Appell an die Politik: „Was z. Hd. Energiekosten draufgeht, fehlt z. Hd. die Transformation“

Es ist zehn Jahre her, dass die Raffinerie von H&R in Hamburg zum letzten Mal voll ausgelastet war. Seither ist die Produktion im zweistelligen Prozentbereich zurückgegangen. Im Hamburger Hafen stellt H&R aus Rohöl Grundstoffe her, die fast überall verwendet werden, für Autoreifen und Käserinde, für Kosmetik und Medizin. „Was glauben Sie, was hier im Besprechungsraum ohne einen der Stoffe hergestellt wurde, wie wir sie produzieren?“, fragt Niels H. Hansen, der das Familienunternehmen in vierter Generation führt. Die Auflösung: praktisch nichts. Selbst für ein Trinkglas braucht es Grundstoffe auf Rohölbasis.

Mit seiner Frage will Hansen zeigen, wofür H&R aus seiner Sicht steht: für den Zustand der Industrie – und aktuell für den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Vom „European Industrial Deal“ erhofft er sich neue Impulse. Dazu haben mehr als 1300 Unternehmen und Organisationen als „Antwerp Declaration Community“ die Politik aufgefordert, endlich ins Handeln zu kommen, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie entschlossen zu stärken. Als größte Herausforderungen nennt eine in Antwerpen vorgestellte Deloitte-Studie hohe Energiepreise, Regulierungshürden und lange Genehmigungszeiten, die starke externe Abhängigkeit von kritischen und strategischen Rohstoffen sowie fehlende Marktmechanismen für Produkte, die mit geringem fossilen Anteil und in Europa hergestellt werden.

Energiekosten dreimal so hoch wie in den USA

Bei H&R kennt man all das zur Genüge. „In den vergangenen zehn Jahren haben sich unsere Energiekosten verdoppelt“, berichtet Hansen: „Verglichen mit den USA sind unsere Energiekosten dreimal so hoch.“ Auch der Abstand zu wichtigen Konkurrenten in China sei riesig, weil diese aus Russland Öl und Gas zu Discountpreisen beziehen, wie viele andere trotz Sanktionen auch.

Allein für die Werke in Deutschland verbucht H&R Energiekosten in der Größenordnung von 50 Millionen Euro. Man könne einwenden, das sei nicht gewaltig im Vergleich zu einem Umsatz von mehr als 1,3 Milliarden Euro, räumt Hansen ein. Er lenkt den Blick jedoch auf das operative Ergebnis (EBITDA) von zuletzt 95 Millionen Euro: „Der Einfluss auf die Ertragskraft ist unfassbar hoch.“ Sein bitteres Fazit: „Was für zusätzliche Energiekosten draufgeht, fehlt für die klimafreundliche Transformation.“ Das sei ohnehin ein Mammutprojekt – nicht in drei bis fünf Jahren zu stemmen, sondern eher in Zehnjahresschritten, macht Hansen im Gespräch mit der F.A.Z. deutlich.

Klimafreundliche Prozesse kosten bisher noch das Vielfache

Begonnen hat H&R längst damit, Öl als Grundstoff zu ersetzen. Mit einer Power-to-Liquid-Anlage im Pilotmaßstab gelingt es, bestimmte chemische Produkte – etwa Weißöle und Wachse – mithilfe von Wasserstoff herzustellen. „Technisch funktioniert das einwandfrei. Aber es kostet das Fünffache, und selbst im industriellen Maßstab wäre es noch das Dreifache oder Dreieinhalbfache“, berichtet Hansen. Damit lasse sich kein Geschäft machen, solange Kunden nicht verpflichtet seien, solche „grünen“ Stoffe einzusetzen.

„Wir wollen nicht weg vom Klimaschutz“, betont Detlev Wösten, der als Nachhaltigkeitsmanager von H&R und Branchenvertreter beim Industrietreffen in Antwerpen dabei ist. Allerdings sei das Pariser Klimaabkommen (COP21) unter der Annahme geschlossen worden, dass weltweit weitgehend einheitliche Wettbewerbsbedingungen entstünden und ausreichend grüne Energie verfügbar sei. „Wenn diese Voraussetzungen nicht stimmen, können wir nicht so tun, als wäre nichts gewesen“, so Wösten.

Für H&R hofft Hansen, dass es zu einer spürbaren Entlastung beim Indus­triestrompreis (stärker als bisher geplant) kommt und dass es deutliche Korrekturen am ETS, dem europäischen Emissionshandelssystem, gibt. Das ETS-System sorgt mit kostenlosen CO2-Zertifikaten bisher dafür, dass Industriebetriebe und die damit verbundenen Emissionen nicht ins Ausland abwandern. Um globale Wettbewerbsnachteile zu vermeiden, müsse es diese freien Emissionszertifikate bis zum Jahr 2050 geben, fordert Hansen.   „Die EU schafft sich ab und hilft der Welt damit kein Stück weiter“, sagt der Unternehmer seufzend mit Blick auf aus seiner Sicht überzogene Klimapläne: „Wir produzieren schon sauberer. Aber dadurch, dass die Schrauben immer stärker angezogen werden, sinkt unser globaler Anteil – und das schadet dem Klima viel mehr, als wenn wir den Transformationsprozess etwas verlangsamen.“

Investiert wird jetzt verstärkt im Ausland

Einstweilen reagiert der H&R-Chef pragmatisch – und investiert verstärkt im Ausland, wo das Unternehmen bisher 40 Prozent seines Umsatzes erzielt. Standorte in China, Thailand und Malaysia dürften tendenziell profitieren, zumal dort die wirtschaftliche Dynamik größer ist. Für den Klimaschutz muss das letztlich nicht negativ sein. „Unser Ansatz zur Nachhaltigkeit lässt sich dort auch schneller vorantreiben“, berichtet Hansen. Man nutze lokal oder regional günstige Bedingungen, investiere etwa in chemisches Recycling oder in Biomasse-Konverter – und könne die Erfahrungen womöglich später auch anderswo nutzen.

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