Amerika und Israel: Wie jener Angriff hinaus Iran ablief

Amerika und Israel begannen ihre Angriffe auf Iran am helllichten Tag – und überraschten damit offenbar die politische und militärische Führung des Landes. Zu den ersten Zielen am Samstagvormittag gehörte die Residenz des Obersten Führers Ali Khamenei, dessen Tod Iran mittlerweile bestätigte. Satellitenbilder nach dem Angriff zeigen mehrere zerstörte Gebäude auf dem Gelände der Residenz Khameneis.

Um Khamenei auszuschalten, änderten Israel und die USA laut der „New York Times“ kurzfristig ihre Angriffspläne. Demnach hatte die CIA in Erfahrung bringen können, dass sich Khamenei am Samstagmorgen mit anderen ranghohen iranischen Vertretern im Herzen Teherans treffen würde; ursprünglich sollte die Attacke wie üblich bei solchen Operationen in der Nacht stattfinden.

Diese von Airbus bereitgestellte Aufnahme zeigt einen Angriff auf einen Gebäudekomplex des iranischen Obersten Führers am SamstagUncredited/Pléiades Neo (c) Air

Das enge Zusammenspiel zwischen amerikanischen und israelischen nachrichtendienstlichen Erkenntnissen ermöglichte der Zeitung zufolge den Überraschungsschlag: Um sechs Uhr morgens hoben die ersten Kampfflugzeuge – bewaffnet mit weitreichenden Präzisionsraketen – von israelischen Stützpunkten ab, um circa 9.40 Uhr schlugen die Raketen in der Residenz Khameneis ein. Bei dem Angriff wurden unter anderen auch der Oberkommandeur der Revolutionsgarde, Mohammed Pakpour, sowie Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh getötet, wie iranische Staatsmedien bestätigten.

Amerika und Israel nahmen auch zahlreiche militärische Ziele ins Visier; laut den israelischen Streitkräften handelt es sich mit etwa 200 Kampfflugzeugen um den größten Einsatz der Luftwaffe in der Geschichte. Demnach wurden bis Samstagabend 500 Ziele angegriffen, darunter Luftverteidigungssysteme und Raketenabschussvorrichtungen. Dies habe die Luftüberlegenheit der Luftwaffe über Iran ermöglicht und die Offensivfähigkeiten des Regimes „erheblich“ eingeschränkt.

So soll unter anderem ein modernes Abwehrsystem mit dem Codenamen SA-65 in der Provinz Kermanschah im Westen Irans getroffen worden sein. Analysten des Fachportals „Army Recognition“ haben das System als die heimisch produzierte Khordad-3-Batterie identifiziert. Diese ist demnach in der Lage, Flugzeuge, Drohnen und Präzisionswaffen abzuwehren, und ist Teil des wichtigen Verteidigungsgürtels im Westen Irans, um Raketenstellungen, Luftwaffenstützpunkte oder Kommandoeinrichtungen im Landesinneren zu schützen.

Den Analysten zufolge könnte das zerstörte System Lücken in die mehrschichtige Luftverteidigungsstruktur Irans reißen und Folgeangriffe erleichtern. Auch am Sonntag gingen die Angriffe gegen Iran weiter.

Die Amerikaner nutzen bei ihren Attacken auch neue Waffen. Die Streitkräfte setzten laut eigenen Angaben das erste Mal die weitreichende Kamikazedrohne Lucas (Low-Cost Uncrewed Combat Attack System) ein. Kurioserweise basiert sie auf iranischen Drohnen des Typs Shahed-136, die Teheran auch bei seinen Gegenangriffen eingesetzt haben soll. „Das US-Militär hat eine iranische Shahed in seinen Besitz gebracht“, erklärte ein amerikanischer Vertreter im Dezember. Man habe sie untersucht und rekonstruiert.

Die Lucas-Drohne soll autonom operieren können, kostengünstig sein und von verschiedenen Plattformen aus gestartet werden können. Viel mehr ist über das neue Fluggerät nicht bekannt. In welcher Anzahl und gegen welche Ziele es gegen Iran eingesetzt wurde, ist unklar.

Die Amerikaner setzten wohl auch das erste Mal neue Varianten ihrer weitreichenden Präzisionswaffen ein. Auf von den Streitkräften veröffentlichten Aufnahmen sind Abschüsse von ballistischen Raketen des Typs ATACMS und von Tomahawk-Marschflugkörpern zu sehen. Beobachtern stieß insbesondere ein Bild eines schwarzen Tomahawks ins Auge, das von einem amerikanischen Zerstörer abgefeuert wurde: eine Variante, die bislang nicht öffentlich bekannt war.

Das Fachportal „The War Zone“ vermutet, dass die neue Waffe schwerer zu erkennen ist und mit radarabsorbierender und infrarotunterdrückender Technik aufgerüstet wurde. Dies könnte demnach insbesondere bei Angriffen auf maritime Ziele eine wichtige Rolle spielen.

In der von den USA am Samstag veröffentlichten Aufnahme ist ein schwarzer Tomahawk-Marschflugkörper zu sehen, der von einem Zerstörer abgefeuert wird.AFP

Die amerikanischen Streitkräfte priorisierten nach eigenen Angaben Ziele, „von denen eine unmittelbare Bedrohung ausging“. Darunter fielen Kommando- und Kontrollzentren der Revolutionsgarde, iranische Luftverteidigungsanlagen, Raketen- und Drohnenstartplätze sowie Militärflugplätze.

Der amerikanische Präsident Donald Trump betonte in seiner Erklärung am Samstag, dass er auch die iranische Marine „vernichten“ will. Die ersten Erfolge haben die Streitkräfte erzielt: Satellitenbilder zeigen ein brennendes Kriegsschiff im Hafen von Konarak im Süden Irans. Von dort hat die Marine Zugang zum Indischen Ozean.

Bei dem angegriffenen Schiff soll es sich um eine Fregatte der Alvand-Klasse handeln, abschließend bestätigt ist das nicht. Das primäre Ziel der Fregatten ist die Bekämpfung feindlicher Schiffe und U-Boote; sie sind unter anderem mit Seezielflugkörpern und Wasserbomben ausgerüstet. Die Satellitenbilder zeigen nun den ersten bestätigten erfolgreichen Angriff auf die iranische Marine in diesem Krieg.

Auf diesem am Samstag von Vantor zur Verfügung gestellten Satellitenbild brennt ein Schiff in einem Marinestützpunkt in Konarak.Uncredited/Satellite image ©202

Am Sonntag meldete das amerikanische Militär, ein weiteres iranisches Kriegsschiff im Pier in Tschahbahar attackiert zu haben. Der Hafen liegt nicht weit entfernt von dem Marinestützpunkt in Konarak und gilt als strategisch wichtig. Demnach soll eine Korvette der Jamaran-Klasse getroffen worden sein. Das Schiff sinke derzeit „auf den Grund des Golfes von Oman“, hieß es. Später am Abend teilte Trump mit, dass mittlerweile neun Marineschiffe versenkt worden seien – darunter „einige relativ große und wichtige“. Eine Bestätigung von iranischer Seite gab es zunächst nicht. Trump kündigte weitere Angriffe gegen die Marine an.

Iran überzieht seit Samstag als Vergeltung Israel und mehrere arabische Staaten mit US-Militärpräsenz mit Drohnen- und Raketenangriffen. Nach eigenen Angaben griff Teheran den Militärstützpunkt Al-Udeid in Qatar, den Stützpunkt Al-Salem in Kuwait, der Luftwaffenstützpunkt Al-Dhafra in den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Prinz-Sultan-Luftwaffenstützpunkt in Saudi-Arabien sowie die US-Flotte in Bahrain an. Zudem gab es offenbar im Nordirak Drohnen- und Raketenangriffe.

Auch wenn offenbar viele Flugkörper abgewehrt werden konnten, kam es zu Einschlägen. So stiegen an einem Lagerhaus neben dem wichtigen US-Marinestützpunkt in Bahrain dunkle Rauchwolken auf, wie Anwohner bestätigten. Auf Videos war ein großes Feuer in einem Hafengelände zu sehen. Iranische Drohnen sollen den amerikanischen Stützpunkt beschädigt haben.

Das amerikanische Militär erklärte am Samstag, dass der Schaden an US-Einrichtungen minimal gewesen sei und keine Auswirkungen auf den Einsatz gehabt habe. Am Sonntag teilte das Streitkräftekommando mit, dass bislang drei amerikanische Soldaten getötet wurden; fünf Soldaten seien ernsthaft verwundet worden. Details nannte das Militär nicht.

Ebenfalls am Sonntag behaupteten die iranischen Revolutionsgarden, den amerikanischen Flugzeugträger USS Abraham Lincoln mit vier ballistischen Raketen getroffen zu haben. Ein Treffer gegen die schwimmende Luftwaffenbasis wäre ein Prestigeerfolg für die Iraner. Doch das US-Militär dementierte prompt und sprach von einer „Lüge“, auch wenn es den Angriff bestätigte: Die abgeschossenen Raketen seien dem Träger aber „nicht einmal nahe gekommen“.

Source: faz.net