Zwischen den schlanken Nadeln und eleganten Türmen der Skyline von Manhattan ragt ein bergiger Klotz empor. Er erhebt sich über die anderen, klettert in massiven Stufen empor und sieht aus wie mehrere miteinander verbundene Türme, die eine dunkle, bedrohliche Masse bilden. Aus manchen Blickwinkeln bildet er die Silhouette eines riesigen Balkendiagramms. Aus anderer Perspektive wirkt er wie ein Sarg, bereit, das zierliche Chrysler-Gebäude zu verschlingen, das in seinem Schatten zittert. Es ist New Yorks ultimativer Boss, ein muskulöser, bronzefarbener Gigant, der nun mit brutaler Überheblichkeit über die Stadt herrscht.
Passenderweise ist der Koloss die neue Zentrale von JP Morgan, der größten Bank der Welt. Das Unternehmen hat eine Marktkapitalisierung von 855 Milliarden Dollar (734 Milliarden Euro), mehr als die Bank of America, Wells Fargo und die Citigroup zusammen, und es wirkt, als hätte es alle drei in seiner getönten Glasfassade verschlungen. Im vergangenen Jahr erzielte JP Morgan zum ersten Mal einen Wochengewinn von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Der Vorsitzende und Geschäftsführer Jamie Dimon rühmt sich gerne damit, seine Bilanz sei eine Festung – nun hat er eine ganz reale dazu, deren Bau, wie er bei der Eröffnung verriet, rund vier Milliarden Dollar gekostet hat. Ein einschüchternderes Gebäude lässt sich schwer vorstellen.
Der monumentale Komplex ist das Werk von Foster+Partners unter der Leitung des 90-jährigen Norman Foster, in dessen Portfolio es nicht die erste extravagante Bankzentrale ist. Sein HSBC-Turm in Hongkong war bei der Eröffnung 1986 das teuerste Gebäude der Welt und gilt als kostspieliges Beispiel für strukturelle Redundanz, mit einer Reihe von Stahlhängebrücken, die an seiner Fassade verschraubt sind. Ein ehemaliger Partner beschrieb den Turm als „Vorschlaghammer fürs Nüsseknacken“. Dagegen wirkt der JP Morgan Tower wie ein bronzegestählter Bulldozer, den man für das Pürieren einer Erbse benutzt.
Schon die schiere Menge an Baustahl – insgesamt 95.000 Tonnen – scheint obszön für ein Gebäude, das mit seinen 423 Metern Höhe nur 60 Stockwerke umfasst, also nur halb so viele, wie man bei einem solchen Koloss erwarten würde. Es verbrauchte 60 Prozent mehr Stahl als das Empire State Building, das höher ist und mehr Quadratmeterfläche bietet. Ein leitender Ingenieur hat berechnet, dass der Stahl, wenn man ihn zu einem Band (30 mm breit und 5 mm dick) flachpressen würde, zweimal um die Welt reichen würde.
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Für die Skyline von Manhattan bedeutet das Gebäude eine Belästigung, die an Mobbing grenzt, gleichzeitig dominiert es auch auf der Straßenebene. Mit gigantischen Stahlsäulen, die an jeder Ecke wie die Finger von Nosferatu die Basis des Turms umklammern, ragt es empor. Die Säulen sind so positioniert, dass sie den darunter liegenden Bahngleisen ausweichen und die aufgeblähte Masse des Gebäudes bedrohlich über einen Streifen „öffentlichen Raumes“ halten, der in Privatbesitz ist und dessen flache Stufen und Pflanzenkübel wohl bewusst vom Verweilen abschrecken sollen. Im Westen, an der Madison Avenue, grüßt das Gebäude die Straße mit einer unpassenden Felswand aus behauenen Granitblöcken, ein Kunstwerk von Maya Lin, die die beeindruckende Leistung vollbracht hat, echte Steine wie Glasfaser-Kulissen im Wild-West-Themenpark von Disneyland aussehen zu lassen.
Gerhard Richter und Travertin
Auf der anderen Seite des Blocks, entlang der Park Avenue, lassen Sicherheitsleute einen durchs Fenster schauen, um eine US-Flagge zu bewundern, die an einem zwölf Meter hohen bronzenen Fahnenmast in der Lobby hängt und in einer künstlichen Innenbrise flattert. Ein seltenes Kunstwerk von Lord Foster selbst, der wollte, dass die Bewegung der Flagge die Windverhältnisse draußen widerspiegelt.
Im Inneren ist alles kolossal. Große Wände aus geriffeltem Travertin, den es nur in einem einzigen Steinbruch in Italien gibt, ragen durch die 24 Meter hohe Lobby empor und flankieren eine Travertintreppe, die von zwei riesigen Gemälden von Gerhard Richter eingerahmt wird. Aufzüge befördern die 10.000 Mitarbeiter in ein vertikales Büro-Wellness-Universum mit einem Food Court mit 19 Restaurants (samt Lieferung vom Küchenbereich zum Arbeitsplatz), einem Friseursalon, Meditationsräumen, einem Fitnesscenter, einer Klinik und einer Kneipe.
Die säulenfreien Büroetagen sind mit einer Beleuchtung ausgestattet, die dem biologischen Tagesrhythmus folgt und eine sorgfältig kalibrierte Umgebung schafft, die wie ein Casino in Las Vegas von der Außenwelt abgeschottet ist, in der Hoffnung, dass die Mitarbeiter ihren Schreibtisch nie wieder verlassen. Home-office, das war mal. Dimon meint es ernst mit der Rückkehr ins Büro. So sieht sein Plan aus, um die Advokaten des hybriden Arbeitens ein für alle Mal zu schlagen.
Die Deckenhöhen mögen groß sein (mehr zu heizen und zu kühlen), doch ein Bild der neuen Räume in den sozialen Medien provozierte Vergleiche mit Masthühnern, chinesischen Sweatshops und den Bürozellen der 1950er. Ein verräterischer Stahlträger, der sich im Zickzack durch den Raum schlängelt, untergräbt die Behauptung, das Gebäude benötige keine Pfeiler. Ein Ingenieur bemerkt, dass weitere Pfeiler und die Verringerung der Spannweiten um einige Meter den CO₂-Fußabdruck des Gebäudes um bis zu 30 Prozent reduziert hätten.
Aber dann hätten Foster und Dimon nicht die heroische, muskulöse Stahlkons-truktion bekommen, die sich in V-Formen durch das Gebäude zieht. Auch nachts – ein Theater. Die New Yorker können kilometerweit beobachten, wie sich die Spitze des Turms in eine glitzernde Krone verwandelt, die vor funkelnden Lichtern sprudelt, die wie aus einem überdimensionalen Champagnerglas die Fassade emporsteigen. Es ist das Werk von Leo Villareal, der auch die Brücken über der Themse beleuchtet hat. Die pulsierende Diamantform erinnert an das Auge von Sauron.
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Abgesehen von der mit Strasssteinen verzierten Turmspitze macht diese Extravaganz so ärgerlich, dass ein vollkommen intaktes Bürogebäude dafür abgerissen wurde. Der 52-stöckige Hauptsitz von Union Carbide, 1960 als gefeiertes Werk von Natalie de Blois bei SOM erbaut, ragte als eleganter, miesianischer Monolith empor. Es wurde 2012 komplett renoviert und ökologisch modernisiert – damals pries JP Morgan das als „die größte grüne Renovierung eines Hauptsitzgebäudes weltweit“.
Sieben Jahre später hat dieselbe skrupellose Bank es nun durch ein Gebäude ersetzt, das fast doppelt so hoch ist, aber nur acht Stockwerke mehr hat. Eine Änderung der Flächennutzungsplanung aus dem Jahr 2017 macht es möglich. Unter Vermietern in East Midtown wuchs damals die Befürchtung, das Gebiet könnte seinen Glanz als weltweit führender Wirtschaftsstandort verlieren. Büromieter strömten nach Westen, in die schillernden neuen Hochhäuser von Hudson Yards. In der Folge erlaubte die Stadt Midtown, es dem Vorbild Hudson Yards nachzutun.
Es wurden Anreize geschaffen, um den Abriss zu fördern, darunter die Erlaubnis zum Verkauf ungenutzter „Luftrechte“ von denkmalgeschützten Gebäuden innerhalb des 78 Blocks umfassenden Gebiets. Historische Gebäude, die nicht die maximal zulässige Grundfläche ihres Grundstücks ausfüllten, konnten ihr ungenutztes Potenzial an andere verkaufen. JP Morgan erwarb 65.000 Quadratmeter Luftrechte vom Grand-Central-Bahnhof und 5.000 Quadratmeter der nahe gelegenen St. Bartholomew’s Church. Welchen Effekt diese Entwicklug haben würde, sahen nur wenige voraus.
Der JP Morgan Tower ist nur der erste einer Reihe neuer Superhochhäuser. Ein noch größerer, 487 Meter hoher Turm mit 62 Stockwerken wurde unweit in der 350 Park Avenue genehmigt. Auch diesen entwarfen Foster+Partners. SOM erhielt die Erlaubnis für ein Monster an der 175 Park Avenue. Sie verschatten die Schluchten von Manhattan und verstellen die Aussicht auf die Gipfel von New York, wo die Form den Finanzen folgt und Grundbesitzer „von Rechts wegen“ bauen dürfen. Fosters Goliath ist nur ein Vorspiel für das, was London in noch größerem Maßstab droht. Vor Kurzem gab JP Morgan bekannt, mit dem Bau einer 280.000 Quadratmeter großen europäischen Zentrale in Canary Wharf zu beginnen – Londons größtem Bürogebäude, das mehr Fläche bieten wird als der Shard, der Gherkin und der Walkie-Talkie zusammen. Der Entwurf stammt ebenfalls von Foster+Partners.
Oliver Wainwright ist Architektur- und Designkritiker beim Guardian