Vergangenes Jahr wurde der selbsternannte „Anzeigenhauptmeister“ landesweit bekannt, weil er durch das Land zog und Falschparker meldete. Jetzt verbrennt er öffentlich den Koran. Was ist da nur passiert?
Der große Hype ist lange vorbei, das Interesse an seiner Person schwindet, jetzt wird eben der Koran verbrannt. Es ist gerade einmal eineinhalb Jahre her, da begleitete ein Kamerateam von „Spiegel TV“ den selbsternannten „Anzeigenhauptmeister“ Niclas Matthei, einen verhaltensauffälligen jungen Mann, damals gerade einmal 18 Jahre alt, der mit Warnweste und auffälligem Helm mit seinem Fahrrad durch die Fußgängerzonen Deutschlands tingelte, um konsequent Falschparker zu melden. Recht sei eben Recht, beharrte er, und er sehe es als seine Aufgabe an, eben jenes Recht der deutschen Straßenverkehrsordnung auf den Straßen durchsetzen.
Nach seinem wundersamen Auftritt wurde Matthei kurzfristig erst zu einer Hass-, dann zu einer landesweiten Kultfigur. Sämtliche große Medien berichteten oder begleiteten ihn, luden ihn in ihre Shows ein, und auch die WELT führte ein Interview mit ihm. Zu diesem Zeitpunkt wurde schon deutlich, dass Matthei schwere psychische Verhaltensauffälligkeiten zeigte. Egal. Zu kultig, der Mann, zu gut die erhoffte Rollenprosa, die Hoffnung, dass Matthei das doch nur alles spielte, er bloß die Personifikation der deutschesten aller deutschen Tugenden, der Ordnungsliebe, verkörperte und sie mit seinem Auftreten ad absurdum führte. Ein großes Schauspiel.
Matthei hingegen deutete später einmal an, dass er nur den Plan gehabt habe, durch seine skurrilen Auftritte innerhalb kürzester Zeit eine massive Reichweite aufzubauen. Das zumindest ist aufgegangen. Durch seine neue Prominenz wurde er auch in Clubs und Großraumdiscos in der ganzen Republik eingeladen, wo er als „Special Guest“ von den betrunkenen Gästen kultisch abgefeiert wurde und nach eigener Aussage ein kleines Vermögen verdiente. Auch weitere Kooperationen mit reichweitenstarken Influencern dürften ihm ein ordentliches Einkommen verschafft haben.
Doch jeder Witz ist irgendwann einmal auserzählt, im Internet noch schneller als in der analogen Welt, und so sank nicht nur das Interesse, sondern auch die Reichweite von Matthei deutlich. Der hielt dagegen. Zunächst ließ er sich einen Oberlippenbart, einen „Hitlerbart“, stehen und provozierte seine Followerschaft mit skurrilen Fotos, dann machte er mit immer merkwürdigeren Aktionen auf sich aufmerksam. In Boblitz, im Landkreis Oberspreewald-Lausitz, räumte er eine öffentliche Bücherbox leer und zeigte sich dafür selbst an. Diese Woche eskalierte es dann.
„Allahu akbar“ – und dann brennt der Koran
Auf seinen sozialen Netzwerken zeigte er sich nicht nur mit Waffe, er zeigte sich auch, wie er ein Buch verbrannte. Den Koran, nach eigener Aussage. Ob es sich bei dem brennenden Buch wirklich um einen Koran handelt, ist nicht klar erkennbar, sicher ist aber, dass Matthei unbedingt neue Aufmerksamkeit sucht. „Der Anzeigenhauptmeister hat gerade nichts Besseres zu tun, als den Koran zu verbrennen, ah, tut das gut“, sagt er, während er sich selbst zeigt, wie er Spiritus auf ein brennendes Buch spritzt. Im Hintergrund läuft der Marsch „Erika“ des bekennenden NSDAP-Komponisten Herms Niel. Joseph Goebbels nutzte das Lied seinerzeit für NS-Propaganda. Auf seinem Instagram-Kanal kommentiert der „Anzeigenhauptmeister“ das mit „Allahu akbar“. Als Erstes berichtete der reichweitenstarke YouTube-Kanal „Der heilige Ofenkäse“ über den Vorfall.
In Fachkreisen spricht man hier von einer performativen Online-Radikalisierung. Die tatsächliche Identität tritt hinter einer Online-Persona zurück, die sich den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie unterwirft. Es muss immer radikaler werden, um noch mehr (oder später: überhaupt noch) zu funktionieren. Dabei nutzt man sogenannten „Ragebait“, also Inhalte, die Menschen bewusst verärgern und aufregen, um so zu Interaktionen animieren. Gerade bei Menschen, die psychische Auffälligkeiten zeigen, ist eine performative Online-Radikalisierung höchstgefährlich.
Matthei sagt selbst, dass er der selbsterklärte Drachenlord 2.0 werden will. Dabei bezieht er sich auf einen übergewichtigen Ex-YouTuber aus Mittelfranken, der sich mit kontroversten Aussagen eine riesige Hater-Community im Internet aufgebaut hatte, die ihn regelmäßig an seinem ehemaligen Wohnort besuchte und mobbte. Auch der Drachenlord schlug zunächst Kapital aus der sich immer schneller drehenden Eskalationsspirale, bis er schließlich alles verlor und obdachlos durch das Land zog. Dass es Matthei bei seinen gegenwärtigen Aktionen um eine tatsächliche politische Botschaft geht, darf durchaus bezweifelt werden. In einem weiteren Video zeigt er sich mit einer Waffe. Ob sie echt ist – unklar. Dabei zitiert er direkt den Drachenlord und erklärt sich „zum höchsten Wesen“. Er will Aufmerksamkeit. Der Preis ist ihm mittlerweile egal.
Source: welt.de