Assaf Gavron, Jahrgang 1968, ist vielseitig. Als Hauptakteur war er an der Entwicklung des bekannten Videospiels PeaceMaker beteiligt, in dem es um eine Zweistaatenlösung des Nahostkonflikts geht. Er tritt als Sänger der in Israel sehr populären Rockband „Mouth and Foot“ auf und schreibt auch ihre Songs. Vor allem aber ist er Schriftsteller.
In Deutschland erscheint sein Werk bei Luchterhand, und die beiden Erzählungen, die der Verlag jetzt vorlegt, gehören zum Besten, was Gavron bisher geschrieben hat. Sie spielen in einer imaginierten radikal veränderten künftigen Welt, und im Vorwort denkt Gavron über Utopien und Dystopien nach: über Altneuland, Theodor Herzls Idealbild seines Judenstaates, aber auch über die Schreckensvisionen israelischer Schriftsteller der Achtzigerjahre, die ihn zutiefst beeinflusst haben. Wo auf dieser Skala seine eigenen Texte anzusiedeln sind, lässt er offen.
Die erste Erzählung heißt wie das Buch: „Everybody be cool“. Dieser Satz eröffnet den Kultfilm „Pulp Fiction“ (1994), der mit dem Überfall auf ein Restaurant beginnt und alle Konventionen des Krimis gesprengt hat. Gavron hat Quentin Tarantinos Drehbuch dazu ins Hebräische übersetzt, und hier nimmt er das Eingangsmotiv auf. So beginnt die Erzählung: „‚Everybody be cool! Das ist ein Überfall!‘ – Sie drehte ihren Kopf und sah am hinteren Ende der Warteschlange einen Mann und eine Frau, die in diesem Moment die Bank betraten. In der Hand des Mannes schimmerte ein Gegenstand aus schwarzem Metall. Was war das?“
warum die Frau den Revolver nicht erkennt
Bei Gavron findet der Überfall nicht in einem Restaurant, sondern in einer Bank statt. „Was ist das?“, denkt die Frau in der Warteschlange. Der Leser meint zunächst, der Überfall habe sie überrascht, und jetzt frage sie sich, was hier vorgehe. Aber er irrt. Die Frau, durch deren Augen wir das sehen, versteht das alles nicht, denn Gavrons Erzählung spielt in einer Zukunft, in der die Welt ihre Konturen verloren hat, an denen wir sie zu erkennen pflegen. Einige Zeilen später heißt es: „‚Was ist passiert, Eiser? Was bedeutet Everybody be cool?‘, flüsterte sie in eine Falte ihres Kleides. – ‚Wird geprüft . . .‘, antwortete Eiser leise. – ‚Leert die Kassen und Tresore‘, rief der Mann mit dem metallischen Gegenstand.“
Die Frau weiß nichts mehr über die Welt von einst und erkennt deshalb auch einen Revolver nicht. KI hat die Welt übernommen, das Gedächtnis ist zum memory der Computer geworden, und Eiser – ein hebräisches Wort, das „Assistent“ bedeutet – ist ein Gerät in der Falte ihres Kleides, das ihr gewünschte Auskünfte gibt.
Mit „Everybody be cool“, dem kürzeren der beiden Texte, gelingt Gavron eine meisterhafte Erzählung. Er arbeitet mit sparsamsten Mitteln: Die Frau hat keinen Namen; während einer Epidemie ist sie erkrankt, muss lange in Isolation bleiben, kann nur mit Eiser sprechen. Von ihrem Leben, davor und danach, erfahren wir wenig.
Lange scheint der Überfall des Anfangs in Vergessenheit zu geraten, aber dann taucht er wieder auf. Wie in „Pulp Fiction“ bildet er auch hier die Rahmenhandlung. Die Frau fällt einem Justizirrtum zum Opfer, selbst Eiser wird ihr genommen, und in völliger Einsamkeit erinnert sie sich zuweilen an ihn. Der Satz, mit dem die Erzählung endet, spiegelt einen letzten Rest von Menschlichkeit in einer entmenschlichten Welt: „Sie musste lächeln, und in ihren Augen war eine Träne.“
Systematische Vergiftung des Vaters
Der zweite Text ist komplizierter. Wieder erfindet Gavron eine Zukunft, gerät dabei jedoch in einen aufschlussreichen Widerspruch. Die Erzählung heißt „Der Zement“, und für den deutschen Leser muss hier etwas erläutert werden: Der Originaltitel lautet „Hamélet“ (Zement), und da das Hebräische zumeist ohne Vokale geschrieben wird, lässt sich das im Schriftbild auch als „Hamlet“ lesen. Erst dieser Doppelsinn des Titels macht die Struktur der Erzählung verständlich.
„Everybody be cool“ gewinnt seine Kraft aus der Reduktion: keine Namen, kaum ein Mensch, nur der Grundriss einer Handlung. In „Zement“ ist es umgekehrt: Ami ist der Sohn eines Vaters, der eine weltumspannende Baufirma aufgebaut hat. Die Erde hat eine Pandemie und ein großes Gasunglück hinter sich, in einer politisch völlig veränderten Welt führt Ami die lukrativen Aufträge eines reichen Scheichs aus: „Suheir Ibn Marhoun besaß eine großartige Dachwohnung im dreiundneunzigsten Stockwerk eines Wohnturms mit atemberaubendem Blick auf den Persischen Golf und den Golf von Oman, ein wenig oberhalb des ersten Flugniveaus der Luftshuttles und weit genug unter dem zweiten, sodass nichts seine Aussicht trübte.“
Der Minimalismus in „Everybody be cool“ weicht einer technologischen Phantasie, doch dann geschieht etwas. Amis Mutter gibt ihm unklare Auskunft über den Gesundheitszustand des Vaters, Ami kehrt besorgt nach Israel zurück und entdeckt eine Katastrophe. Der Vater, schwer erkrankt, wird systematisch vergiftet, weil die Mutter und der Bruder des Vaters sich der Firma bemächtigen wollen.
Nicht alles muss so bitter enden wie bei Shakespeare
Das ist der Tragödie Shakespeares nachgebildet, doch während „Everybody be cool“ und die Rahmenhandlung in „Pulp Fiction“ überzeugend miteinander korrespondieren, gelingt es diesmal weniger. „Hamlet“ ist eine alte Geschichte, die in psychologische Labyrinthe der Vergangenheit führt, nicht in eine technologische Zukunft, die den Menschen zunehmend überflüssig macht. Darin unterscheidet „Hamlet“ sich von „Pulp Fiction”. Ursprünglich bildeten Kriminalroman und Detektiv eine säkulare Heilsgeschichte, in der das Böse überwunden wird, Tarantino aber gestaltet eine Welt der Verbrechen, in der sich eine Ordnung nicht mehr herstellen lässt. Sie bleibt unverständlich wie der Banküberfall für die namenlose Frau, die gar nicht mehr weiß, was ein Banküberfall ist.
Es ist kein Zufall, dass die Erzählung „Der Zement“ Shakespeares Tragödie nicht bis an deren bitteres Ende folgt. Anders als der Vater Hamlets bleibt Amis Vater am Leben, und Ami gibt die Firma schließlich an deren zahlreichen Teilhaber ab, wie der Vater es sich wünscht. In Israels schwerer Stunde kann Gavron seinem Land keine unwiderrufliche Dystopie schreiben.
Assaf Gavron: „Everybody be cool“. Zwei Erzählungen. Aus dem Hebräischen von Stefan Siebers. Luchterhand Literaturverlag, München 2025. 192 S., geb., 20,– €.
Source: faz.net