Angriff gen die Oberen 10 Prozent: Oliver Coste will an den Kündigungsschutz zum Besten von Gutverdiener

Wahrscheinlich könnte Oliver Coste jetzt in New York sitzen und einen vorgezogenen Ruhestand genießen. Er könnte die Bücher lesen, die ihn so interessieren. Er könnte Zeit mit seinen Kindern verbringen, gelegentlich ein Unternehmen beraten. Stattdessen tourt er durch gesichtslose Bürogebäude in Europa, auf eigene Kosten, wie er sagt. Er klopft an die Türen von Wissenschaftlern und Denkfabriken, von Journalisten und Staatssekretären, er lässt sich von einem dem Nächsten vorstellen – und alles mit einem Ziel: eine kleine Gesetzesänderung anzuregen. Coste glaubt, dass die ganze Zukunft von Europas Wirtschaft an diesem einen Gesetz hängt. Einig sind sich alle, die ihn treffen: Wenn man sagt „Der Mann hat eine Mission“, dann ist das weit untertrieben.

Allmählich sickert seine Idee in Europa ein. Die französische Akademie für Politikwissenschaften verleiht ihm einen Preis. Die deutschen Wirtschaftsweisen zitieren ihn in einem Gutachten. Coste schreibt einen Beitrag in der Zeitschrift des Ifo-Instituts und einen in der „Financial Times“. Die „Wirtschaftswoche“ berichtet über seine Idee, französische Medien stimmen ein, die F.A.S. hat sie schon 2024 thematisiert. Wenn die Europäische Zentralbank zu ihrem Forum nach Sintra einlädt, dann geht seine Idee auch dort in einen Vortrag ein. Coste trifft einen CDU-Staatssekretär im Digitalministerium, der ehemalige SPD-Finanzminister Kukies schreibt über seine Idee. Jetzt wollen Wirtschaftsministerin Reiche und CDU-Generalsekretär Linnemann die Idee ins Programm der CDU aufnehmen.

Worum geht es? Um den Kündigungsschutz für Spitzenverdiener. Coste will ihn lockern, und zwar für die zehn Prozent mit den höchsten Gehältern. In Deutschland wären das mehr als 90.000 Euro im Jahr, die CDU zieht die Grenze eher bei 100.000 Euro. Wenn Firmen diesen Spitzenverdienern leichter kündigen könnten, dann verspricht Coste mehr Innovation, mehr Investitionen, mehr Wohlstand. Die Wirtschaftsleistung könnte in einigen Jahren um 20 Prozent steigen. Die Staatskassen nähmen jährlich 400 Milliarden Euro mehr ein. So ließen sich Rente und Krankenversicherung besser finanzieren. Die Einkommen von Arm und Reich könnten sich auch angleichen.

Es geht auch darum, wer Karriere macht

Es wären spektakuläre Folgen einer sehr simplen Reform. Doch er ist überzeugt davon, weil er in den meisten europäischen Staaten ein großes Problem sieht: Für große Unternehmen sei es zu teuer, mit einer Geschäftsidee zu scheitern. „Vor 15 Jahren hat Nvidia Milliarden investiert unter hohem Risiko.“ Die damals entwickelten, für Künstliche Intelligenz geeigneten Chips seien die Voraussetzung gewesen, dass ChatGPT entwickelt werden konnte. Aber nicht jede mutige Investition geht auf. Die meisten misslingen. Und was passiert dann? Gemeinsam mit dem Ökonomen Yann Coatanlem hat Coste Geschäftsberichte gewälzt und nachgerechnet. Ihr Ergebnis: In den USA kostet die Abwicklung einer Geschäftseinheit durchschnittlich sieben Monatsgehälter in Abfindungen und anderen Sozialleistungen. In Deutschland sind es 31 Monatsgehälter. „Als Meta den Erfolg von ChatGPT sah, haben sie ein Viertel ihrer Mitarbeiter entlassen. Sie brauchten drei Wochen für die Entscheidung, drei Monate für die Verwirklichung. SAP ist immer noch dabei, das wird wahrscheinlich bis 2027 gehen, und so lange können sie auch nicht so einfach neue Leute einstellen.“ Costes Folgerung: „Wir haben keinen Champion in der Künstlichen Intelligenz, weil niemand diese Kehrtwende machen könnte, die Microsoft und Meta und Google gemacht haben.“

Das Ganze hat noch mehr Folgen, glaubt Coste. In Europa machten sicherheitsbewusste Manager Karriere – in den USA eher diejenigen, die mal eine neue Idee ausprobieren. Wenn EU-Konzerne Start-ups aufkauften, dann müssten sie die Kosten eines möglichen Scheiterns mitrechnen. Also zahlten sie weniger. Darum würden viele europäische Start-ups in die USA verkauft, aber zu niedrigen Preisen. Also machten Investoren in Europa weniger Rendite – kein Wunder, dass Geld für junge Unternehmen fehle.

Dänemarks Flexicurity bringt mehr Wachstum

Zwei Länder in Europa gehen mit Entlassungen anders um: die Schweiz und Dänemark. Dort sind Entlassungen leichter, die Betroffenen werden von der öffentlichen Arbeitslosenversicherung abgesichert. Deshalb hätten diese Staaten mehr innovative Unternehmen.

All diese Ideen kamen Coste in seiner Zeit als Manager und Unternehmer bei verschiedenen Technikunternehmen. Er begann in den Neunzigerjahren als Mitarbeiter der EU-Kommission, beriet dann den sozialistischen französischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin, bevor er zum Telekommunikationskonzern Alcatel ging und sich in den Zehnerjahren mit einem Videochat-Unternehmen für elektronische Händler selbständig machte, das von Microsoft einen Preis bekam, aber heute nicht mehr besteht.

Es gibt auch Kritiker

Seine These hat auch Kritiker. „Die Lohnkosten in den USA und in der Schweiz sind um ein Vielfaches höher“, gibt der Mannheimer Ökonom Moritz Kuhn zu bedenken. Er hält manche von Costes Zahlen für zu sehr über den Daumen gepeilt. Deutschland sei für hoch qualifiziertes Personal ein Niedriglohnland – darum müsste Entwicklung in Deutschland eher billiger sein. Coste argumentiert, dass man dafür in Europa nur geringere Preise verlangen könne.

Auch Nicola Fuchs-Schündeln, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, hat mit Coste gesprochen. „Er schreibt ja viele an und ist dann auf einem seiner Europa-Trips vorbeigekommen“, erzählt sie. Sie findet seine These plausibel. Schon länger sei sie der Ansicht, dass die Deutschen angesichts des aktuellen Strukturwandels zu selten die Stelle wechseln. Sie glaubt aber nicht, dass der Kündigungsschutz allein schuld ist. „Bestimmt spielen auch andere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel der starre Wohnungsmarkt.“

Costes These hat viele Anhänger und einige Skeptiker. Nur warum der Mann so eine Lobbytour macht, weiß niemand – nicht mal der Chef von Frankreichs Wirtschaftsförderung, der Coste einen Freund nennt. Coste selbst sagt: „Ich habe es satt, diesen Niedergang zu beobachten, wenn er doch aufgehalten werden kann.“

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