Arbeitsplätze gefährdet: Die Abwanderung dieser Autoindustrie hat schon begonnen

Die Abwanderung der Autohersteller und -zulieferer aus Deutschland und Europa hat längst begonnen. Das berichtete der Verband der Automobilindustrie (VDA) während seiner Jahrespressekonferenz. In einer Umfrage unter Mitgliedsunternehmen antworteten 64 Prozent, dass sich 2025 die Beschäftigung an deutschen Standorten verringert habe. Im Januar 2026 antworteten von 124 Unternehmen 72 Prozent, dass die aktuelle Lage in Deutschland zu einer Verlagerung von Investitionen ins Ausland führe. Zu den aktuellen Aussichten sagten 49 Prozent der Unternehmen, sie wollten Beschäftigung in Deutschland abbauen. Von diesen wiederum gaben 49 Prozent an, sie wollten gleichzeitig im Ausland zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Unter denjenigen Unternehmen, die in Deutschland keinen Abbau von Ar­beitsplätzen planen, das sind 46 Prozent der Befragten, wollen gleichzeitig 35 Prozent im Ausland zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.

„Die deutsche Autoindustrie wird weiter Autos bauen, ob sie die in Europa baue, das ist hier die Frage“, sagte dazu die VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Nun sei spürbar, dass sich die Investitionsentscheidungen der Unternehmen, die schwer umkehrbar seien, auf die Beschäftigung auswirkten. Dabei war die Autobranche mit rund 900.000 Be­schäftigten, bisher eine wichtige Säule der deutschen Wirtschaftsleistung. Was da ins Rutschen gekommen sei, werde schwer aufzuhalten sein, wenn nicht reagiert werde, sagte Müller. Sie nannte dazu eine lange Liste von Standortnach­teilen in Deutschland: Bürokratie, Energiepreise, Steuerbelastung, langsame Prozesse, fehlende Digitalisierung, marode Infrastruktur, mangelnder Fortschritt der Produktivität und hohe Arbeitskosten. Die Konsequenzen durch die Reform der Antriebstechnik kämen noch hinzu.

Deutschland ist nicht wettbewerbsfähig

„Die Autoindustrie ist wettbewerbs­fähig, der Standort ist es nicht“, sagte Müller. Sie verwies dabei auf Erfolge der deutschen Autohersteller auf dem Markt für Elektroautos – batterieelektrisch oder mit Plug-in-Hybridantrieb. In Europa stamme jedes zweite neu zugelassene E-Auto von einem deutschen Hersteller, Deutschland sei nach China der zweitgrößte Produzent von Elektroautos der Welt. Zugleich kri­tisierte Müller vor allem die EU-Kommission und die langsamen Entscheidungen in Europa. Sowohl den USA als auch Europa sei gerade von China vorgeführt worden, wie abhängig man sei von Rohstoffeinfuhren. Nun könne man sehen, wie zielstrebig die USA an der Lösung dieses Problems arbeiteten, und was zur gleichen Zeit in Europa geschehe.

In der Diskussion um die europäischen CO2-Flottengrenzwerte für neue Autos für 2035, das sogenannte Verbrenner-Aus, äußerte die VDA-Präsidentin harte Kritik an der EU-Kommission. Die hatte im Dezember den Plan für eine Modifikation präsentiert, mit der Forderung nach einer Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2035 um nur 90 Prozent, dafür aber eine Kompensation der fehlenden zehn Prozent durch grünen Stahl und alternative Treibstoffe.

Die Pläne der EU-Kommission sind keine Entlastung

„Eine Reduzierung auf minus 90 Prozent, die an Bedingungen und neue Auf­lagen gekoppelt wird, ist keine Entlastung und gibt auch keine Planungssicherheit“, sagte Müller dazu. Für Elektroautos fehle es an Ladeinfrastruktur, bisher entfielen 56 Prozent der Ladepunkte in der EU auf Deutschland, Frankreich und die Niederlande, die Region Hannover habe derzeit mehr als Slowenien. Nun wolle die EU auch noch die fortgeschritteneren Länder zu einer schnellen Umstellung der Flotten auf Elektroautos verpflichten, die anderen hätten keine Anreize.

„2026 ist ein entscheidendes Jahr. Diese Erkenntnis muss sich auch bei der EU-Kommission durchsetzen. Es zeigt sich in Brüssel zu oft ein gefährlicher Mix aus Realitätsverweigerung und einer darauf basierenden Illusion von Relevanz“, sagte Müller. Es gebe eine klare Erwartungshaltung, dass die gesamte Bundesregierung zu den Autofragen in Brüssel mehr Einsatz zeige. „Deutschland muss in Brüssel mit einer starken, geeinten Stimme sprechen. Dabei muss Deutschland mit Nachdruck dafür werben, dass die angekündigte technologische Öffnung von Brüssel nicht nur versprochen, sondern auch praktisch ermöglicht wird. Noch scheint Deutschland hier nicht laut genug zu sein“, sagte Müller. „Es ist doch so: Scheitern wir wirtschaftlich, scheitert auch der Klimaschutz.“

Gegen die Abschottung des europäischen Marktes

Eindringlich warnte Müller vor Tendenzen in Richtung einer Abschottung des europäischen Automarktes. In Brüssel werde derzeit die Vorstellung, für alle in Europa verkauften Autos einen euro­päischen Wertschöpfungsanteil vorzuschreiben, immer populärer. „Local-Content-Vorgaben können die international mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Standorts nicht ausgleichen“, sagte Müller dazu. „Abschottung birgt zudem die Gefahr von Gegenreaktionen anderer Länder und könnte gerade für die exportstarke Autoindustrie zum Boomerang werden.“ Aus ihrer Perspektive entspringe dieses Vorhaben einer Verhaltensweise, die nur Symptome, aber nicht Ursachen angehen wolle. Außerdem sei zu fragen, ob überhaupt die Lieferkette und die Rohstoffversorgung für Europa sicher sein könnten, wenn es solche Local-Content-Vorschriften für die EU gebe.

AbwanderungAntriebstechnikArbeitskostenAuslandAutoindustrieAutosBrüsselBundesregierungBürokratieChinaDeutschlandDigitalisierungElektroautosEnergiepreiseEUEU-KommissionEuroEuropaFrankreichHannoverHildegardInfrastrukturInvestitionenKlimaschutzKritikLageLangeMANMüllerNiederlandeProduktionProduktivitätProzesseStahlUmfrageUnternehmenUSAWELTWettbewerbsfähigkeitZeit