Nach monatelangem heftigem Streit verhandeln Dänemark und die USA weitgehend geräuschlos über eine amerikanische Militärexpansion in Grönland. Doch die Bewohner der Insel haben Sorge, dass die Lage rasch wieder eskalieren könnte. Eine Eröffnung weiterer US-Militärbasen sei weder gut für das Land noch für die Arktis insgesamt, sagt der frühere grönländische Ministerpräsident Kuupik Kleist der F.A.Z. Donald Trump sei verrückt und halte sich nicht an Vereinbarungen. Auch der einflussreiche grönländische Politiker und Publizist Aqqaluk Lynge erklärt: „Früher hätten wir die Amerikaner willkommen geheißen. Aber sie sind nicht mehr die Freunde von einst.“
Mitte März hatte der amerikanische General Gregory M. Guillot laut „New York Times“ gegenüber Kongressmitgliedern gesagt, Dänemark und Grönland hätten einem geplanten Ausbau der Militärpräsenz bislang keine Hindernisse in den Weg gelegt, sondern sich als „sehr, sehr hilfsbereite Partner“ gezeigt. Demnach haben die Amerikaner über den bestehenden Stützpunkt Pituffik Space Base im Nordwesten Grönlands hinaus drei weitere Militärbasen im Blick. Zwei davon hatten sie schon im Kalten Krieg betrieben: Narsarsuaq im Süden des Landes und Kangerlussuaq im Südwesten.
General Guillot äußerte sich dem Bericht zufolge zu dem Rahmenabkommen, das Dänemark und die USA 1951 geschlossen hatten und dem Grönland 2004 als Vertragspartner beigetreten war. Dieses sei für die USA ideal, so Guillot: „Wir brauchen eigentlich keinen neuen Vertrag. Er ist sehr umfassend und offen gesagt sehr günstig für unsere Operationen oder potentiellen Operationen in Grönland.“
Möglich sind schon jetzt neue Stützpunkte
Das Abkommen gibt den USA heute schon weitgehend uneingeschränkten militärischen Zugriff auf die Insel, möglich sind demnach auch Stützpunkte über Pittufik hinaus. Der Vertrag verpflichte die Amerikaner nur dazu, „Dänemark und Grönland zu informieren und zu konsultieren“, sagt Peter Viggo Jakobsen, Professor am Institut für Strategie- und Kriegsstudien der Königlich Dänischen Verteidigungsakademie. Die USA müssten also mit Dänemark und Grönland über einen Ausbau sprechen – was sie in den Verhandlungen nun auch täten.
Trump hatte wiederholt gefordert, Grönland müsse aus Sicherheitsgründen Teil der USA werden. Auf dem Höhepunkt der Krise im Januar schickte Dänemark Soldaten nach Grönland mit dem Auftrag, die Insel zu verteidigen und notfalls auch Landebahnen zu sprengen. Erst nach Tagen größter Spannungen schloss Trump damals den Einsatz militärischer Gewalt aus.
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos verkündete er, NATO-Generalsekretär Mark Rutte und er hätten einen Rahmen für ein künftiges Abkommen in Bezug auf Grönland und die gesamte Arktis geschaffen. Doch was genau vereinbart wurde, ist unklar. Nach Informationen des dänischen Radios gab es keinerlei schriftliche Vereinbarung zwischen Trump und Rutte.
Souveränität sei die „rote Linie“
Zunächst hieß es, man erwäge eine förmliche Übertragung von Militärstützpunkten in Grönland an die USA – ähnlich wie es bei britischen Stützpunkten auf Zypern der Fall ist. Davon ist nun keine Rede mehr. Mit dem Standpunkt der dänischen Regierung, Souveränität sei die „rote Linie“, lässt sich das wohl ohnehin nicht vereinen. Jakobsen von der Militärakademie sagt dazu, seiner Ansicht nach bedeute die Überlassung von Stützpunkten an die Amerikaner „de facto eine Abtretung der Souveränität an die USA“.
Alle Parteien im Parlament in Nuuk streben eine Unabhängigkeit vom dänischen Königreich an. Donald Trump hingegen will Grönland in einen künftigen Raketenabwehrschirm namens „Golden Dome“ integrieren. Die Insel liegt auf der möglichen Flugroute russischer Raketen in Richtung USA und dient heute schon der Frühwarnung. Auch die möglichen weiteren Stützpunkte dürften diesem Zweck dienen.
Donald Trump als größter Unsicherheitsfaktor
Sollte Grönland irgendwann unabhängig vom dänischen Königreich werden, bliebe es trotzdem Teil des amerikanischen Verteidigungsschirms – und wäre damit in seiner Souveränität stark eingeschränkt. Derzeit wäre das der grönländischen Öffentlichkeit schwer vermittelbar. Die Mehrheit lehne weitere US-Soldaten auf der Insel ab, sagt der frühere Ministerpräsident Kleist. In greifbarer Nähe ist die Unabhängigkeit ohnehin nicht. „Grönland bleibt von Subventionen aus Dänemark abhängig und wird Dänemark nicht zugunsten der USA verlassen, was seine einzige Option wäre“, sagt Jakobsen von der Verteidigungsakademie.
Ein gravierendes Problem bei den Verhandlungen dürfte der Unsicherheitsfaktor Donald Trump sein. In Grönland wird bezweifelt, dass ihm ein paar weitere Militärbasen ausreichen werden. Schließlich hätte er diese – dem Abkommen nach – auch ohne jede Drohung haben können, dann sogar aus dänischer Sicht sehr gerne. Vielleicht, so die Sicht in Grönland, lässt der amerikanische Präsident die Verhandlungen irgendwann platzen und nimmt sich die Insel einfach.
„Trump interessiert sich nicht für sein Verhandlungsteam – für ihn ist das alles nur ein Spiel“, sagt der Publizist Lynge dazu. Ex-Ministerpräsident Kleist sieht das ähnlich. Er selbst würde nicht mit den Amerikanern verhandeln, sagt er – und die meisten Grönländer dächten wie er. Kleist verweist auf Trumps jüngste Äußerungen zu Grönland. Nach einem abermaligen Treffen mit Rutte hatte Trump diese Woche den NATO-Verbündeten mangelnde Unterstützung für den Krieg in Iran vorgeworfen – und gedroht, sie sollten sich an Grönland erinnern, dieses „große, schlecht verwaltete Stück Eis“. Aus der derzeitigen Ruhe um Grönland kann aus Sicht der Menschen in Nuuk sehr schnell wieder ein Sturm werden.
Source: faz.net