In gleich fünf Ländern werden in diesem Jahr neue Landesparlamente gewählt. Den Beginn machen in diesem Monat die beiden westlichen Flächenländer Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Im Herbst folgt der Osten mit den beiden Flächenländern Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie dem Stadtstaat Berlin.
Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass die Unzufriedenheit der Bürger mit den jeweiligen Regierungen recht hoch ist. Eine Folge davon: Keine der Parteien, die aktuell den Ministerpräsidenten stellen, kann sicher sein, dies auch in der neuen Legislaturperiode zu tun, seien es die Grünen (Baden-Württemberg), die CDU (Sachsen-Anhalt, Berlin) oder die SPD (Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern).
Gleichwohl ist keine der Wahlen entschieden. Vielmehr dürfte sich in diesem Jahr eine Tendenz fortsetzen, die schon den Ausgang der Bundestagswahl des vergangenen Jahres bestimmt hat: Wie einer Studie der Bertelsmann-Stiftung über die Wählerwanderung bei der Bundestagswahl 2025 zu entnehmen ist, ist die Wählerschaft stärker in Bewegung denn je. Dazu trägt nicht allein die AfD bei, die mittlerweile vormalige Wähler aller (!) anderen Parteien anzieht.
Die Analyse der Bruttowanderungen lässt überdies erwarten, dass auch der Austausch der Wählerschaft sowohl innerhalb des linken Lagers (SPD, Grüne, Linkspartei) als auch innerhalb der politischen Mitte (CDU/CSU, SPD, FDP) noch mehr Fahrt aufnehmen könnte – mit unabsehbaren Folgen für die politische Kultur und die Dynamik des Parteienwettbewerbs.
Die „Überlegungen eines Wechselwählers“ sind überholt
Eines der frappierendsten Ergebnisse der Analyse der Bruttowanderungen, für die eine 12.000 Personen umfassende Stichprobe aus der Datenbank des Onlinepanels YouGov gezogen und für die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland 2025 repräsentativ stratifiziert wurde, ist der Umstand, dass am 23. Februar vergangenen Jahres fast die Hälfte aller Wahlberechtigten eine andere Entscheidung getroffen hat als vier Jahre zuvor.
Es ist also längst nicht mehr, wie Sebastian Haffner es 1980 in den „Überlegungen eines Wechselwählers“ festgehalten hat, eine kleine Gruppe von Wählern, von deren Verhalten es abhängt, ob eine Regierung rechts oder links der Mitte eine Mehrheit findet. Vielmehr sind die Parteibindungen über das gesamte Spektrum so schwach und ist damit die Wechselbereitschaft so stark geworden, dass es für die Bürger tendenziell immer schwieriger wird, taktisch zu wählen, um eine bestimmte Koalition zu favorisieren.
Am deutlichsten zeigt sich diese Tendenz bei dem Vergleich der Netto- mit der Bruttowanderung bei den Parteien links der Mitte. Zum einen konnte 2025 keine der drei Parteien SPD, Grüne und Linke mehr als die Hälfte der Wähler nochmals für sich einnehmen, die sie 2021 gewählt hatten. Zum anderen verbergen sich hinter dem kleinen Verlust der SPD von netto 30.000 Stimmen an die Grünen Bruttowanderungen von 730.000 Wählern von den Grünen zur SPD und 780.000 in umgekehrter Richtung. Auch der Abwanderungssaldo von der SPD sowie von den Grünen zur Linkspartei ist so eindeutig nicht. In beiden Fällen gab es auch deutliche Bewegung in die andere Richtung, also von der Linkspartei zu den Grünen und der SPD.
Entmischung anstatt Vermischung?
„Die Zeichen der Loslösung der Parteibindungen sind deutlich erkennbar“, schreiben Robert Vehrkamp und Martha Posthofen, die beiden Verfasser der Studie. Völlig unklar ist freilich, ob die Bindungsschwäche eher zu einer stärkeren Entmischung und Segmentierung der Wählerschaft führt oder ob Elektorate sich nicht doch stärker vermischen. Diese Frage bedarf weiterer, qualitativer Studien.
Sicher ist für die Autoren nur, dass eine Entmischung das „Dilemma zwischen Profilierung und Kompromiss“ nicht kleiner werden ließe – im Gegenteil. „Die kleineren, programmatisch profilierteren und in den Wahlkämpfen untereinander stärker polarisierten Parteien müssen sich dennoch nach der Wahl in Gesetzes- und Regierungsmehrheiten zusammenfinden.“
In dieser Konstellation müssten sie dann jene „Kompromissarbeit“ verrichten, die im alten Parteiensystem bereits innerhalb der Volksparteien geleistet worden sei. Für dessen Funktionsfähigkeit sei es entscheidend, ob und wie gut das unter der Bedingung einer stärkeren Fragmentierung gelinge. „Ob und wie gut das dem stärker fragmentierten Parteiensystem gelingt, ist für seine Funktionsfähigkeit entscheidend.“
In einem eher düsteren Licht erscheint nach der Analyse der Bruttowanderungen der Wahlsieg der von Friedrich Merz angeführten Unionsparteien. In der saldierten Gesamtbetrachtung entsprechen die Gewinne der Union nur zu etwa einem Fünftel den Verlusten der Ampelparteien SPD, Grüne und FDP. In der Summe aber reichte dieser Abstrom von Wählern der vormaligen Regierungskoalition aus, um die Mitte zu schwächen und die Ränder zu stärken.
Der Nettozustrom von 4,4 Millionen vormaliger Ampelwähler (was einem Drittel der Unionswähler entsprach) ging nämlich nicht nur mit einem Abstrom von fast einer Million vormaliger Unionswähler hin zu den Ampelparteien einher, sondern auch mit einem Abstrom von brutto 1,2 Millionen (oder elf Prozent) ehemaliger Unionswähler zur AfD.
Umgekehrt entschieden sich vor einem Jahr nur etwa 190.000 vormalige AfD-Wähler für eine der beiden Unionsparteien – was Vehrkamp gegenüber der F.A.Z. mit den Worten kommentierte, der Union sei es zwar gelungen, die Ampel nachhaltig zu beschädigen. Profitiert habe davon aber vor allem die AfD. „Die Herausforderung für die Parteien der politischen Mitte ist es deshalb“, so der Wissenschaftler, „ihren Wettbewerb untereinander so auszutragen, dass er die Mitte insgesamt stärkt und nicht schwächt“.
Viel Zuspruch für die AfD von links und rechts
Wie sehr aber hat die AfD wirklich von dem Wahlkampf der Union und der Schwäche der Ampelregierung profitiert? Auch darüber gibt die Analyse der Bruttowanderung eingehend Auskunft. Zum Ersten konnte die AfD ihren Zweitstimmenanteil 2025 deswegen verdoppeln, weil sie fast neunzig Prozent der Wähler halten konnte, die 2021 für sie gestimmt hatten. In der Summe machten diese aber nur 38 Prozent aus.
Fast zwei Drittel der AfD-Wähler hatten vier Jahre zuvor ihre Stimme entweder gar nicht abgegeben (19 Prozent) oder für eine andere Partei gestimmt (41 Prozent). In Zahlen ausgedrückt: Aus dem bürgerlichen Lager von Union und FDP entschieden sich 2025 etwa 2,1 Millionen Wähler für die AfD, das linke Lager, also auch Grüne und Linkspartei, verlor in der Summe 1,3 Millionen Stimmen. Nicht die Stamm- und die Nichtwähler gaben demnach den Ausschlag dafür, dass die AfD im Bundestag die stärkste Oppositionspartei wurde, sondern Wechselwähler.
Nur einen schwachen Trost enthält die Analyse der Bruttowanderungen für die Grünen. Anstatt sich als „progressive Volkspartei einer neuen politischen Mitte“ zu etablieren, haben die Grünen 2025 einerseits brutto mehr vormalige Wähler an die SPD verloren als von der Sozialdemokratie gewonnen, andererseits aber im Saldo noch mehr Wähler an die „grunderneuerte“ Linkspartei verloren als die Union.
Die Verfasser ziehen daraus aber den Schluss, dass sich der Spagat bei den Grünen „nur“ zwischen Mitte und Linkspartei auftue, nicht aber, wie bei der SPD, zwischen der Mitte und beiden Rändern links wie rechts. Rundweg düster liest sich dagegen das Ergebnis der Analyse der Bruttowanderung der FDP-Wählerschaft. Vor einem Jahr kamen die Freien Demokraten auf etwa 1,3 Millionen Wiederholungswähler. Diese stellten im Ergebnis 59 Prozent der FDP-Wähler insgesamt dar – aber damit nicht einmal drei Prozent der Zweitstimmen insgesamt.
Was wird aus der FDP?
Die Autoren der Studie lesen diese Zahl als „Hinweis auf die Größe der Stammwählerschaft“ der Freien Demokraten. Allerdings lässt sich den Salden auch entnehmen, aus welcher Richtung ihr künftig neue Kräfte zuwachsen könnten. Den Kern der historisch guten Wahlergebnisse 2017 und 2021 bildete der Preis, den die Unionsparteien für ihr Bündnis mit der SPD zahlen mussten. 2025 musste die FDP für das Ampelbündnis einen ähnlichen Preis zahlen – aber nicht allein zugunsten der Union. Im Saldo schrieben die Wähler 1,4 Millionen Stimmen dem Konto der Unionsparteien gut, aber 850.000 der AfD.
Was genau der FDP in der Ampelkoalition das Genick gebrochen hat, sodass sie nicht wieder in den Bundestag zurückgekehrt ist, geben die Wanderungsbilanzen nicht her. Nur so viel ist gewiss: Auch im Bündnis mit der SPD und den Grünen ist den Freien Demokraten nicht gelungen, „eine für ihr Überleben als parlamentarische Kraft ausreichende Stammwählerschaft zu bilden, die sie verlässlich über die Fünf-Prozent-Hürde trägt“.
Source: faz.net