Angesichts dieser KI: Das Geheimnis des Glaubens

Ich weiß noch, wie ich Benyamin zum ersten Mal sah. Am Ende eines langen, dunklen Flurs in einer West-Berliner Wohnung stand er leicht nach vorn gebeugt an einem Tisch und schaute über seine linke Schulter. Es war dunkel in der Wohnung, das elektrische Licht durfte an ­jenem Abend wegen eines jüdischen Feiertags nicht benutzt werden, also erleuchteten Kerzen den Raum. Und Benyamin schaute über seine ­linke Schulter zu mir. Er gab sich nicht ganz zu erkennen. Er hielt etwas zurück. Ließ im Ungefähren, ja Geheimen, wer er wirklich war und was er wirklich wahrnahm. Die Camera obscura, von der der Künstler Benyamin Reich so schwärmt – ein bisschen hat der Mensch, der Freund Benyamin selbst etwas von ihr. Dieser dunkle Kasten mit nur einer kleinen Öffnung an der Seite, durch die das Licht einfällt. Inbegriff nicht nur eines fotografischen, sondern auch eines seelischen Prinzips. Die Dunkelheit in uns allen, der existenzgefährdende Umstand des Alleinseins und Nur-mit-sich-Bleibens wird dadurch gemildert, dass wir uns einander hin und wieder kurz öffnen und ein wenig Licht einlassen.

Benyamin öffnet sich nicht leicht und nicht oft, aber wenn er es tut, dann will gleich alles Licht zu ihm, dann strömen die Strahlen in seine dunkle Seelenkammer und erleuchten ihn von innen. Er hat etwas von einem modernen Märtyrer. Einer, der in seinem Leben viel Leid ausgehalten hat und der nach all dem Aushalten jetzt auf der ­Suche nach einem Halt ist. Aber vielleicht ist er auch dazu bestimmt, immer weiter zu suchen und nie anzuhalten. Ein überzeugter Finder ist er jedenfalls nicht. Er mag das Fertige nicht, widersetzt sich den rationalen Ansprüchen jeder zurechtgemachten Präsentation von Wirklichkeit. Vor Ausstellungseröffnungen zögert er die genaue Anordnung seiner Bilder bis zum Letzten hinaus, als ob er der institutionalisierten Rahmensetzung im Tieferen misstraute. Als ob er das Licht, das in ihn dringt und das er in kunstvolle Fotografien verwandelt, nicht preisgeben, nicht verraten wollte.

Begierde nach freier Liebe

Wer mit Benyamin spricht, der ist immer auch ein bisschen mit im Geheimnis. In ihm arbeiten noch die jahrhundertealten jüdischen Religionsgesetze fort, hat das Vergangene seinen festen Platz. Anders als manch anderer ironisiert oder bekämpft er die Zeit von gestern nicht, sondern nimmt sie als verführerisches Gegenüber ernst. So ist Benyamin nicht nur Märtyrer, sondern auch Mittler. Ein Mittler zwischen den Zeiten und Gefühlen, einer, der die Religion seiner ­gestrigen Welt mit der Ästhetik seiner heutigen verbindet, der die Hochachtung vor der Tradition neben die sehnsuchtsvolle Begierde nach freier Liebe stellt. Das macht ihn so unbegreifbar, so geheimnisvoll. Die Welt, aus der Benyamin kommt, und die Welt, nach der er sucht, treffen sich in seinen Bildern. In seiner Kunst.

Zum Beispiel in dem großen, aus heiligen ­Texten zusammengewobenen Vorhang, der seit Aschermittwoch den Altar in der St.-Matthäus-Kirche verhängt. In diesem großen, ausdrucksvollen und gleichzeitig leichtsinnigen Vorhang hat Benyamin unterschiedliche Prägungen mit­einander verwoben. Zum einen spiegelt sich darin die Heilige Zeit, in der er aufwuchs: Mitte der Siebzigerjahre in Israel in eine streng orthodoxe Familie hineingeboren, wuchs er in konsum­armer Kargheit und dogmendisziplinierter Umgebung auf. Die Texte der heiligen Bücher waren damals für ihn die einzigen Zeitzeugen. In einer Welt ohne Bilder, ohne Kommunikation, ohne Medien bekamen die heiligen Bücher für ihn einen unschätzbaren Wert, prägten sein Bewusstsein, bestimmten seine Phantasie. Sie konturierten sein Bild von den Menschen und ihrem Zusammenleben, gaben ihm Auskunft über ihre Sehnsüchte und Begierden, über ihre guten Taten und ihre Fehltritte.

Es waren die größten Geheimnisträger für ihn. Ihre auratische Bedeutung konkurrierte in seiner Wahrnehmung mit ihrer realen. Er bewunderte sie nicht nur, er benutzte sie auch. Vielleicht pflegt Benyamin deshalb heute einen pragmatischen Umgang mit ihnen. Er sieht in ihnen nicht nur abstrakte, sondern sehr konkrete Lebensmittel. Deshalb traut er sich mit ihnen auch eine Beobachtung zweiter Ordnung zu, verwebt sie zu einer heiligen Textfläche und stellt sie in einen neuen Zusammenhang.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigkeit

Es ist ein Zusammenhang, der das Heilige mit dem Schönen, dem Erotischen verbindet. Die ­antiken Skulpturen und angedeuteten Akt-Zeichnungen, die Benyamin unter die heiligen Texte mischt, zeugen neben dem erzfrommen auch von dem erzleidenschaftlichen Geist, der in diesem Künstler wohnt. Es ist ein Geist, der aus dem Heute und Hier, dem körperlichen Sein und Wollen heraus nach Ausdruck verlangt und mit den Vorschriften von damals rangelt. „Wir Ultraorthodoxen im Exil sind alle Verlorene“, hat Benyamin unlängst in einem Fernsehinterview gesagt. Und damit gemeint: Wir passen nirgendwo hinein, wandeln zwischen den Zeiten, haben die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in, um und an uns. Daher kommt das Geheimnisvolle, das Benyamin umgibt. Das ist keine Behauptung, das ist ein Schutzbrief. Das Geheimnis schützt sein Wesen, damit die Widersprüche ihn nicht zer­reißen.

Von der Kunst Benyamin Reichs ausgehend, kann man gut über den Wert des Geheimnisses in unserer Zeit nachdenken. Über das sprechen, was seine Kunst auch ausdrückt: der Vorhang als Sinnbild für die sinnliche Kraft der Verhüllung. Für die Bedeutung der Uneinsichtigkeit, des Verborgenen, eben des Geheimen. Der Vorhang ist das Material gewordene Versprechen auf Höheres. Auf etwas, das jenseits des Alltäglichen liegt, das größer ist als unsere Vernunft.

Fortschrittsgedanken des Neuen Testaments

Im sakralen Raum des ersten jüdischen Tempels symbolisierte der Vorhang die Schranke zwischen Augenschein und dem Allerheiligsten, der Bundeslade. Es ist ebendieser Vorhang, der beim Tod Jesu zerreißt: „Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben bis unten“, heißt es bei Matthäus. Dieses Zerreißen ist bekanntlich als Sinnbild für die neue Nähe zwischen Gott und dem Menschen verstanden worden, als Zeichen des freien Zugangs. Durchaus mit antijüdischen Tönen wird im zweiten ­Korintherbrief auf „die Decke“ herabgeschaut, die die Israeliten über ihren Bund mit Gott und dadurch auf ihre Herzen gelegt haben. Was vorher verborgen war, so der Fortschrittsgedanke des Neuen Testaments, wird nun offenbar.

Auf diesem Gedanken beruht viel von unserem heutigen christlichen Glaubensverständnis: dass Gott uns ähnlich ist, dass er in seinem Sohn Mensch geworden ist, ein Mensch, der leidet, der sich fürchtet, der Angst hat davor, dass die anderen einschlafen, während er wach bleiben muss – die Szene im Garten Gethsemane hat mich ­immer besonders beeindruckt. Aus ihr habe ich einen Beweis für die Gefühlsklugheit der christ­lichen Botschaft abgelesen. Ohne Scheu zeigt hier die göttliche Natur Furcht und Verzweiflung. Es ist die Furcht vor der Einsamkeit, des Allein-mit-allen-Seins, die auch heute noch jeder von uns kennt und aushalten muss. Der ängstliche Christus ist ein Beweis für die Verständlichkeit, für die Nahbarkeit Gottes. Nichts Fremdes, nichts Fernes, nichts Unverständliches ist hier an ihm.

Aber das ist nur seine eine Seite. Es gibt auch die andere. Und die ist nicht weniger schön.

Eine Aufnahme von Benyamin Reich aus dessen Fotoband „Jerusalem Berlin“Benyamin Reich

Gott, so beschreibt es Paul Gerhardt in seinem wunderschönen Weihnachtslied, ist Kind und Mensch und voller Freuden, aber er ist auch undurchschaubar, unerklärlich, unfassbar: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O daß mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, daß ich dich möchte fassen!“

Das ist der Gott, der hinter dem Vorhang steht. Das ist der Gott, der im Geheimen bleibt. Die höchste Instanz, gerade weil sie nicht öffentlich auftritt. Die Autorität des Verhüllten rührt daher, dass er sich nicht zeigt. Daher, dass man sich darunter alles Mögliche vorstellen kann, ohne es je zu greifen, zu begreifen.

Ein Wort, das Wurzeln geschlagen hat

In den Sakramenten bleibt das Mysterium verhüllt gegenwärtig. Das wird im Katholischen insbesondere in der Eucharistie deutlich – im Tabernakel gibt es hier ebenfalls Vorhänge. Aber auch etwa in den Hymnen zum Fronleichnamsfest hat Thomas von Aquin den Glaubenswert der Verhüllung auf bewegende Weise in Worte gefasst:

Demütig bete ich dich, verborgene Gottheit, an,

die du in diesen Gestalten wahrhaft dich

verbirgst;

dir unterwirft sich ganz mein Herz,

weil es dich betrachtend ganz versagt.

Unfassbar – der Ausruf kommt uns heute leicht über die Lippen, wenn sich etwas besonders Sensationelles ereignet. Und doch ist das meist nur so dahingesagt. „Unfassbar“ – das ist ja mitunter schon der unwahrscheinliche Kantersieg der Lieblingsfußballmannschaft oder der Umstand, dass die gerade gewechselte Glühbirne schon wieder kaputt ist. Wir sagen es zwar, aber erfahren es nicht: das Unfassbare. Denn wir leben nicht in einer Zeit, die dem weiten Meer vertraut. Die einen Sinn hätte für die Bedeutung des ­Uneinsehbaren, des Fernen und Verhüllten. Im Gegenteil: In unserer Welt muss alles klar und ­erreichbar sein. Anschlussfähig und niederschwellig. Unkompliziert und transparent. Das vor allem: transparent. Von der Architektur über die Wirtschaft bis zur politischen Moral hat dieses Wort Wurzeln geschlagen. Sich hinein­gedrängt in unser kollektives Bewusstsein. Alles muss durchschaubar sein, alles muss sich preis­geben. Riesige Fensterfronten bestimmen das Antlitz unserer Gebäude, transparente Frei­flächen, die von waghalsigen Putzteams auf­wendig gesäubert werden müssen, damit der ­Anschein erweckt wird, es gäbe keine Schranke zwischen drinnen und draußen.

Gläserne Schranken

In Wahrheit aber stehen die sauberen gläsernen Fensterflächen unserer hohen Häuser sinnbildlich für die Hypokrisie unserer Moderne: Denn was dahinter geschieht, woran gearbeitet, taktiert und geschoben wird, das hat in den meisten Fällen nichts mit ­Nähe und Schrankenlosigkeit zu tun, sondern mit Entzweiung und Gegenüberstellung, mit Macht und Vertrieb. Trans­parenz ist ein blendendes Glitzerwort, das Fortschritt und Menschenfreundlichkeit antäuscht, um mit besserem Gewissen lügen zu können. Denn in Wahrheit sind diese sauberen Fensterfronten eiskalt, in Wahrheit sind sie hart und verschlossen. Es sind gläserne Schranken. Ich habe Angst vor diesen transparenten Fassaden. Ich glaube nicht an sie. Wenn ich an ihnen vorbeilaufe, „fällt mich die Leere an“, wie es bei Gottfried Benn heißt. Ihre Durchschaubarkeit lässt mich frösteln – kein Eindruck, nur Einsicht, kein Augenblick, nur Sichtweise.

Ich misstraue dem Glitzerwort Transparenz. Ich denke, es führt in die irrende Kälte. Denn was es am Ende bedeutet, was es fordert, ist ja doch: alles offenlegen, allen höheren Schutz, alle tieferen Geheimnisse preisgeben, das eigene Ich als ausreichend empfinden – mehr ist da nicht als das, was ich bin und sein will, was ich denke und meine.

Die Transparenz ist das Trittbrett der Funktionslogik. Auf ihr fußt sie, mit ihr fährt sie fort. Aber in ihrem Fortfahren lässt sie Wertvolles zurück. Denn die enge Bahn, auf der wir „traurigen Modernen“ (Emmanuel Todd) fortfahren, kennt nur eine Antriebsform: die Vernunft. Hier gilt nur, was verständlich, was rational ist. Handlich genug, um in unseren Kopf hineinzupassen. Ja, verschiedene Köpfe können unterschiedliche Größen aufnehmen, aber am Ende wird reflexhaft zurückgewiesen, was uns über den Kopf ­hinauswächst. Und das ist ein Fehler.

Denn es gibt ja zum Beispiel auch Träume. Es gibt ja auch Zufall. Es gibt ja auch Gott.

Warum geben wir uns mit der engen Bahn zufrieden? Woher kommt unsere Verklemmtheit gegenüber Zeichen und Wundern? Warum haben wir so einen Widerwillen gegen das Staunen entwickelt?

Glaube als Verteidigung gegen die KI

Im Tieferen spüren wir, dass unser Verstand, dass unsere Sinne, ja nicht einmal unsere Seele dafür angelegt sind, alle Größen des uns Ge­schehenden zu fassen. Dass es sehr wohl auch Übergrößen gibt, deren Umfang uns überwältigt. Der Tod zum Beispiel ist so eine Übergröße, die Trennung für immer. Um das zu fassen, bräuchte es mindestens das „weite Meer“, nach dem Paul Gerhardt ruft. Aber auch manch anderes übersteigt die Vorstellungskraft unserer Funktions­logik. Denken wir nur daran, wie die Kontingenz trotz aller rationalistischen Ein­hegungsversuche in unserem Leben weiter fortwirkt, wie viel aus Zufällen erwächst, manchmal nur Kursgewinne oder Berufserfolge, aber mitunter auch lebenslange Freundschaften oder bewegende Gedichte.

Es liegt, so meine ich, etwas Beruhigendes, etwas Entlastendes, ja sogar etwas Rettendes darin, dass wir nicht alles einsehen können. Dass wir mit unserer Wahrnehmung und unserem Ver­stehen an Grenzen stoßen, die nicht gläsern, ­sondern handfest sind. Denn eine Gesellschaft, die nur noch verstehen will, verliert den Glauben. Und damit – Achtung, Modewort – ihre Resilienz. Gerade in diesen Jahren, auf die man später vielleicht einmal als Umbruchsjahre zurückschauen wird – nicht nur als politische, sondern vor allem als humanistische Umbruchsjahre –, ist das fatal. Denn in diesen Jahren bekommt unser Verstand ja bekanntlich erhebliche künstliche Konkurrenz, wird Wissen und Verstehen immer mehr zu einer Frage der geschickten Imitation. Im Angesicht dessen wird aber die stärkende Funktion des Glaubens für die Widerstands-, sagen wir ruhig Verteidigungsfähigkeit unseres Geistes wieder wichtiger. Vielleicht wird er sogar bald das entscheidende Kriterium sein, das uns Menschen auszeichnet. Mit dem wir vor der digitalen Intelligenzia noch punkten können.

Glauben, der Beweise für seine Wirkung präsentieren muss, nennen wir besser Esoterik: Blick auf die Empore der St. Matthäus Kirchedpa

Der Glaube ist das Gegenüber zur Trans­parenz. Er folgt keiner Funktion, bricht alle Bahnen und sucht sich unüberschaubare Weite. Der Glauben offenbart sich, aber er legt nicht offen. Er hat damit Ähnlichkeiten zur Kunst. Jedenfalls mit der echten, der absoluten Kunst. Auch sie wirkt oft trotz oder gerade weil sie nicht verständlich ist. Kunst, die sich erklären, die sich anschlussfähig machen muss, rutscht rasant ab ins Pädagogische. Und einen Glauben, der marketinghaft Beweise für seine Wirkung präsentieren muss, nennen wir besser Esoterik.

Deshalb: Lassen wir doch zu, dass das Geheimnis des Glaubens höher ist als all unsere Vernunft. Dass es nicht mehr für uns zu ver­stehen gibt als jenes Wort, das Martin Buber ­seiner Erzählung über das Streitgespräch zwischen einem gelehrten Aufklärer und einem gottesfürchtigen Rabbi voranstellt: „Vielleicht“.

„Der Rabbi aber wandte sich ihm zu und sprach ihn gelassen an: ‚Mein Sohn, die Großen der Thora, mit denen du gestritten hast, haben ihre Worte an dich verschwendet, du hast, als du gingst, drüber gelacht. Sie haben dir Gott und sein Reich nicht auf den Tisch legen können, und auch ich kann es nicht. Aber, mein Sohn, bedenke, vielleicht ist es wahr.‘ Der Aufklärer bot seine innerste Kraft zur Entgegnung auf; aber dieses ‚Vielleicht‘ brach seinen Widerstand.“

Leere der Einsicht

Dass es Gott gibt, offenbart sich immer dort, wo wir etwas nicht verstehen. Wo etwas über unsere Vorstellungskraft hinausgeht. Eine Wahrheit wirkt, ohne Spuren zu hinterlassen. Nichts auf dem Tisch liegt. Gott ist dort, wo wir an das „Vielleicht“ glauben. Der Vorhang, die Ver­hüllung ist nichts anderes als ein Sinnbild für ­dieses „Vielleicht“. Es ist der Gegenbegriff zur Transparenz. Zu der kalten Leere der ­Einsicht. Denn Verhüllung bedeutet auch ­Wärme. Sie schützt und schafft Wert, sie be­kleidet das Geheimnis, könnte man sagen, verleiht ihm Würde und Anziehung. Es hat einen Grund, warum das Display, Inbegriff unserer Transparenz-Epoche, so kalt wirkt: Es kennt keine Scham. Es zeigt sofort alles. Es hat nichts zu verbergen.

Dass wir in apokalyptischen Zeiten leben, in Zeiten, in denen sich Politikerinnen wie die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen vorstellen können, dass bald „alles aus sein könnte“, in Zeiten, in denen die Angst vor dem Niedergang wieder einmal unsere Vorstellung von der Zukunft bestimmt, dass wir in solchen Zeiten ­leben, hat auch etwas mit dem Fehlen des Vorhangs, mit der Verächtlichmachung der Verhüllung zu tun. „Apo-kalyptein“, das bedeutet wörtlich: das Wegreißen einer Bedeckung. Die Entkleidung, Enthüllung. Die Transparenz ist in Wirklichkeit eine Zwillingsschwester der Apo­kalypse. Gemeinsam reißen sie Vorhänge ­herunter und entblößen Wunder – gemeinsam ­täuschen sie uns eine Welt ohne Zubehör, ohne Geheimnis, ohne Glauben vor. Und immer rufen sie dabei: Wahrheit.

Aber es gibt eben auch eine andere Wahrheit, eine Wahrheit, die sich nicht zeigt. Eine Wahrheit, die im Verborgenen des Vielleicht bleibt. Eine Wahrheit, die hinter dem Vorhang wartet. Der Stoff, aus dem dieser Vorhang gemacht ist, heißt Schönheit, heißt Heiligkeit. Das offenbart der Vorhang von Benyamin Reich. Er schützt uns vor der Apokalypse – wenn wir das Geheimnis des Glaubens nicht verraten. Wenn wir auf das Vielleicht vertrauen.

Simon Strauß hielt diese Rede beim Ökumenischen Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler in der Berliner St.-Matthäus-Kirche anlässlich der Eröffnung der diesjährigen Passionsausstellung, die der jüdische Fotograf Benyamin Reich mit seiner Altarverhüllung „Parochet“ bestreitet. Beim Secession Verlag ist unter dem Titel „Jerusalem Berlin“ gerade ein Fotoband erschienen.

Source: faz.net