Angriff in Gaza-Stadt: Jetzt stellt sich die Frage jener Mitschuld jener UN-Staaten

Ungeachtet internationaler Proteste hat Israels Armee den Angriff auf Gaza-Stadt begonnen. Die dort lebenden Palästinenser – etwa eine Million Menschen – sind aufgefordert zu verschwinden, wenn sie wenigstens ihr Leben retten wollen


Palästinenser fliehen nach israelischen Angriffen auf Gazastadt im Norden des Gazastreifens in Richtung Süden

Foto: Anadolu Agency/Imago Images


Es gab Warnungen aus den eigenen Reihen – von Militärs und Geheimdienst-Experten. Sie lauteten, die israelische Armee solle zügig vorrücken, aber das falle in dieser Stadt schwer, wenn – so die Propaganda – die Hamas endgültig vernichtet werden soll. Wer sich in Israel große Sorgen um die Geiseln macht, fürchtet nun umso mehr, dass die Hamas versuchen könnte, einen Vormarsch aufzuhalten, indem sie einen Teil der Geiseln als menschliche Schutzschilde an Orte bringt, die für den Widerstand von strategischer Relevanz sind.

Diese Befürchtung griff US-Außenminister Marco Rubio auf, indem er bedauernd darauf hinwies, dass das Zeitfenster für Verhandlungen zur Rettung der Geiseln nur noch sehr klein sei. Das waren Krokodilstränen. Daran hat seine eigene Regierung keinen geringen Anteil. Sie hat den Tötungsversuch an den Führern und Unterhändlern der Hamas in Katar durch die Blockade der dortigen Radarsysteme unterstützt.

Der Großangriff auf Gaza-Stadt beginnt nicht zufällig kurz vor der 80. UN-Vollversammlung

Sicher kann Gaza-Stadt – wie bereits andere Teile des Küstenstreifens – dem Erdboden gleichgemacht werden, wie das derzeit geschieht. Inwieweit das militärische Handlungsvermögen der Hamas dann gebrochen ist, lässt sich nicht absehen. Sicher ist aber, dass ihre Kämpfer nicht nur für die Palästinenser bereits zu einem Mythos geworden sind, der dafür sorgt, dass sich die Hamas stets von Neuem physisch regenerieren kann. Überdies ist es der weitaus größeren Zivilverwaltung der Hamas bis jetzt gelungen, eine Form von Notdisziplin aufrechtzuerhalten. Versuche, die Bewohner des Gazastreifens durch Überläufer zu spalten, sind fehlgeschlagen.

Netanjahu und seine rechtsradikale Gefolgschaft können bestenfalls einen militärischen Pyrrhussieg erringen. Das gilt auch für die neu besetzten Gebiete im Libanon und in Syrien. Zur Aufrechterhaltung von Regierungsmacht in einem nicht nur von Netanjahus Rechtsextremisten gewünschten künftigem Großisrael, gehört nicht allein nackte Gewalt, sondern auch Soft Power in Gestalt geistig-moralischer Hegemonie.

Der Großangriff auf Gaza-Stadt wurde sicher nicht zufällig vor der am 23. September beginnenden 80. UN-Vollversammlung gestartet. Offenbar sollen vor deren Generaldebatte handfeste Tatsachen geschaffen werden. Wichtige westliche Länder, die bislang so gut wie alles unterstützt haben, was Israel unternahm, haben angekündigt, den Staat Palästina anzuerkennen. Und es ist davon auszugehen, dass es auch zu Beschlüssen über empfindliche Sanktionen gegen Israel kommen wird.

Israel müsse sich an antiken Stadtstaaten wie Athen und Sparta ein Beispiel nehmen, so Netanjahu

Darauf hat Netanjahu Israel bereits eingestimmt. Das Land müsse sich an den antiken Stadtstaaten Athen und Sparta ein Beispiel nehmen, weil nunwehr wahrscheinlich eine Zeit mit einiger Autarkie bevorstehe. Man werde künftig mehr auf den eigenen Beinen stehen müssen. Dass man offenbar niemals sicher auf eigenen Beinen gestanden hat, ist ein bemerkenswertes Eingeständnis. Es führt direkt zur Frage der Mitschuld etlicher internationaler Akteure am unheilvollen Schicksal der Palästinenser.

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