Angriff hinauf Iran: Netanjahu bekommt seinen Willen

Für Benjamin Netanjahu ist ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen: Israel und die USA führen gemeinsam Krieg gegen das Regime in Teheran, der Oberste Führer Ali Khamenei ist tot, die Islamische Republik nach den Luftangriffen der ersten Woche erheblich geschwächt. Wie der Krieg gegen Iran ausgehen wird, der mittlerweile die gesamte Region in Brand zu setzen droht, steht in den Sternen. Doch auf verschiedenen Feldern, die für den israelischen Ministerpräsidenten seit jeher im Zentrum seiner Politik stehen, hat er schon jetzt weitreichende Erfolge zu verzeichnen.

Zuallererst geht es um Iran selbst. Immer wieder hat Netanjahu in den vergangenen Jahrzehnten vor den Gefahren gewarnt, die von Teheran für den jüdischen Staat und den Rest der Welt ausgingen. An seiner Entschlossenheit, das Regime auszulöschen, das sich seinerseits die Vernichtung Israels auf die Fahnen geschrieben hat, ließ er keinen Zweifel. Mehr noch als das Atomprogramm hat Netanjahu die Zerstörung des iranischen Raketenarsenals im Blick, das für Israel zu einer existenziellen Gefahr geworden ist. Mit den größten Angriffen in ihrer Geschichte, derer sich die israelische Luftwaffe nun bemüht, dürfte er diesem Ziel ein entscheidendes Stück näher gekommen sein.

Volksaufstand eher unwahrscheinlich

Die Hilfe, nach der die Iranerinnen und Iraner gerufen hätten, sei endlich gekommen, lässt der israelische Ministerpräsident jetzt wissen. Nun sei es für das Volk an der Zeit, sich zu erheben und die Macht zu übernehmen. Wie realistisch solche Aufrufe sind, ist fraglich. Der Sicherheitsapparat in Iran kämpft erbittert um sein Überleben, im Januar wurden Zehntausende Demonstranten während einer brutalen Repressionswelle ermordet. Für Netanjahu aber dürften die Erfolgsaussichten eines Aufstandes eher nebensächlich sein. Die Befreiung des iranischen Volkes von seinen mörderischen Herrschern wäre für ihn wohl kaum mehr als eine willkommene Begleiterscheinung.

Durchaus gelegen kommt dem israelischen Ministerpräsidenten dagegen die Möglichkeit, auch der von Iran gelenkten Hizbullah in Libanon endgültig den Garaus zu machen. Immer wieder hatte Israel in den vergangenen Monaten Stellungen und Einrichtungen der schiitischen Terrororganisation bombardiert, die Armee hat ihre Vorposten im Nachbarland nie vollständig geräumt. Doch von einem Vernichtungskrieg gegen die Hizbullah musste Israel infolge des Waffenstillstandsabkommens von Ende 2024 Abstand nehmen.

Der „große Fehler“ der Hizbullah

Nun hat sich das Blatt gewendet. Der Kriegseintritt der Hizbullah, die seit der vergangenen Woche Israel mit Raketen unter Beschuss nimmt, gibt Netanjahu die Möglichkeit, mit voller Wucht zurückzuschlagen. Siegessicher verkündete der Ministerpräsident, die Organisation habe einen „großen Fehler“ gemacht, den Konflikt könne sie nicht gewinnen. Angesichts des desolaten Zustands der geschwächten Miliz, die selbst in der eigenen Klientel an Rückhalt verliert, dürfte er recht behalten.

Den vielleicht größten Triumph feiert der israelische Ministerpräsident aber an anderer Stelle. Unabhängig von der Frage, ob Israel das Teheraner Regime letztlich auch ohne die USA im Alleingang angegriffen hätte: Die Unterstützung des mächtigen Alliierten eröffnet dem jüdischen Staat Möglichkeiten, die ihm allein nicht offengestanden hatten. Während des Waffengangs mit Iran im Juni hatte es mehrere Tage gedauert, ehe Trump Israel zur Hilfe eilte. Diesmal konnte Netanjahu von Beginn an auf seinen Freund im Weißen Haus setzen.

Entscheidend für den weiteren Verlauf des Irankriegs dürfte nun vor allem sein, wie lange Israel den amerikanischen Präsidenten bei der Stange halten kann. Im vergangenen Sommer erklärte Trump den Krieg nach einigen heftigen Attacken der Amerikaner auf das iranische Atomprogramm für beendet. Israel musste klein beigeben. Wenn die aktuelle Konfrontation zu dem Ergebnis führen soll, das sich Netanjahu erhofft, muss es dieses Mal anders laufen.

Noch zeigt sich Trump bemüht, Befürchtungen über einen frühen Ausstieg der USA zu zerstreuen. Vier, fünf Wochen könne man kämpfen, beteuert er, zur Not auch länger. Doch sich auf einen derart erratischen Präsidenten zu verlassen, ist riskant. Das wissen auch die Israelis. In der amerikanischen Bevölkerung, die nur wenig Sympathien für einen neuen Nahostkrieg unter Beteiligung eigener Soldaten hat, wächst schon jetzt der Unmut.

Im eigenen Land hat der israelische Ministerpräsident mit solchen Problemen bislang nicht zu kämpfen. Die iranischen Vergeltungsangriffe zwingen die Bevölkerung zwar seit Tagen in Bunker und haben schon jetzt mehrere Menschen getötet. Doch die Zustimmung zum Krieg gegen den Erzfeind ist groß. Im Herbst stehen in Israel Wahlen an, lange Zeit sah es für Netanjahu nicht gut aus. Wenn es nach ihm geht, soll ihm der Kampf gegen das Regime in Teheran auch in dieser Hinsicht zum Erfolg verhelfen.

Source: faz.net