Amprion-Chef Müller: Netzanschlüsse so kurz wie „Nudeln in dieser Coronakrise“

Der Vorstandsvorsitzende des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, Christoph Müller, hat in einem eindringlichen Appell gemahnt, den Ausbau der Stromnetze und den Zubau von Windrädern und Solaranlagen besser zu koordinieren. In der Energiewende seien die ersten Meter leicht gewesen, jetzt komme die anspruchsvolle Phase: „Wir sind ausverkauft“, sagte er mit Blick auf das Amprion-Netz und die Knappheit noch möglicher Netzanschlüsse für Erneuerbare-Energie-Anlagen, Batteriespeicher, aber auch stromhungrige Rechenzentren oder sich elektrifizierende Industrieunternehmen.

Er verglich die Lage mit der in einem Supermarkt in der Pandemie 2020. „Das Netz ist aus dem gleichen Grund zum Engpass geworden wie die Nudeln in der Corona-Krise“, sagte Müller am Montagabend vor Journalisten der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Düsseldorf. Doch niemand habe damals Edeka oder Lidl einen Vorwurf gemacht. „Weil wir alle wissen, warum es keine Nudeln gab: weil wir sie leer gekauft hatten. Und beim Netz ist es zurzeit nicht viel anders.“

Stromtransport für rund 29 Millionen Menschen

Amprion betreibt die großen Stromautobahnen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sowie in Teilen von Niedersachsen, Baden-Württemberg, Hessen und Bayern; durch seine Leitungen wird Strom für rund 29 Millionen Menschen transportiert. Derzeit habe das gesamte Amprion-Netz eine Höchstlast von 27 Gigawatt, das entspreche in etwa der Leistung von 27 Kernkraftwerken, führte Müller aus. Zugleich habe Amprion Anschlusszusagen von rund 70 Gigawatt gegeben – an Einspeiser wie Entnehmer, beispielsweise Offshore-Windräder, Speicher oder Großverbraucher aus der Industrie. Im Netz sei daher kaum noch Platz. „Wir haben einfach eine Grenze erreicht.“

Müller ging in diesem Zusammenhang mit der Erneuerbaren-Branche ins Gericht. „Die erneuerbaren Energien kommen aus einer reichlichen Luxusposition“, sagte er. Sie genössen den Einspeisevorrang und bekämen gute Förderungen. Zugleich hätten Netzbetreiber wie Amprion Anschlusspflichten für Erneuerbare. „Wenn man von 100 Prozent Glückseligkeit kommt, dann sind 90 Prozent Glückseligkeit schon eine Einschränkung.“

Müller verteidigte in diesem Zusammenhang die Reformideen des Bundeswirtschaftsministeriums für das Energiewirtschaftsgesetz, die vor einigen Wochen unter dem Schlagwort „Netzpaket“ vorab an die Öffentlichkeit gelangt waren und die Engpässe im Netz adressieren. In der Erneuerbaren-Branche hatten die Vorschläge teilweise zu harscher Kritik geführt.

Vergabe nach dem Windhundprinzip

Konkret sprach sich Müller für regional differenzierte Baukostenzuschüsse auch für Einspeiser aus. Dies würde bedeuten: Wer eine Wind- oder Solaranlage dort anschließt, wo das Netz schon überlastet ist, weiterer Ausbau also netzseitig hohe Zusatzkosten verursacht, der zahlt mehr. Wer an einem netzgünstigen Standort baut, zahlt weniger.

Außerdem begrüßte der Amprion-Chef ausdrücklich die in dem Papier angeregte Abschaffung des sogenannten „Windhundprinzips“. Dieses sorgt im Moment dafür, dass die knappen Netzanschlüsse streng in der Reihenfolge „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ vergeben werden. Es sei „unangenehm“, sich zu überlegen, wie man die Interessen etwa der Industrie, der Rechenzentren, der Windparkbetreiber oder Batterieprojektierer priorisiere. Aber: „Das sollten wir tun.“

Zugleich sei es falsch, diese Priorisierung, wie es im Netzpaket-Entwurf steht, an den Netzbetreiber zu delegieren. „Wir haben keine Legitimation für diese Entscheidung.“ Vielmehr sei es eine wirtschaftspolitische Frage, „insofern würde ich das bei der Bundesregierung sehen“. Seine persönliche Meinung sei allerdings, dass er „echten Energieverbrauch“ priorisieren würde. Denn: „Warum machen wir das alles? Um Kunden mit Energie zu versorgen.“

Das Energiewirtschaftliche Dreieck ausgleichen

Insgesamt werde die Energiewende nur funktionieren, wenn das sogenannte Energiewirtschaftliche Dreieck aus Umweltverträglichkeit, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit ausgewogen sei. „Akzeptanz der Energiewende entsteht nicht in einer Ecke dieses Dreiecks – sondern im Gleichgewicht aller drei Ziele“, sagte Müller.

In der vergangenen Legislatur hätte die Ampelregierung „sehr viel Fokus auf die Ecke Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit“ gelegt. Jetzt schwinge das Pendel zurück. Müller plädierte für einen Mittelweg. „Nicht jeder, dem Klimaneutralität wichtig ist, will dafür auch die deutsche Wirtschaft ruinieren. Und nicht jeder, der die deutsche Wirtschaft an der ersten Stelle stehen hat, will dafür auch das Klima über die Wupper gehen lassen.“

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