Geht die Übernahme durch, verschwindet Schroders schon bald von der Londoner Börse. Die Aktie ist dort seit 1959 notiert. Nun hat der Verwaltungsrat des Vermögensverwalters Schroders empfohlen, das Angebot des größeren amerikanischen Konkurrenten Nuveen anzunehmen – der Aktienkurs schoss daraufhin um 28 Prozent in die Höhe. Für 9,9 Milliarden Pfund (11,4 Milliarden Euro) will der US-Vermögensverwalter das Londoner Unternehmen kaufen.
Die Gründerfamilie Schroders, die noch 42 Prozent der Anteile an dem Unternehmen hält, hat ihr Einverständnis signalisiert. Stimmen die anderen Aktionäre mehrheitlich zu, beendet das traditionsreiche Haus seine Unabhängigkeit. Vorstandschef Richard Oldfield sagte, der Zusammenschluss sei „eine riesige Gelegenheit, etwas Mächtiges und Einzigartiges zu schaffen.“ Der fusionierte Vermögensverwalter wird Anlagen im Wert von mehr als 2,5 Billionen Dollar managen und damit zu den Top Ten der Asset- und Wealth-Managementfirmen der Welt gehören.
Handelsniederlassung für Hamburger Kaufleute
Schroders hat sich in seiner 220 Jahre dauernden Geschichte schon mehrfach neu erfunden. Ursprünglich fing es als Handelsbank an. 1804 trat der 17-jährige Johann Heinrich Schröder, Spross einer norddeutschen Kaufmannsfamilie, als Partner in die Londoner Handelsniederlassung seines Bruders ein. Er legte dort den Grundstein für eine Bank, die zu den bedeutendsten der City aufstieg.
Die Kaufmannsfamilie handelte seit dem 18. Jahrhundert vor allem mit Zucker, Baumwolle, Kaffee und dem Farbstoff Indigo. Die Zeit der napoleonischen Kriege war indes schwierig für die Hamburger Kaufleute. Erst riegelten die Briten viele Häfen ab, um die Franzosen auszusperren, dann suchte Napoleon den britischen Handel auszutrocknen. Die Familie Schröder, mit Handelsfilialen in London, St. Petersburg und Riga, schlug sich durch.
Das Londoner Haus entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer der mächtigsten „Merchant Banks“ im damaligen Finanzzentrum der Welt. Neben den Baring Brothers waren die Schröders zeitweilig die Nummer 2 an der Themse. Sie blieben aber auch der deutschen Heimat eng verbunden, finanzierten dort Eisenbahnlinien, den Ausbau des Hamburger Hafens oder den Bau einer Brücke über die Elbe. Noch heute ist die von der Familie 1853 gegründete Schröderstiftung in Hamburg tätig und betreibt dort Sozialwohnungen für Senioren. Baron Bruno Schröder, der das Londoner Bankhaus vom kinderlosen Onkel John Henry erbte, war auch bedeutender Kunst- und Antiquitätensammler. Sein in New York gegründete Ableger der Bank, als Schrobanco bekannt, engagierte sich in ganz Nord- und Südamerika.
Die Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bildeten eine Glanzzeit für die Schröders. Aber auch nach 1918 gehörte die Bank zur ersten Garde der europäischen Bankhäuser, die global tätig waren. Beispielsweise engagierte sie sich beim Ausbau der Bagdad-Bahn. Anders als andere erfolgreiche Einwandererfamilien, etwa die Barings, Rothschilds oder Hambros, die in die britische Aristokratie einheirateten, blieben die Schröders auf eine gewisse Art sehr (nord-)deutsch. Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg änderte die Familie ihren Nachnamen 1957 in die anglisierte Form Schroder.
Nach dem „Big Bang“ das Investmentbanking abgegeben
Schroders war in der Nachkriegszeit weiter als Handels- und Industriebank tätig, der nächste tiefe Einschnitt kam 1986 mit dem „Big Bang“ in der City, dem Deregulierungsknall von Premierministerin Margaret Thatcher. Die bisherige Trennung zwischen Brokern (Kundenberatern) und Jobbern (Marktmachern) sowie die fest regulierten Provisionen wurden abgeschafft.
Damit wurde den traditionellen, etwas verstaubten Bankhäusern nun auch mehr Wertpapierhandel gestattet und der Wettbewerb enorm belebt. Das lockte US-Banken nach London. Gegen die starken Konkurrenten von der Wall Street, die nun in der City mitmischten, konnte Schroders auf Dauer nicht bestehen. Im Jahr 2000 verkauften sie ihre Investmentbank an Salomon Smith Barney, die kurz in der Citigroup aufgingen.
Schroders konzentrierte sich danach rein auf Vermögensverwaltung, auf Investitionen für Pensionsfonds, mit aktiv gemanagten Aktienfonds, Hedgefonds und Private Equity. Mit Anlagen von 824 Milliarden Pfund und 6000 Mitarbeitern an fast vierzig Standorten ist das Unternehmen einer der größten unabhängigen Asset Manager der Welt. Doch bis vor Kurzem verstand sich Schroders noch als Familienunternehmen. Mit einem gediegenen Hauptquartier in einem zwölfstöckigen Büroturm an der feinen Adresse London Wall Place, wenige Gehminuten von St. Pauls entfernt.
Künftig 2,5 Milliarden Dollar Vermögenswerte unter Verwaltung
Noch vor einem Jahr verneinte Vorstandschef Oldfield jegliche Verkaufsabsicht der Schroders-Familie und schwor auch der Londoner Börse die Treue. Das Geschäftsmodell für klassische Vermögensverwalter, die aktive gemanagte Aktienfonds auflegen, ist mit der wachsenden Popularität von passiv gemanagten Indexfonds und ETFs schon länger unter Druck geraten. Schroders hat sich weiterentwickelt – und das erfolgreich: Im Jahr 2025 stieg der Vorsteuer-Gewinn um 21 Prozent auf 674 Millionen Pfund, wie Schroders diese Woche mitteilte.
Die Fusion mit Nuveen eröffnet für das einstige deutsch-britische Haus nun ein komplett neues Kapitel. Nuveen, mit Hauptsitz in Chicago, gehört zum Finanzdienstleister Teachers Insurance and Annuity Association of America (TIAA), den vor mehr als hundert Jahren der Industrielle Andrew Carnegie gegründet hat. Nuveen verwaltet gut 1,5 Milliarden Dollar Anlagen in Pensionsfonds für Lehrer und andere Angestellte. Vorstandschef William Huffman schwärmte, dass sich die beiden Vermögensverwalter „in Bezug auf Fähigkeiten, Kultur und Vision ergänzen“.
Zusammen kommen sie auf 2,5 Billionen Dollar Werte. Das ist zwar noch weit entfernt vom Mega-Giganten Blackrock , der globalen Nummer Eins der Vermögensverwalter (mit 11 Billionen Dollar Assets), und auch deutlich hinter den Nummern Zwei bis Fünf, Vanguard (9,7 Billionen), Fidelity (5,7 Billionen), State Street (4,6 Billionen) und J.P. Morgan Asset Management (3,5 Billionen), aber fast auf Augenhöhe mit Capital Group und Goldman Sachs Asset Management (2,7 Billionen) und etwas vor Amundi und Pimco (2,2 und 1,9 Billionen).
Source: faz.net