Seit 1647 wurde kein ranghoher Royal verhaftet. Damals traf es König Charles I., heute den vormaligen Prinzen Andrew. Dessen Verwicklung in Jeffrey Epsteins mehr als schmuddelige Sexgeschäftsverbrechen erschüttert nicht nur Großbritannien. Auch in anderen Ländern Europas, sich gern auf überlegene „Werte“ berufend, ist das Erstaunen groß, wenn Elite-Adlige Dreck am Stecken haben. Ihnen gegenüber herrscht ein Zeiten und Systeme beharrlich überdauerndes positives Vorurteil. Kein Wunder: Seit Jahrhunderten läuft die PR der Königshäuser wie geschmiert.
Das Blaue Blut vernebelt dem Volk das Gehirn – und es will das auch noch so
Wer ein „von“ im Namen hat, kann sich auch hierzulande darauf verlassen, dass ihm Kompetenz und moralische Zuverlässigkeit unterstellt werden – Ausnahmen wie diejenige einer gewissen Frau von Storch bestätigen die Regel: Schlichte Meiers, Schulzes oder Özdemirs müssen sich viel mehr beweisen. Das sagenumwobene blaue Blut vernebelt dem Volk das Gehirn, und das gilt offenbar auch für jene, die nicht in den bunten Gazetten blättern.
Norwegen fällt aus allen Wolken, weil die verehrte Mette-Marit mit Straftäter Epstein engen Kontakt gehalten haben soll. Als wäre – ausgerechnet! – eine Kronprinzessin vor Eigeninteresse- und Eitelkeits-Anfechtungen gefeit, ja quasi eine Heilige. Ob da nur „ein paar faule Äpfel“ im Korb liegen oder der Adel als System verrottet ist, grübelt nun nicht nur der norwegische Rundfunk. Und kaum jemand merkt, dass diese Frage Jahrhunderte zu spät kommt.
Am besten im erschrockenen Betroffensein spreizt sich des nicht-mehr-Prinzen Bruder, König Charles III. „Mit tiefster Besorgnis“ nimmt er die Nachrichten zur Kenntnis, sichert der Polizei Unterstützung zu, als wäre dies Gnade, nicht Bürgerpflicht. „Ich möchte klarstellen“, ließ der britische König verlauten, „das Gesetz muss seinen Lauf nehmen“. Das Klarstellen von Selbstverständlichem sollte hellhörig machen.
Müsste ihm nicht schon lange bekannt sein, dass Bruder Andrew, Lieblingssohn der 2022 gestorbenen und so würdevoll wie tränenreich betrauerten Queen, mindestens nicht ganz sauber ist? Aber dem Adel lässt nicht nur der Adel einiges durchgehen, sofern er seine Rolle spielt: sich höhergestellt geben, damit man zu ihm aufschauen und ein bisschen träumen kann. Ohne die Bestätigung adliger Wichtigkeit durch die Nichtadligen gäbe es keinen Adel. Jene ersetzt die einstige räuberische Waffengewalt der Monarchie.
Europäer brauchen ihre Adligen
Es ist ein bisschen wie mit dem Bundespräsidenten: Die Demokratie bräuchte den Grüßaugust nicht, aber die Deutschen brauchen ihn fürs Herz: um die Lücke zu füllen, die der 1919 abgesetzte Kaiser gerissen hat. Kollektive Gefühle sind zäher als Systemwechsel. Europäer brauchen ihre Adligen, um die Leerstelle zu verkraften, die seit der Säkularisierung wie ein Abgrund droht: Irgendjemand muss doch vorbehaltlos gut sein?! An etwas will man glauben, wenn „sogar“ die Priester und Pfarrer in der Sakristei ganz Anderes tun, als sie am Altar sagen.
Vielleicht ist die Sehnsucht nach Heiligen noch größer als das Schmachten nach einer vermeintlich besseren, heilen Vergangenheit, in der es Kutschen gab und Könige und Klarheit und keine KI, dafür ein Wunder hier und da, der kleine Lord lässt grüßen.
Deshalb feiern auch diejenigen Weihnachten, die Gott für eine lächerlich gewordene, längst vom Fortschritt überholte Erfindung halten. Deshalb heben auch Progressive nolens volens zumindest im Stillen den Adel auf einen moralischen Sockel, angenehm weit weg vom weltlich miesepetrigen Kleinklein, grundanständig, hochgebildet, goldverziert und doch nahbar, scheinbar gleich.
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Man respektiert einen Charles, der sich die Hände im Bio-Garten schmutzig macht oder bewundert, wie elegant welche Duchess auch immer sich herablässt zu öffentlichkeitswirksamem karitativem Tun. „Die hätte es nicht nötig und ist doch eine wie du und ich“, lautet die ungebrochen wirksame Werbebotschaft, „nur in besser“. Ähnlich absurde Wirklichkeitsverzerrung wohnt dem Stiftungswesen inne: Wer das fette Geld hat, egal auf wie krummen Wegen erworben, sonnt sich in Dankbarkeit für die guten Taten, die mit gehörigem Benefiz-Bombast unter lautem Getöse veröffentlicht werden. Die besseren Menschen in teuren Roben spiegeln einander die reine Güte.
Aber nix da. Niemand ist besser. Schon gar nicht der (Geld)Adel. Nur das Bild ist schön, das die seit Jahrhunderten wirksame Gehirnwäsche in die Köpfe pflanzt. Je mehr Macht, Geld und nicht zuletzt elitebildungsgenerierten Einfluss eine Gruppe von Menschen hat, desto weniger Verlass ist auf sie – und desto schärfer sollte sie demokratischer Kontrolle unterliegen. Freiwillige Selbstüberprüfung als gespielte oder echte Demut reicht nicht.
Der Adel, der in den Kirchen erhöht, gewissermaßen für alle sichtbar näher bei Gott, thronte, knüpft seit Jahrhunderten an seinem selbsterhaltenden Netzwerk, gegen das die Epstein-Mafia armselig löchrig wirkt. Schon immer wusch eine reiche, mächtige, hochwohlgeborene Hand die andere. Schon immer galten für die mit dem „von“ im Namen unverdiente Privilegien. Schon immer war all das charakterschädigend und die Wahrscheinlichkeit höher, mit ehrlicher Hände Arbeit ehrlich zu bleiben.
Niemand steht über dem Gesetz? Das wird sich noch zeigen
Weil justament Adelige weiterhin als die besseren Menschen gelten, fühlte sich der britische Premier Keir Starmer kurz vor Bekanntwerden der Festnahme zur Betonung der Rechtsgleichheit bemüßigt: „Niemand steht über dem Gesetz.“ Wie viel Lüge in diesem Satz steckt, wird sich zeigen, stellten sich doch Epstein und die von ihm Profitierenden jahrzehntelang erfolgreich über das Gesetz – dafür mussten sie nicht mal adelig sein. Es reicht, die richtigen Leute zu kennen (und zu schmieren oder zu manipulieren).
Und so ist der englische nicht-mehr-Prinz längst wieder frei. Zwar darf er kein Herzog mehr sein, weil man ihm Titel und Ansehen genommen hat, bevor er eventuell schuldig gesprochen wird. Und er musste umziehen aus der 30-Zimmer-Villa „Royal Lodge“ in Windsor ins Sandringham Estate (Norfolk), für dessen Kosten anscheinend König Charles aufkommt (oder indirekt die Steuerzahlerin?).
Andrew wird sich nur ein klein wenig einschränken müssen, auch namentlich, heißt er nur noch Andrew Mountbatten-Windsor, weil man ihm lange vor einem etwaigen Urteilsspruch Titel und Ansehen nahm. Aber er kann gewiss sein, dass seine Anwälte – ob die wohl auch der steuerfinanzierte König bezahlt? – teuerste und beste Arbeit leisten werden.
Die Ermittlungen gegen Mountbatten-Windsor laufen nicht etwa wegen sexueller Gewalt gegen Minderjährige mit Epsteins Segen – die Klage der vergewaltigten Valeria Giuffre endete 2022 mit einem Vergleich: Geld für Schweigen. Laut Schätzungen ging es um bis zu zwölf Millionen Pfund (über 14 Mio Euro), wovon anscheinend ein dicker Batzen von der Queen kam. Giuffre hat sich im April 2025 das Leben genommen.
Es geht nicht mehr um „faule Äpfel“, sondern um den ganzen Obstgarten
Andrew und die Monarchie leben weiter auf großem Fuß und er muss sich, Stand jetzt, „nur“ wegen Amtsmissbrauchs verantworten. Als Handelsgesandter (2001–2011), ein Amt, in das man nicht gewählt, sondern das von anderen Adligen verliehen und übernommen wird, soll er Geheimnisse verraten haben – an Jeffrey Epstein. Immerhin steht darauf in Großbritannien bis zu lebenslängliche Haft.
Statt den nicht weit vom Stamm schimmelnden Täter als faulen Apfel zu markieren, wäre es an der Zeit, den ganzen Obstgarten als System in Frage zu stellen. Und die eigene Verblendung dem Adel gegenüber gleich mit.
Charles I. übrigens wurde damals, 1649, verurteilt von den eigenen Untertanen und hingerichtet. Wegen Hochverrat. Die Todesstrafe hat Großbritannien 1998 endgültig abgeschafft. Wann ist das Königtum dran?