Angriff hinaus Iran: „Die Risiken jener Aktion sind praktisch politisch denn verlustarm“

Die größten wirtschaftlichen Risiken der amerikanisch–israelischen Angriffe auf Iran gründen darin, dass Iran die Straße von Hormus kontrolliert. Durch die Meerenge am Ausgang des Persischen Golfs werden nach Angaben amerikanischer Behörden täglich rund 20 Millionen Barrel Öl transportiert, aus Saudi-Arabien, Irak, Iran, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten.  Das sind rund 20 Prozent der globalen Nachfrage.

Auch Flüssigerdgas aus Katar muss die Meerenge passieren. Sollte Iran die Meerenge für längere Zeit blockieren oder sollte die Angst vor Angriffen Reedereien von der Passage abhalten, könnte es zu größeren Verspannungen am Ölmarkt kommen.

Während die Analysten von Barclays als Folge der militärischen Eskalation einen Ölpreisanstieg auf 100 Dollar je Barrel nicht ausschließen, sehen andere Ökonomen die Risiken eher gelassen. „Wenn die Lieferungen durch die Straße von Hormus ausfallen, kann es zu gewissen Ölpreissteigerungen kommen“, sagte Clemens Fuest, der Präsident des Ifo-Instituts in München, der F.A.Z. Doch die Welt sei nicht mehr so abhängig vom Persischen Golf wie in den 1970er Jahren.

„Der Ölpreisanstieg wird nicht so gewaltig sein, dass er wie damals eine Rezession auslösen könnte“, sagte Fuest. „Es gibt einen gewissen Unsicherheitsschock, aber solange das regional begrenzt bleibt, werden die Auswirkungen regional begrenzt bleiben“, sagte Fuest.

Die Risiken liegen im Ölpreis

„Die direkten Effekte für die Weltwirtschaft sind gering“, sagte Moritz Schularick, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, der F.A.Z. „Die Handelsvolumina mit dem Iran sind gering. Die Risiken liegen bei einem höheren Ölpreis, vor allem im Fall einer regionalen Ausbreitung des Konfliktes.“ Der Internationale Währungsfonds erwartete vor den Angriffen auf Iran, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 3,3 Prozent und damit so stark wie im vergangenen Jahr wachsen werde.

Entscheidend für die wirtschaftlichen Folgen ist auch, wie lange die Straße von Hormus blockiert bliebe. „Insgesamt ist die Ölabhängigkeit unserer Volkswirtschaft gefallen“, sagte Schularick: „Die Risiken der Aktion sind eher politisch als ökonomisch.“

Öl- und Gastanker vermeiden nach Berichten von Nachrichtenagenturen zunehmend, die Straße von Hormus zu passieren. Iranische Medien berichten, dass die Straße praktisch geschlossen sei. Ein Vertreter der EU-Marinemission Aspides erklärte nach Agenturberichten, dass iranische Revolutionsgarden Schiffen die Fahrt durch die Meerenge seit Samstagsnachmittag deutscher Zeit untersagten.

Die deutsche Container-Reederei Hapag-Lloyd teilte mit, sie setze alle ⁠Durchfahrten durch die
Straße ⁠von Hormus bis auf Weiteres aus. Eine Bloomberg-Analyse von Schiffahrtsdaten deutete am Samstag darauf hin, dass immer noch Schiffe die Meerenge passierten.

Der Brent-Ölpreis war im vergangenen Sommer, während des 12-Tagekriegs zwischen Israel und Iran, in dem die Vereinigten Staaten auch Atomanlagen in Iran bombardiert hatten, auf fast 80 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen. Am Freitag hatte er fast 73 Dollar erreicht und lag damit so hoch wie seit Juli nicht mehr.

Viel Öl aus dem Persischen Golf geht nach Asien

Von einer Sperrung der Straße von Hormus wären direkt besonders asiatische Länder betroffen, China, Indien, Südkorea und Japan. Sie erhalten das Gros der Öllieferungen aus dem Persischen Golf. Iran selbst ist trotz aller Sanktionen immer noch der viertgrößte Ölexporteur der OPEC-Staaten. Die Internationale Energieagentur schätzt den Ölexport des Landes in den vergangenen Monaten auf etwa 1,9 Millionen Barrel (zu 159 Litern) am Tag. China ist der größte Ölkunde des Landes.

Iran hatte in vergangenen Konflikten wie dem Iran-Irak-Krieg in den 1980er Jahren den Schiffsverkehr in der Meerenge durch Angriffe oder Verminung gestört. Damals kam es zur Konfrontation mit amerikanischen Kriegsschiffen, ebenso wie in den Jahren 2007 und 2008. Vor drei Jahren kaperte Iran im Golf von Oman einen vom amerikanischen Ölkonzern Chevron gecharterten Tanker, der erst nach einem Jahr wieder frei kam.

Abgesehen von seiner Rolle als Ölexporteur ist die wirtschaftliche Bedeutung Irans für die Weltwirtschaft gering. Nach Jahrzehnten der Herrschaft des Mullah-Regimes und unter dem Druck der Sanktionen ist das Land ökonomisch verzwergt. 1990 trug Iran drei Prozent zur Weltwirtschaft bei. Zuletzt erwirtschafteten die Iraner ein Bruttoinlandsprodukt, das nach Angaben des IWF rund 0,3 Prozent der globalen Erzeugung ausmacht.

Im deutschen Außenhandel spielt Iran schon seit Jahren keine große Rolle mehr. Im vergangenen Jahr schrumpfte die deutsche Warenausfuhr nach Iran um 25 Prozent auf 963 Millionen Euro, auch als Folge neuer Sanktionen. Der Anteil des Landes an der gesamten deutschen Warenausfuhr beträgt weniger als 0,1 Prozent. Im Gegenrichtung schickten iranische Unternehmen im vergangenen Jahr Waren für 235 Millionen Euro nach Deutschland.

Ein Regimewechsel könnte Iran wirtschaftlich aufhelfen

Ein Regimewechsel in Iran und eine Öffnung nach außen könnten dem Land wirtschaftlich aufhelfen. Allein die Aufhebung der Sanktionen der Europäischen Union dürfte die Wirtschaftsleistung des Landes auf lange Frist um mehr als 80 Prozent steigern, ermittelte vor wenigen Wochen eine Ökonomengruppe um Gabriel Felbermayr, den Direktor des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) in Wien.

Eine größere Wiederbelebung der iranischen Öl- und Gasproduktion durch ausländische Direktinvestitionen könnte gemäß der Wifo-Studie den Rohölpreis um sechs bis 15 Prozent und den Gaspreis auf relevanten Spotmärkten um 10 bis 20 Prozent senken.

Mit 209 Milliarden Barrel Öl hält Iran nach Angaben der „US Energy Information Administration“ die drittgrößten bekannten Ölreserven in der Welt, nach Venezuela und Saudi-Arabien. Mit bekannten Reserven von 1200 Billionen Kubikmetern Gas rangiert Iran nach Russland auf Rang zwei.

Für Deutschland und die EU fielen mit einer Integration Irans in die Weltwirtschaft nach der Wifo-Studie eher geringe Zugewinne ab. Das hiesige realen Bruttoinlandsprodukt könnte auf lange Sicht um um 0,3 und 0,4 Prozent steigen. Positiv für Deutschland und Europa wäre, dass die hier wohnende große iranische Diaspora bei der Anbahnung von Direktinvestitionen in dem Land helfen könnten.

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