Sie wurden mühsam mit Schreibmaschine abgetippt oder gedruckt in Deutschland und Italien: Bücher, die in der Sowjetunion verboten waren. Ein Professor in New York sammelt sie an seiner Universität. Warum das heute besonders wichtig ist, erklärt er hier.
Ykov Klots sagt: „Schau her, hier ist ,Der Meister und Margarita‘.“ Tatsache! Mühsam entziffert der Besucher den Autorennamen, die kyrillischen Buchstaben muss er sich quasi einzeln aus dem Gedächtnis klauben: Mi-ch-a-il B-u-lga-ko-w. „Das hier ist die Erstausgabe“, sagt Yakov Klots. „Du weißt ja, die Erstausgabe wurde 1966 in Moskau gedruckt, aber sie war zensiert. Das hier“ – er hält ein unscheinbares Paperbündel hoch, das aus dem Leim geht – „waren Kopien, die von Hand zu Hand gingen.“
Der Besucher erinnert sich: Bungalows Roman „Der Meister und Margarita“, eine tiefgründige Satire auf die Sowjetunion, erschien postum in der Zeitschrift „Moskau“, Auflage: 150.000. Sie war sofort vergriffen, aber Leser kopierten den Roman, reichten ihn weiter, lernten ihn auswendig.
Yakov Klots zeigt: „Hier ist eine der ersten kompletten Ausgaben.“ Der Besucher hält ein Buch mit einem verwegenen Cover in der Hand: ein schwarzer Riesenkater, daneben der Teufel Woland und sein hochgewachsener Gehilfe Fagott als Strichmännchen. Erschienen wo? In der Bundesrepublik Deutschland. Auf Russisch. Anno 1972.
Wir befinden uns in den Räumen des Hunter College in Manhattan. Das Hunter College ist eine Riesenburg aus grauem Sichtbeton an der Lexington Avenue; weil es als öffentliche Bildungsanstalt vom Staat New York betrieben wird, kommt es einer deutschen Massenuniversität recht nahe – niedrige Studiengebühren, volle Seminare. Yakov Klots ist hier Professor für russische Literatur. Bei einer hastig inhalierten Zigarette referiert er seine Biografie (er selber findet sie langweilig): Anfang der Achtzigerjahre in Perm am Fuße des Ural geboren. Er war noch ein paar Monate lang junger Pionier, dann brach die Sowjetunion zusammen. 2003 in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Als Yakov Klots noch ein Kind war, fuhr seine Mutter mit dem Zug nach Moskau, um sich in der Wohnung eines Dissidenten Bücher von Solschenizyn auszuleihen. Dann tippte sie diese Bücher mit der Schreibmaschine ab; das Klappern der Schreibmaschine, das ihn bis in den Schlaf begleitete, ist eine seiner frühesten Kindheitserinnerungen.
2022 gab Yakov Klots am Hunter College ein gut besuchtes Seminar über verbotene Bücher in der Sowjetunion. Gerade eben waren russische Truppen in der Ukraine eingefallen, gleichzeitig begann der Kreml einen Feldzug gegen das freie Wort, wie es ihn seit sowjetischen Zeiten nicht mehr gegeben hat: Die Polizei stürmte Buchläden, Verleger wurden verhaftet, es gab offizielle schwarze Listen, auf denen Namen wie Wladimir Sorokin, Ljudmila Ulizkaja und Truman Capote standen. Das historische Thema war plötzlich ganz nah.
Das war der Moment, in dem Yakov Klots die Idee kam, eine Bibliothek der verbotenen Bücher zu gründen. Riesig ist sie nicht; das könnte sich das Hunter College gar nicht leisten. Es handelt sich um zwei Zimmer im 13. Stock, die auch als Seminarräume genutzt werden. Yakov Klots und seine Studenten haben dort abschließbare Ikea-Regale aufgebaut, und Klots hat hemmungslos geschnorrt, um die Bestände aufzufüllen.
So entstand eine Bibliothek, die, obwohl sie winzig ist, zu den größten ihrer Art gehört. Neben der Tür hängt ein Schild mit einem merkwürdigen Wort: „Tamizdat.“ Was soll das sein? Samisdat war jene Art von Literatur, die Yakov Klots’ Mutter herstellte, handgefertigte Bücher, die im sowjetischen Untergrund zirkulierten. Aber Tamizdat? „Ein Wortspiel“, erklärt Yakov Klots. „Tam heißt dort. Samisdat ist Untergrundliteratur, die im Ausland gedruckt und dann in die Sowjetunion geschmuggelt wurde.“
Der Besucher erinnert sich an die DDR, den Grenzübergang am Bahnhof Friedrichstraße, an die Grenzbeamten, die natürlich alle bei der Stasi waren. Er spürt noch die Klebestreifen am Rücken, die nassgeschwitzten Taschenbücher unter dem T-Shirt („Dialektik ohne Dogma“ von Robert Havemann; „Wie ich mir die Zukunft vorstelle“ von Andrej Sacharow). „Bei uns waren die Leute auch sehr findig“, sagt Yakov Klots. „Vor allem gab es Ballons.“ Die Ballons wurden von der CIA gesponsert. Natürlich schafften sie es nicht bis in die Sowjetunion, aber mit ihrer Hilfe schwebten Bücher als Himmelsgeschenke bis nach Rumänien, und von dort wurden sie dann weitergereicht.
Im nächsten Bibliothekszimmer zeigt Yakov Klots dem Besucher stolz eine Ausgabe von Pasternaks „Doktor Schiwago“. In der Sowjetunion war das Buch verboten, weil sein Protagonist kein Bolschewist ist; als Verlag ist dort angegeben: „Societé d’Edition et d’Impression Mondiale 1959“. „Alles Quatsch“, sagt Klots, „den Verlag hat es nie gegeben. Das Buch wurde in Rom von der CIA gedruckt.“ Überhaupt seien viele Samisdat-Bücher in Rom erschienen. Italien, so Klots, galt den sowjetischen Machthabern nicht als komplett feindliches Ausland, weil dort die kommunistische Partei so stark war.
Klots hält dem Besucher ein weiteres Buch unter die Nase; dem gelingt es erst einmal nicht, den Namen des Autors zu entziffern. D-sch-o-r-d-sch? Dann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: George! Der Titel des Buches lautet: „Pamjat Katalonia“. George Orwells Buch über den spanischen Bürgerkrieg, in dem steht, wie die Kommunisten in Barcelona den antifaschistischen Widerstand gegen Franco kaputtgemacht haben. „Orwell hatte nichts dagegen, dass die CIA seine Bücher als Waffe im Kalten Krieg benutzte“, sagt Yakov Klots.
Vielleicht war dies die einzige echte Heldentat der CIA im Kalten Krieg: Sie hat sich unsterbliche Verdienste um die Literatur erworben. „Anders als die östlichen Behörden hat die CIA nie ideologische Vorgaben gemacht“, sagt Klots. Tatsächlich hat sie in den Fünfzigerjahren ja auch hervorragende Zeitschriften finanziert: „Encounter“ in London, den „Monat“ in Berlin, das „Forum“ in Wien.
Bei einer zweiten Zigarette im Schatten des grauen Hunter-College-Hochhauses spricht Yakov Klots später von seiner Sorge, dass seine Samisdat-Bibliothek als Relikt des Kalten Krieges missverstanden werden könnte. Ihm geht es nicht um Ideologien, ihm geht es um Freiheit.
Als wir wieder in seiner Bibliothek sind, zieht Klots das Buch eines deutschen Schriftstellers aus dem Regal: Thomas Mann in russischer Übersetzung. „Deutsche und Juden“ lautet der Titel, der ganz gewiss nicht vom Autor stammt; was mag sich dahinter verbergen? Die Ansprachen an seine deutschen Hörer, die Thomas Mann im kalifornischen Exil auf Schallplatten sprach und die dann von der BBC nach Deutschland gesendet wurden? Yakov Klots setzt sich lässig auf einen Heizkörper, hinter ihm senkt sich Dunkelheit über die Silhouette der Häuser von Manhattan. „Ich weiß, die Analogie ist falsch“, sagt er. „Aber der einzige Vergleich mit dem heutigen Exodus der Schriftsteller aus Russland ist die Flucht der deutschen Schriftsteller aus Nazideutschland.“
Dem Besucher fällt ein, was eine der schlimmsten Begleiterscheinungen des politischen Exils ist (neben der Unsicherheit, der Verarmung, dem Verlust der Heimat): Das Exil zwingt Leute zu einer Gemeinschaft zusammen, die einander auf den Tod nicht ausstehen können. „Ich weiß“, sagt Yakov Klots und grinst. „Vladimir Nabokov hat mit diesem Thema viel Spaß gemacht.“ Sein erster Roman, „Maschenka“ oder „Mary“, 1926 in Deutschland gedruckt, handelt von einer Pension in Berlin, die so nahe an der S-Bahn liegt, dass die Züge praktisch durch sie hindurchfahren. Und die Exilrussen, die in dieser Pension leben, sind einander in herzlicher Abneigung zugetan.
Eine letzte Kostbarkeit noch, ehe der Besucher geht: Yakov Klots lässt ihn in einer deutschen Übersetzung von Anna Achmatowas erschütterndem Gedichtzyklus „Requiem“ blättern. Er handelt vom stalinistischen Terror, dem ihr Sohn, der in den Gulag verschleppt wurde, um ein Haar zum Opfer gefallen wäre; im Stehen liest der Besucher die Verse, in denen die Dichterin darum bittet, ihr ein Denkmal vor dem Gefängnistor zu bauen, wo sie dreihundert Stunden lang vergeblich auf eine Nachricht von ihrem Kind gewartet hat. Jetzt, denkt der Besucher, steht Anna Achmatowas Denkmal irgendwie auch in New York. Beinahe könnte das ein Trost sein.
Source: welt.de