praxis auswirken kann, lässt sich in Yunnan gut beobachten. Die südwestchinesische Provinz gilt als die ethnisch vielfältigste des Landes. Dort gehören rund 30 Prozent der Bevölkerung ethnischen Minderheiten an. Landesweit liegt ihr Anteil mit etwas mehr als 100 Millionen Menschen bei weniger als zehn Prozent.

Ein Kloster zwischen Religion und Tourismus

Im Kloster Ganden Songtsenling bei Shangri-La, im Nordwesten Yunnans, überlagern sich Religion und Tourismus. Vor den Gebäuden laufen chinesische Besuchergruppen umher, manche in gemieteten tibetischen Gewändern, die sie für Fotos tragen.

Das Kloster ist eines der wichtigsten tibetisch-buddhistischen Zentren der Region und zugleich eine der größten Sehenswürdigkeiten. Ein Mönch sagt, ihn störten nicht die Besucher an sich, allerdings strömten mit ihnen auch zahlreiche Einflüsse der Außenwelt ins Kloster. Es werde immer schwerer, sich auf innere Unabhängigkeit zu konzentrieren.

Shangri-La hatte eigentlich einen anderen Namen, auf Tibetisch wird es Gyalthang genannt. 2001 beschloss die Regierung aber, die Stadt nach dem fiktiven, mystischen Ort aus dem Roman „Der verlorene Horizont“ von James Hilton zu benennen. Der Schritt sollte den Tourismus fördern. Heute strömen nach Angaben des chinesischen Kulturministeriums knapp 20 Millionen Besucher jährlich nach Shangri-La.

Bessere Lebensbedingungen, kulturelle Verluste

Für viele Menschen dort ist der Tourismus zur Lebensgrundlage geworden. Ein tibetischer Taxifahrer erzählt, bevor Shangri-La an die Schnellbahn angeschlossen war, seien relativ wenige Touristen in die Stadt gekommen. Doch seit dem Ausbau der Verbindung lohne sich sein Fahrdienstgeschäft. Heute habe er nicht nur ein eigenes Auto, sondern auch ein Hotel mit 15 Zimmern. Im Vergleich zu vorher verdiene er ein Vielfaches.

Gleichzeitig beschreiben viele Menschen in der Region kulturelle Verluste. Lurong Tsetshen arbeitet in einem Nachmittagshort als Hausaufgabenbetreuer in Shangri-La. Er ist 27, seine Muttersprache ist Tibetisch. Doch könne er Tibetisch weder lesen noch schreiben. In der Schule sei er mit Mandarin aufgewachsen.

Etwa 300 Sprachen und Dialekte gibt es in China. Doch viele junge Menschen lernen sie nicht mehr, weshalb sie langsam verschwinden. Mittlerweile ist Mandarin die Unterrichtssprache in fast allen Schulen. Hochchinesisch braucht man in ganz China – es bietet die meisten beruflichen Aufstiegschancen.

Wenn Lurong Tsetshen zu Besuch in sein Heimatdorf fahre und dort etwa alte Lieder höre, dann verstehe er sie nicht mehr, erzählt er. Manchmal mache er sich Vorwürfe: „Vielleicht habe wir einen Teil unserer Kultur zu sehr vernachlässigt.“

Doch auch er betont, wie sehr sich die Lebensbedingungen in den letzten Jahren verbessert hätten. Bildung, Infrastruktur und soziale Sicherheit lägen heute auf einem spürbar deutlich höheren Niveau als früher. Diese Gleichzeitigkeit prägt viele Gespräche in Yunnan: mehr Einkommen, mehr Mobilität, mehr staatliche Förderung und zugleich der Eindruck, dass Sprache, Schrift und kultureller Alltag an Eigenständigkeit verlieren.

Minderheiten nur im Kontext der Nation

Das neue Gesetz birgt die Gefahr einer sich weiter verschärfenden Assimilation. Denn der Text priorisiert Mandarin in Schule, Verwaltung und öffentlichem Leben. Die Sorge lautet dabei nicht, dass Minderheitenkulturen verboten oder unsichtbar gemacht würden. Doch drohen sie, noch weiter an Eigenständigkeit zu verlieren, wenn Sprache, Religion und kulturelle Praxis noch stärker in einen nationalen Rahmen gefasst werden.

Besonders deutlich wird diese politische Rahmung in Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan. Im Nationalitätenmuseum und im Minderheitenpark wird ethnische Vielfalt ausgestellt: Kostüme, Kunsthandwerk, Architektur und Bräuche sämtlicher ethnischer Gruppen – stets begleitet von klaren politischen Botschaften. Auf Plakaten und Bannern befinden sich Slogans wie:Die chinesische Nation ist eine große Familie; gemeinsam bauen wir am chinesischen Traum.“ Oder: „Ein gemeinsames geistiges Zuhause der chinesischen Nation aufbauen.“

Schlagworte wie „Einheit der Nationalitäten“ oder „gemeinschaftliches Bewusstsein der chinesischen Nation“ sind in ganz China viel zitierte Parolen von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Ethnische Vielfalt bedeutet hier nicht eigenständige kulturelle Räume, sondern definiert sich nur im Kontext der einen chinesischen Nation.

Ein Besucher aus Peking, der sich als Tristan vorstellt, versteht den Leitgedanken der Regierung so: Die chinesische Zivilisation bestehe aus einer Verschmelzung verschiedener Völker. Deshalb seien Minderheitenkulturen jeweils Teile der größeren chinesischen Zivilisation. Er selbst gehört der Han-Mehrheit an. Mit seiner Familie ist er für einen Kurzurlaub angereist, um seinem Sohn die Vielfalt der Volksgruppen zu zeigen. „Zur Horizonterweiterung.“

Sichtbar, aber enger geführt

Yunnans offizielles Programm für „ethnische Einheit und Fortschritt“ sieht millionenschwere Fördersätze für Landkreise, Gemeinden und Dörfer vor. Für 2025 bis 2027 wurden nach offizieller Darstellung umgerechnet etwa 878 Millionen Euro bereitgestellt. Auch Kulturprojekte sollen ausdrücklich die Stärkung des Bewusstseins einer gemeinsamen chinesischen Nation dienen.

Die Reise durch Yunnan zeigt kein einfaches Bild. Viele Menschen berichten von besseren Lebensbedingungen, mehr Einkommen und mehr sozialem Aufstieg. Gleichzeitig beschreiben sie sprachliche Verluste, Veränderungen im kulturellen Alltag und eine auch dadurch wiederum wachsende Tendenz zur Angleichung.

Die Vielfalt wird dabei zur Kulisse und zum Geschäftsmodell – von dem viele Menschen vor Ort immerhin profitieren. Übrig zu bleiben droht am Ende jedoch nur: Folklore in einer staatlich verordneten Erzählung nationaler Einheit.

Source: tagesschau.de