Stellen Sie sich vor, Sie geben die perfekte Dinnerparty – und trotzdem sind hinterher alle enttäuscht. Klingt merkwürdig? So erging es in dieser Woche Nvidia. Der amerikanische Chiphersteller, das Zentrum des aktuellen KI-Hypes, hat am vergangenen Mittwoch nach Börsenschluss seine Quartalsbilanz vorgelegt.
2025 konnte das Unternehmen einen Umsatz von 130,5 Milliarden Dollar verbuchen, ein Plus von 114 Prozent. Und auch der Nettogewinn stieg im vergangenen Jahr kräftig auf knapp 73 Milliarden Dollar, ein Zuwachs von 145 Prozent. Die Bruttomarge von über 70 Prozent bleibt nach wie vor bemerkenswert. „Die gute Nachricht: Nvidia legt eine Bilanz in Bestform vor und übertrifft die Erwartungen deutlich. Das ist auch gleichzeitig die schlechte Nachricht: Anleger sind nämlich hin- und hergerissen, was sie nun damit anfangen sollen“, kommentiert Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank.
Doch Jensen Huang hatte nur kurz Grund zur Freude. Nachbörslich stieg der Nvidia-Aktienkurs am Mittwoch zunächst um drei Prozent. Am Donnerstag dagegen fiel der Kurs um 5,5 Prozent und stand am Freitag vor Handelsbeginn bei 185 Dollar. Das sich verlangsamende Umsatzwachstum und der immer schwieriger werdende Vergleich zu den Vorjahresergebnissen hatten Anleger enttäuscht. Das zog denn am Donnerstag auch die amerikanischen Börsen ins Minus. „Es fühlt sich an wie ein Nvidia-Kater, der spezifisch für den KI-Sektor ist“, sagte Michael Green, Chefstratege von Simplify Asset Management. „Der Nasdaq wird regelrecht verprügelt.“
Ein Blogpost von Citrini Research, der ein fiktives KI-Zukunftsszenario beschreibt und auf der Plattform X viral ging, hat laut Stanzl gezeigt, wie fragil das Vertrauen der Märkte geworden sei und wie schnell die Angst vor KI-Disruption in breite Risikoaversion umschlagen könne. Aber wie so oft im Leben, ist des einen Leid des anderen Freud. Der disruptive KI-Strudel, der derzeit viele Softwareaktien in Mitleidenschaft zieht, sorgte dafür, dass sich Anleger auf der Suche nach Stabilität Unternehmen mit „echten“ Assets zuwandten. Planbarkeit und Sicherheit statt Wachstumsphantasien.
Davon haben in dieser Woche vor allem Versorger, Energie- und Rohstoffaktien profitiert – alles Geschäftsmodelle, die sich nur schwer mittels KI replizieren lassen. Europäische Werte haben ihren Höhenflug der vergangenen Monate beschleunigt und sind auf Rekordniveaus geklettert. Auch der Dax hat sich als Gewinner dieser Entwicklung herauskristallisiert: Bis zum Nachmittag notierte der deutsche Leitindex auf Wochensicht knapp ein Prozent höher bei 25.300 Punkten. Im F.A.Z.-Index konnten die Versorger Eon und RWE mit einem soliden Plus von mehr als fünf Prozent punkten, Ersterer erreichte zeitweise den höchsten Stand seit 2011. Das Schwarzbrot in der Hand ist eben doch besser als versprochener Champagner, der nicht kommt.
Source: faz.net