Anklage nachher 65 Jahren: Wo liegt die Wahrheit im Fall Lumumba

Der Fußballfan war die Sensation beim Africa-Cup 2026. In blau-gelb-roter Kleidung – den Farben der Demokratischen Republik Kongo – stand er 90 Minuten lang mit erhobenem Arm auf einem Podest.

In seinem Heimatland wusste jeder, welche historische Persönlichkeit gemeint war, die in dieser Pose mit einer Statue verewigt ist. Patrice Lumumba, der erste demokratisch gewählte Regierungschef, wird bis heute in dem zentralafrikanischen Land verehrt, weil er der belgischen Kolonialmacht die Stirn geboten hatte, für Selbstbestimmung kämpfte und ein grausames Ende fand.

Ein Verfahren in Brüssel

65 Jahre sind seit Lumumbas Hinrichtung vergangen. An diesem Dienstag werden Richter in Brüssel entscheiden, ob ein Gerichtsverfahren zu den Umständen zugelassen wird.

Wenn es dazu kommt, würde ein 93 Jahre alter früherer Diplomat vor Gericht stehen. Étienne Davignon ist der letzte Überlebende jener Personen, die von Lumumbas Nachfahren bezichtigt wurden, beteiligt gewesen zu sein.

Der Spross aus einer belgischen Adelsfamilie, der später unter anderem Vize-Präsident der EU-Kommission wurde, hatte damals eine Art Praktikum im heutigen Kinshasa und in Brazzaville absolviert. In einem Telex hatte er 1960 geschrieben, es sei von größter Bedeutung, Lumumba zu „entfernen“ und die kongolesische Führung zu einer einheitlichen Front gegen ihn zu vereinen. In einem Interview sagte er später, das sei keine Aufforderung zum Töten gewesen.

„Absurde Vorwürfe“

Er selbst weist die Vorwürfe zurück und nennt ein Gerichtsverfahren „absurd“. Viele Kongolesen hingegen hoffen, die brutale Herrschaft der Belgier durch ein Verfahren in Erinnerung zu rufen. Sie dringen sechs Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit auf Entschuldigungen und Wiedergutmachungen.

„Es geht darum, einen Prozess zu führen und die Wahrheit über die Geschehnisse herauszufinden, nicht nur über die Rolle von Étienne Davignon – denn er war nur ein Teil des kriminellen Plans“, sagte ein Anwalt der Lumumba-Familie.

Die Suche nach den Schuldigen ist schwierig, denn sowohl die belgische Regierung wie auch der amerikanische Geheimdienst CIA hatten über eine „Beseitigung“ des charismatischen, aber auch erratischen Lumumba nachgedacht. Zusätzlich trachteten Rivalen in Kongo nach seinem Leben.

In kurzer Zeit sei Lumumba zu einem „Idol für seine Anhänger“ geworden, schreibt der Historiker Martin Meredith, und zu einer „permanenten Gefahr für seine Gegner“.

Er wollte „erbarmungslos“ für die Befreiung kämpfen

Nach kurzer Schulausbildung arbeitete Lumumba zuerst für die Post. Doch schon in jungen Jahren zeigte sich seine „hohe Intelligenz und rastlose Energie“, so Meredith. Er verfasste politische Artikel für Zeitungen, während die Unabhängigkeitsbewegungen auf dem Kontinent in Fahrt kamen. Die meisten Mitglieder der kongolesischen Elite wollten „Belgier“ mit gleichen Rechten sein, statt für die Befreiung zu kämpfen, beklagte er.

1958 schloss er sich einer Gruppe junger Kongolesen an, die den „Mouvement National Congolais“ (MNC) gründeten und nach seinen Worten „erbarmungslos“ für die Befreiung kämpfen wollten. Aus den ersten Parlamentswahlen kurz vor der Unabhängigkeit ging der MNC als stärkste Partei hervor. Lumumba wurde zum ersten Ministerpräsidenten gewählt. Schon am Unabhängigkeitstag am 30. Juni 1960 zog er in einer flammenden Rede über die belgische Kolonialherrschaft her.

Die folgenden Entwicklungen wurden nicht nur in Europa mit wachsender Unruhe verfolgt. Chaos, Aufstände und Meutereien brachen aus. Fluchtartig verließen weiße Menschen das Land.

Moïse Tshombé, der Sohn eines Geschäftsmanns, erklärte die rohstoffreiche Provinz Katanga für unabhängig. Belgien, das auf Tshombés Seite stand, schickte Truppen mit der Begründung, belgische Staatsbürger schützen zu müssen.

Ein Hilferuf nach Moskau alarmiert die USA

Lumumba verkündete, sich im „Kriegszustand“ mit Belgien zu befinden. Er drohte, die Sowjetunion zu Hilfe zu rufen, sollten die Vereinten Nationen ihn nicht unterstützen. Da war auch die amerikanische Regierung mitten im Kalten Krieg alarmiert.

Schwere politische Turbulenzen folgten. Der Präsident in Kongo setzte Lumumba ab, der verkündete, den Präsidenten abzusetzen. Joseph Mobutu, der spätere Diktator, stürzte die Regierung. Die Schwierigkeiten, die Lumumba zu stemmen hatte, seien „immens“ gewesen, schreibt Meredith. In kurzer Zeit habe er aber auch „jegliches Wohlwollen verspielt und sich eine Schar mächtiger Feinde eingehandelt“.

Auch Lumumba wusste, dass er kaum mit dem Leben davonkommen konnte. „Schade, wenn ich sterbe, aber der Kongo braucht Märtyrer“, soll er zu einem Freund gesagt haben.

Kongolesischer Märtyrer

Am 1. Dezember 1960 wurde er festgenommen, am 17. Januar mit zwei weiteren Gefangenen nach Élisabethville in Katanga geflogen. Am späten Abend wurden die drei nach Folterungen an einen abgelegenen Ort gefahren, wo bereits Exekutionskommandos warteten.

Die Hinrichtung hatten nach heutigen Erkenntnissen Beamte aus Katanga ausgeführt, in Anwesenheit belgischer Offiziere. Wenige Tage später ließen die Belgier und ihre Verbündeten die Leichen ausgraben, zerhacken und in Schwefelsäure auflösen.

Von dem ersten kongolesischen Ministerpräsidenten blieb ein Zahn übrig, den ein belgischer Beamter als „Souvenir“ mitnahm. Erst 2022 wurde der Zahn zurückgegeben und in Kinshasa bestattet.

Jahrzehntelang galt der Fall Lumumba in Belgien als abgeschlossen. Erst im Jahr 2000 stimmte die Regierung einer parlamentarischen Untersuchungskommission zu. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die belgische Führung eine „moralische Verantwortung“ habe. Lumumbas Söhne wandten sich gegen diese Bewertung und forderten 2011 eine strafrechtliche Verfolgung der Tat, die in Kongo bis heute nicht vergessen ist.

Source: faz.net