Angeblicher Angriff: Zu Gunsten von Trump macht sich Putin zum Opfer

Im Ringen um die Gunst des amerikanischen Präsidenten Donald Trump hat der Kreml am Dienstag seine Geschichte von einem ukrainischen Drohnenangriff auf „eine Residenz“ Wladimir Putins zwar nicht mit Fakten untermauert, aber mit umso schärferer Rhetorik gewürzt.

Dmitrij Peskow, der Sprecher des russischen Herrschers, sprach von einem „Terroranschlag“, der sich „nicht nur gegen Präsident Putin persönlich“ gerichtet habe, sondern „auch gegen Trump“ und dessen Bemühungen, eine friedliche Lösung des „ukrainischen Konflikts“ zu erreichen.

Aufgekommen war die Geschichte vom „versuchten Angriff“ auf Putins Residenz im Waldaj-Höhenzug zwischen Moskau und Sankt Petersburg am Montagabend vor dem Hintergrund des für ukrainisch-amerikanische Verhältnisse recht harmonischen Treffens Trumps mit dem ukrainischen Präsidenten, das am Sonntag in Trumps Anwesen Mar-a-Lago in Florida stattgefunden hatte.

Wolodymyr Selenskyj sagte danach, der US-Präsident habe der Ukraine „starke Sicherheitsgarantien“ für einen Zeitraum von 15 Jahren und ein „Entwicklungspaket“ zugesichert. Wiewohl Trump ein, zwei „sehr heikle“ Themen vor einem hypothetischen Kriegs­ende ausmachte und Putin zugutehielt, zu wollen, dass die Ukraine „Erfolg hat“, war dieses Ergebnis nicht in Moskaus Sinne.

Lawrows Vorstoß wirkte improvisiert

In dieser Lage erzählte der russische Außenminister Sergej Lawrow vor der Presse dann von einem „Terroranschlag“ der Ukrainer auf eine „Residenz im Nowgoroder Gebiet“ in der Nacht auf Montag mit „91 Langstreckendrohnen“, die alle „vernichtet“ worden seien.

Angaben über Verletzte oder Schäden gebe es nicht, sagte Lawrow weiter, ohne Belege vorzulegen oder zu sagen, ob Putin während des angeblichen Angriffs in der Residenz weilte. Sie soll neben Nowo-Ogarjowo westlich von Moskau Putins Hauptaufenthaltsort sein; in der Waldaj-Residenz lebe, wie exilrussische Medien recherchiert haben, Putins Partnerin Alina Kabajewa mit zwei gemeinsamen Söhnen, dem 2015 geborenen Iwan und dem 2019 geborenen Wladimir.

Die Waldaj-Residenz: Hier soll Putins Partnerin mit den Kindern lebenNavalny.com

Lawrows Vorstoß wirkte improvisiert, zunächst waren nicht einmal die offiziellen Darstellungen koordiniert: Russlands Verteidigungsministerium hatte die Zahl von 91 Drohnen am Montag zwar auch genannt, aber es hieß dazu, nur 41 davon seien über dem Nowgoroder Gebiet abgeschossen worden, der Rest über den Gebieten Brjansk und Smolensk. Erst später wurden alle angeblichen Abschüsse gleichermaßen als „Abwehr des Terrorangriffs“ auf die Residenz gewertet.

Aus dem Städtchen Waldaj und aus der Umgebung der Residenz wurde nichts gemeldet, was einen Angriff bestätigt hätte. Ein solcher wäre der zweite auf eine Putin-Residenz nach einem Drohnenangriff auf den Moskauer Kreml im Mai 2023, für den Kiew keine Verantwortung übernommen hatte.

Lawrow sagte weiter, da Kiew „endgültig zur Politik des Staatsterrors übergegangen“ sei, würden nun „Russlands Verhandlungspositionen überarbeitet“. In Wirklichkeit ist spätestens seit Putins Fern­sehauftritt vom 19. Dezember die Forderung nach einer Räumung aller von Moskau angeschlossenen ukrainischen Gebiete durch die Verteidiger sowie eine internationale Anerkennung der Annexionen von 2014 und 2022 die Verhandlungslinie. Diese geht weit über Trumps Ausgangsverhandlungsentwurf aus 28 Punkten hinaus.

Der sah eine Räumung der Donbass-Gebiete von Luhansk und Donezk und ein Einfrieren der Front in den südlichen Gebieten von Cherson und Saporischschja vor. Im 20-Punkte-Plan, den Selenskyj an Heiligabend als Ergebnis von Verhandlungen mit den Amerikanern vorgestellt hat, ist dagegen ein Einfrieren des Frontverlaufs für alle Gebiete vorgesehen. Gegen derlei Rücksichtnahmen auf Ukrainer und Europäer sträubt sich Moskau.

Weitaus mehr Gefallene als im Vorjahr

Selenskyj wies Lawrows Geschichte rasch als „neuerliche Lüge“ Russlands zurück; der ukrainische Präsident verwies auf das Treffen in Florida und sagte, „wenn es für uns mit Amerika keinen Skandal gibt, sondern Fortschritt, ist das für die Russen ein Fiasko“, Letztere suchten nach Gründen dafür, den Krieg fortzusetzen.

Putin selbst lässt keinen Zweifel daran, dass er dies wünscht. Noch am Samstagabend hatte er mit Blick auf den bevorstehenden Trump-Selenskyj-Gipfel abermals eine Sitzung mit seinen Militärs abgehalten, hatte sich – von den Ukrainern und von unabhängigen Beobachtern bestrittene – Schlachterfolge melden lassen und erklärt, „nach dem Tempo zu urteilen, das wir an der Front beobachten können, ist unser Interesse an einem Abzug der ukrainischen Streitkräfte aus den von ihnen derzeit besetzten Gebieten praktisch gleich null“. Das war eine Variation seiner alten Formel, wenn Russland die Kriegsziele nicht in Verhandlungen erreiche, dann eben militärisch.

Hier werden Schlachterfolge vermeldet: Putin bei dem neuerlichen Treffen mit MilitärsAP

Über die Kehrseite dieser Taktik spricht Putin nicht: Um in den Verhandlungen mehr Druck aufzubauen, opfert das russische Militär immer mehr Kämpfer. Während Trump und Putin ihre Kontakte in diesem Jahr wiederaufnahmen und ausweiteten, zählten der russische Dienst der BBC und das Portal Mediasona, die seit dem Überfall von 2022 offizielle Berichte über in der Ukraine gefallene Russen, Zeitungsartikel und Social-Media-Posts sammeln, 40 Prozent mehr solcher Nachrufe als im Vorjahreszeitraum. Insgesamt zählen die Journalisten schon fast 160.000 Namen und fügen stets hinzu, dass Fachleute davon ausgehen, dass die wirkliche Gefallenenzahl weit höher liegen dürfte.

Stolz zog Jurij Uschakow, Putins außenpolitischer Berater, am Montagabend nach einem neuerlichen Telefonat seines Chefs mit Trump eine Bilanz der Kontakte im zu Ende gehenden Jahr, sprach von zehn solchen Gesprächen, dem Treffen in Alaska im August und sechs Begegnungen mit Trumps Gesandten. Offenkundig geht es Moskau jetzt darum, dass sich Trump noch oder wieder stärker mit Putin verbunden fühlt, da sie beide Ziele feindlicher Widersacher seien.

Trump sagt, er ist wütend

In seiner Charmeoffensive gegenüber Trump hat Putin wiederholt das Schusswaffenattentat auf den damaligen Präsidentschaftskandidaten im Juli 2024 benutzt und damit wohl Eindruck bei Trump gemacht. Außen vor bleibt stets, dass gegen Selenskyj ukrainischen und amerikanischen Angaben zufolge mehrere russische Attentatsversuche gescheitert sind.

Putin, berichtete jetzt auch Uschakow, habe Trump auf den „Terroranschlag“ auf die Residenz angesprochen. Man werde darauf hart reagieren müssen, sagte Uschakow, und Trump sei „über die Mitteilung schockiert“ gewesen, „buchstäblich empört. Er sagte, er habe sich solche verrückten Handlungen nicht einmal vorstellen können.“ Zweifellos werde das die amerikanische Arbeit mit Selenskyj beeinflussen, „dem die gegenwärtige Regierung, wie Trump selbst sagte, Gott sei Dank keine Tomahawks gegeben hat“, zitierte Putins Berater den US-Präsidenten.

Trump selbst wurde am Montag von Journalisten auf den angeblichen Angriff angesprochen. Putin habe ihm das mitgeteilt, als er ihn angerufen habe, um ihn über das Gespräch mit Selenskyj zu unterrichten, sagte er. „Sehr wütend“ sei er, Trump, darüber. Auch Trump nahm Bezug darauf, dass er eine Lieferung der Tomahawk-Marschflugkörper, die weit in russisches Gebiet zielen könnten, an die Ukraine vor einigen Monaten gestoppt habe: „Ich wollte das nicht“, sagte er. Man befinde sich in einer heiklen Phase. Es sei eine Sache, „offensiv“ zu sein – das sei Russland ja auch. „Doch es ist etwas anderes, sein Haus anzugreifen“, sagte er über Putins Residenz. „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für so etwas.“

Schon im Beisein Selenskyjs am Sonntag hatte Trump wieder seine gute Beziehung zu Putin hervorgehoben. Sie hätten gemeinsam den „Russia Hoax“ durchgemacht, sagte er da mit Blick auf die Ermittlungen zur russischen Einmischung in den Präsidentenwahlkampf 2016. Die Erzählung dient ihm immer wieder dazu, sich selbst und Putin als Außenseiter auf der Weltbühne darzustellen, die sich nun zum Wohle der Welt zusammentun. Nach Beweisen für den Angriff auf Putin gefragt, antwortete Trump am Montag, das werde man „herausfinden“. Es sei möglich, dass es gar keine Attacke gegeben habe. Er glaube Putin aber.

Source: faz.net