Angriffe jener Hizbullah: Warum Israel wieder einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt ist

Wo die Lage es erlaubt, sollen die Schulen in Israel, die seit dem Beginn des Irankriegs geschlossen sind, in der kommenden Woche teilweise wieder geöffnet werden. Für zwei Gebiete werde das aber gewiss nicht gelten, kündigte Bildungsminister Yoav Kisch am Donnerstag an: Tel Aviv und den Norden. Während die Großstadt am Mittelmeer besonders oft Ziel von Raketen aus Iran ist, stehen Galiläa und die Golanhöhen seit anderthalb Wochen unter Beschuss von der Hizbullah – der stärker wird.

Am Mittwochabend und in der Nacht zum Donnerstag gab es die bislang massivsten Salven aus Libanon. Mit etwa 200 Raketen und 20 Drohnen habe die Hizbullah in mehreren Wellen angegriffen, teilte die Armee mit. Die meisten wurden demnach abgeschossen oder schlugen in offenem Gelände ein; zwei Menschen erlitten leichte Verwundungen. Ein Armeesprecher sagte am Donnerstag zu Journalisten, die Hizbullah habe noch massivere Angriffe geplant. Man sei aber gut vorbereitet gewesen und habe mehr als die Hälfte der Raketenabschussanlagen nach der ersten Angriffswelle zerstört.

Nicht nur aufgrund der Massivität markiert die Attacke aber möglicherweise eine weitere Phase des Krieges. Denn Israels Raketenabwehr fing in der Nacht zum Donnerstag auch mehrere ballistische Raketen ab, die aus Iran abgefeuert worden waren – zum Teil zur selben Zeit wie die Raketen der Hizbullah. Die iranischen Revolutionswächter gaben anschließend an, es habe sich um eine „gemeinsame und integrierte Operation“ gehandelt. Der Armeesprecher bestätigte das.

Warum die Hizbullah entschlossen an der Seite Irans kämpft

Grundsätzlich hatte Israel wohl nicht erwartet, dass die Hizbullah so massiv und andauernd attackieren würde. Als die Schiitenorganisation am Abend des zweiten Kriegstags eingriff, war noch von einer selbstmörderischen Aktion die Rede. Jetzt warnte der Chef des Heimatfrontkommandos in einer Stellungnahme aus Nordisrael: „Es liegen schwierige Tage und Tage der Prüfung vor uns.“

Israel sieht sich abermals einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt. Die Hizbullah hat laut Armeeangaben seit Kriegsbeginn mehr als tausend Raketen und Drohnen eingesetzt. Sie feuert inzwischen auch wieder präzise lenkbare Raketen ab und greift Ziele tief in Israel an. Wegen der dortigen Militärzensur ist schwer zu beurteilen, welchen Schaden diese Attacken anrichten. Mehrere Medien verbreiteten jüngst private Aufnahmen, die einen Raketeneinschlag in einer Radarstation des israelischen Militärs in der Nähe des Ortes Beit Shemesh zeigen.

Für die Entschlossenheit der Hizbullah könnte es mehrere Gründe geben. Der Armeesprecher verwies auf den Einfluss des iranischen Regimes – vor allem über die Quds-Einheit, den für Auslandseinsätze zuständigen Arm der Revolutionsgarde. Die Armee versuche in diesen Tagen vor allem, diese Verbindung zwischen Teheran und der Hizbullah zu „zerbrechen“.

Der Hizbullah-Experte Nicholas Blanford wiederum zitierte in einer Analyse für die Denkfabrik Atlantic Council eine Quelle in der Organisation mit einer entschiedenen Kampfansage: Die Hizbullah kämpfe ihren „letzten Krieg“ gegen Israel. „Danach wird es keinen weiteren mehr geben. Entweder wir gewinnen, oder sie gewinnen.“ Die Propaganda beschwört in diesem Sinne religiös grundiert Opferbereitschaft und Durchhaltewillen.

Weitet Israel die Angriffe auf zivile Infrastruktur aus?

Solche Parolen dürften auch mit Blick auf die massiven israelischen Gegenangriffe notwendig sein. In der libanesischen Presse war am Donnerstagmorgen von einer „Nacht des Horrors“ die Rede. Neben heftigen Luftangriffen auf die von der Hizbullah beherrschten südlichen Vorstädte Beiruts gab es auch im Süden und Osten Libanons intensive Bombardements.

Die Hizbullah hält sich in diesen Tagen mit Verlustmeldungen zurück, auch wenn Berichte aus ihrem Dunstkreis nahelegen, dass sie gerade im Süden Libanons schwere Verluste erleidet. Das kann zum einen daran liegen, dass Kommunikationsketten abgerissen sind. Es kann laut Einschätzung mehrerer Beobachter zudem daran liegen, dass der Krieg auch unter den Schiiten in Libanon extrem unpopulär ist und die Hizbullah-Führung diesen Unmut nicht weiter befeuern will.

In Beirut nimmt angesichts der fortschreitenden Eskalation die Sorge zu, Israel könne seine Angriffe auf zivile Infrastruktur ausweiten. Drohungen mit genereller Verwüstung sind jetzt wieder vermehrt aus Israel zu hören, wenngleich bislang nur selten in offizieller Form. Das Gefühl, dass die bewaffnete Konfrontation sich ausweitet, wird außerdem durch zunehmende israelische Angriffe auf Ziele jenseits der Hizbullah-Bastionen verstärkt. Am Mittwoch gab es im Westen Beiruts nach einem Drohnenangriff einen Einschlag an einer Küstenpromenade, an der viele Binnenvertriebene übernachten.

Dass die Hunderttausenden Flüchtlinge aus dem Süden bald zurückkehren können, erscheint derzeit unwahrscheinlich. In Israel nehmen die Spekulationen zu, dass die Armee den Süden Libanons besetzen könnte.

Verteidigungsminister Israel Katz sagte am Donnerstag in einer Lagebesprechung, er und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hätten die Armee angewiesen, die Militäraktion in Libanon auszuweiten. Katz sandte eine scharfe Warnung an die libanesische Regierung: Wenn sie das Gebiet nicht kon­trollieren und verhindern könne, dass die Hizbullah den Norden Israels angreift, werde Israel „das Gebiet einnehmen und selbst dafür sorgen“.

Source: faz.net