In der Gedenkstätte Buchenwald versuchen extremistische Akteure zunehmend, mit Kufiya bekleidet, den Terror der Hamas zu bejubeln und Israel das Existenzrecht abzusprechen. In diesem Jahr wollen sie ausgerechnet am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers mit Kufiyas demonstrieren.
Die NS-Gedenkstätten und Gedenkorte trifft der gestiegene Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 mit voller Wucht. Es sind Schmierereien, Störungen von Führungen, Drohungen und Erinnerungsabwehr, die den Alltag von Mitarbeitern auch anderer NS-Gedenkstätten prägen. Die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen musste im Rahmen einer Gedenkveranstaltung 2024 die Kommentarfunktion auf den Social-Media-Kanälen wegen offener Beleidigungen und Schmähungen schließen.
Für beunruhigend hält der Bundesverband RIAS der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus auch, dass zunehmend Jugendliche mit einem geschlossen rechtsextremen Geschichtsbild auftreten, die den Holocaust infrage stellen. Pädagogische Mitarbeiter berichten immer häufiger von geschichtsrevisionistischen Argumentationen Jugendlicher.
Die Zahl der Vorfälle steigt von Jahr zu Jahr
Häufig sagten Lehrer inzwischen die Besuche in früheren KZ-Gedenkstätten ab, weil sie unangemessenes Verhalten ihrer Schüler oder gar Boykott fürchten. Auch wenn die ehemaligen Konzentrationslager dauerhaft von antisemitischen Angriffen betroffen sind und die sogenannte Jüdische Baracke im KZ Sachsenhausen schon im September 1992 in Brand gesetzt wurde, bildet der Terrorangriff der Hamas auf Israel einen Wendepunkt. Zum Antisemitismus rechtsextremer Provenienz kamen seither verstärkt Vorfälle mit links-antiimperialistischem und antiisraelischem Hintergrund.
Während 2022 insgesamt 46 antisemitische Vorfälle an NS-Gedenkstätten dokumentiert wurden, stiegen sie schon 2023 auf 112 und erreichten im Jahr 2024 den Höchststand von 211 gemeldeten Vorfällen. Auch an Gedenkorten, wozu Gedenkzeichen, Stolpersteine und Gedenkstätten zählen, verzeichneten die Meldestellen eine deutliche Zunahme um mehr als die Hälfte. Waren es laut RIAS im Jahr 2022 noch 166 antisemitische Vorfälle an Gedenkorten, wurden im Jahr 2023 schon 272 und im Jahr 2024 sogar 436 Vorfälle dokumentiert. Für das Jahr 2025, das gerade ausgewertet wird, deutet sich ein gleichbleibend hohes Niveau an.
Offensichtlich werden die Gedenkstätten zu Projektionsflächen gesellschaftlicher Konflikte, was ihre Arbeit als jüdische Gedenkorte und Lernorte politischer Bildung zunehmend erschwert. Schärfer als andernorts werden die gesellschaftlichen Abwehrreaktionen und die Täter-Opfer-Umkehr sichtbar.
Palästina wird gegen die Schoa ausgespielt
Bis zum 7. Oktober 2023 war der Post-Schoa-Antisemitismus in den regionalen Meldestellen die am häufigsten dokumentierte Erscheinungsform. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und dem Gazakrieg dominiert der israelbezogene Antisemitismus. Die RIAS-Meldestelle beobachtet eine wachsende Verknüpfung des Post-Schoa-Antisemitismus mit israelbezogenem Antisemitismus. Entsprechende Parolen wie „Free Palestine from German Guilt“ seien wiederholt dokumentiert worden.
In den Gästebüchern der NS-Gedenkstätten wird regelmäßig das Handeln Israels mit den nationalsozialistischen Verbrechen gleichgesetzt. Die Einträge dort sind ähnlich anonym wie Posts im Internet. Forderungen nach der Befreiung Palästinas ausgerechnet an NS-Gedenkstätten zielten darauf, die präzedenzlosen Verbrechen der Schoa infrage zu stellen und das Gedenken an die Ermordeten zu zerstören, heißt es in einer Broschüre, die der RIAS-Bundesverband am Mittwoch vorgestellt hat.
Im November 2025 hat die Bundesregierung eine neue „Konzeption des Bundes für die Gedenkstätten zur Aufarbeitung der NS-Terrorherrschaft und der SED-Diktatur“ veröffentlicht, in dem es heißt, Gedenkstätten könnten auch darüber aufklären, wie eine Mehrheitsgesellschaft Verbrechen verdrängt und den Opfern Anerkennung verweigert hat. „So legen sie offen, wo Kontinuitäten von Diskriminierung und Ausgrenzung bestehen und wo Aufarbeitung und Entschädigung ehemals Verfolgter immer noch nottun.“
Die AfD, Höcke und seine „erinnerungspolitische Wende“
Mit den Wahlerfolgen der AfD scheinen sie noch sehr viel notwendiger geworden zu sein. Der Vorsitzende von Thüringens AfD, Björn Höcke, sprach, bezogen auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin, von einem „Denkmal der Schande“, bei einer Veranstaltung der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative in Dresden von einer „dämlichen Bewältigungspolitik“ und forderte im gleichen Atemzug eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Obwohl ihm die Gedenkstättenleitung des KZ Buchenwald mitgeteilt hatte, dass er wegen seiner geschichtsrevisionistischen Reden dort nicht erwünscht sei, versuchte er, auf das Gelände zu gelangen, ihm wurde jedoch Hausverbot erteilt.
Der RIAS-Bundesverband hält Sicherheitskonzepte für NS-Erinnerungsorte und Gedenkstätten für dringend nötig, aber auch einen professionellen Umgang mit Provokationen. Dafür brauchten Mitarbeiter Fort- und Weiterbildungen, damit sie Antisemitismus sicher erkennen und wirksam darauf reagieren könnten. Antisemitische Vorfälle an Gedenkorten seien für Überlebende, deren Nachkommen und die jüdische Gemeinschaft besonders gravierend. „Sie sind Angriffe auf jüdisches Leben und auf die Erinnerung an die Schoa“, stellt der Bundesverband RIAS fest.
Source: faz.net