Die Kinder in der südiranischen Stadt Minab waren gerade in der Schule, als Israel und die Vereinigten Staaten vor einer Woche ihre Angriffe auf Iran begannen. Dann schlugen die Geschosse ein.
Auf Videos, die kurz darauf im Internet kursierten, war das zerstörte Gebäude der Shajareh-Tayyebeh-Grundschule zu sehen. Das Dach war kollabiert und auf die Schüler und ihre Lehrer gestürzt. Aus den Trümmern stieg schwarzer Rauch auf. Iranischen Angaben zufolge sind mindestens 168 Menschen bei dem Angriff ums Leben gekommen, die meisten davon Mädchen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren.
Wie genau es zu dem Treffer der Grundschule kam, ist unklar. Das Pentagon untersucht den Vorfall laut Verteidigungsminister Pete Hegseth. Ergebnisse dazu sind noch keine bekannt. Das Völkerrecht verpflichtet Kriegsparteien dazu, Schäden an Zivilisten und ziviler Infrastruktur zu vermeiden. Gezielte Angriffe auf Schulen oder Krankenhäuser gelten als Kriegsverbrechen. Das UN-Menschenrechtsbüro verlangte deshalb eine umfassende Untersuchung.
„New York Times“: Wahrscheinlich ein US-Angriff
Die „New York Times“ veröffentlichte am Donnerstag die Ergebnisse einer Auswertung von Satellitenbildern, Beiträgen in sozialen Netzwerken und verifizierten Videoaufnahmen. Demnach befindet sich die Grundschule in direkter Nähe zu einem Marinestützpunkt der Revolutionsgarde, der gleichzeitig beschossen wurde. Der Bericht legt nahe, dass amerikanische Einheiten für den Angriff verantwortlich waren, da Israel zu dieser Zeit weiter im Norden operierte.
Wie offiziellen Äußerungen zu entnehmen ist, griffen US-Streitkräfte am Samstagvormittag Marineziele an. Generalstabschef Dan Caine erklärte, US-Einheiten hätten in den ersten 100 Stunden des Kriegs besonders den Süden Irans attackiert, nannte Minab aber nicht. Die Stadt befindet sich in der strategisch wichtigen Provinz Hormozgan an der Straße von Hormus. Die Region ist ein Knotenpunkt für die Marine der Revolutionsgarde.
Die Zeitung verifizierte nach eigenen Angaben die Bilder und Videos der zerstörten Schule. Demnach wurden mit ihr sechs weitere Gebäude getroffen, vier davon auf dem Stützpunkt. Ein Sicherheitsanalyst, der für die „New York Times“ an der Auswertung der Bilder beteiligt war, geht von einer „fehlerhaften Zielidentifizierung“ aus.
Tatsächlich haben mehrere Medien herausgefunden, dass das Schulgebäude im Jahr 2013 noch Teil der Militärbasis war. 2016 soll dann der Umbau zu einer Schule erfolgt sein, eine Mauer trennte sie vom Rest des Stützpunktes ab, sie wurde öffentlich zugänglich gemacht, ein Sportplatz gebaut.
Waren die Zieldaten veraltet?
Der „New York Times“ zufolge hätte das US-Militär wissen müssen, dass es sich um eine Schule handelt. Die Frage sei nun, ob der Angriff ein Versehen war oder ob das Gebäude gezielt auf Basis veralteter Informationen ins Visier genommen wurde. US-Außenminister Marco Rubio sagte am Montag, die Armee würde „nicht absichtlich eine Schule ins Visier nehmen“.
Der Vorfall in Minab ist nicht der einzige, bei dem ein ziviles Gebäude getroffen wurde. In der Stadt Parand nahe Teheran wurden ebenfalls zwei Schulen bei israelisch-amerikanischen Bombardements beschädigt. Sie befinden sich in der Nähe eines Funkturms, der das Ziel von Angriffen gewesen sein könnte. Die Weltgesundheitsorganisation zählte bis Donnerstag 13 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen in Iran. Bestätigt sind zudem von israelischer Seite Angriffe auf den staatlichen Rundfunk in Teheran und das Gebäude der Expertenversammlung in Qom. Das Gremium bestimmt den Nachfolger des getöteten Obersten Führers Ali Khamenei.
Iran wirft den Vereinigten Staaten und Israel vor, mit ihren Angriffen bewusst zivile Ziele ins Visier zu nehmen. Die iranische Hilfsorganisation Roter Halbmond ging am Donnerstag von mehr als 4000 Wohnhäusern und Geschäften aus, die seit Kriegsbeginn in Iran zerstört wurden. Auch Sportanlagen in Teheran waren schon Ziel der Angriffe, etwa das Azadi-Stadion.
Source: faz.net