Bei Maybrit Illner diskutieren unter anderem Grünen-Chefin Franziska Brantner, Marie-Agnes Strack-Zimmermann von der FDP und Margot Käßmann über die internationalen Verflechtungen im Fall Jeffrey Epstein und mögliche Auswirkungen auf Deutschland.
Der Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hat über Jahrzehnte sein Netz gesponnen. „Epsteins Netzwerk – Skandal mit System?“, wollte daher Maybrit Illner am Donnerstagabend diskutieren. Zu Gast waren die Grünen-Co-Parteivorsitzende Franziska Brantner, die Europaabgeordnete und Außenpolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), die Theologin und Autorin Margot Käßmann, der Investigativ-Reporter Daniel Laufer von „Paper Trail Media“ und die Amerika-Expertin des „Handelsblatts“, Annett Meiritz.
„Der Inhalt dieser Epstein-Akten ist verstörend, aber ehrlich gesagt der Umgang mit ihnen auch“, sagt Illner zu Beginn.
Die Moderatorin fragte die FDP-Außenpolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, ob sie Verständnis habe, dass Hillary Clinton bis heute ihren Mann so schützt. Strack-Zimmermann betonte, dass die Bewertung schwierig sei, da sie davon ausgeht, dass Frau Clinton sich gar nicht vorstellen mag, was unter Umständen gewesen ist. Entscheidend sei jedoch etwas ganz anderes: „Dieser Epstein hat eben von jedem seiner Kunden ja auch Akten angelegt und sie erpresst.“
Die interessante Frage sei daher nicht nur, welche strafrechtlichen Folgen sich in den USA ergeben, sondern auch: „Inwieweit das auch hier auf unseren Kontinent schwappt“, sagte Strack-Zimmermann und fügt hinzu: „Ich habe keine Beweise, aber ich warte darauf, dass auch in Deutschland das aufploppt.“
„Follow the money“, fordert Strack-Zimmermann.
Die Grünen-Chefin Franziska Brantner ist der Ansicht, dass auch Europa und speziell Deutschland eine Verantwortung trügen, und erwartet, „dass auch in Deutschland jetzt strafrechtliche Ermittlungen endlich losgehen“. Dieser Meinung ist auch Strack-Zimmermann und verweist auf einen anderen Gedanken: „Follow the money.“ Epstein habe, nachdem er das erste Mal im Gefängnis gesessen hatte, bei der Deutschen Bank 40 Konten eröffnet, sagte die FDP-Politikerin und führt weiter aus, dass eine Sachbearbeiterin offensichtlich irgendwann einmal fragte: „Leute, ist das eigentlich korrekt?“ – und der Chef dann sagte: „Mit dem verdienen wir Geld.“
Strack-Zimmermann fordert demzufolge, dass Banken und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden: „Dann muss da eingegriffen werden und dann müssen auch die Leute zur Rechenschaft gezogen werden, die das zulassen, dass ein Triebtäter, ein Verbrecher, ein Sklavenhalter hier noch Konten eröffnen kann.“
Die Moderatorin geht der Frage näher nach, „was wir in Deutschland zu seinem Netzwerk bisher wissen“, und wendet sich an den Investigativ-Reporter Daniel Laufer. Dieser bestätigt, dass ein deutscher KI-Forscher namens Joshua Bach sich jahrelang von Epstein finanzieren ließ und „über eine Million Dollar erhalten hat“. Gleichzeitig verwies Illner auf den „Heidelberg-Mäzen Henry Jarecki“, der offensichtlich auch „Epstein-Kunde“ war.
Maybrit Illner fragt im weiteren Verlauf der Sendung die Theologin Margot Käßmann, ob die beiden großen deutschen Kirchen aus ihren eigenen Missbrauchsskandalen Lehren gezogen haben. „Was die Kirchen bitter erleben, ist eben Vertrauensverlust, und diese Missbrauchsskandale sind eine Erschütterung des Vertrauens in die Kirche“, sagt Käßmann und ist schockiert, wie in der evangelischen Kirche dieser Missbrauch stattgefunden hat: „Wie vertuscht wurde, weil man meinte, man muss den Zirkel schützen, die Kirche schützen.“
Sie sagt, dass Aufarbeitung zwar stattfinde, jedoch schleppend verlaufe und weder schnell noch gut genug sei. Positiv sei immerhin, nach Käßmann, dass heute offen über Kindesmissbrauch gesprochen werde.
„Osteuropäische Frauen“, die „angekarrt“ werden
Die FDP-Politikerin Strack-Zimmermann sagt, dass organisierter sexueller Missbrauch und Menschenhandel kein fernes Phänomen seien, sondern auch in deutschen Städten existierten: „Wir erleben, ob das in Berlin ist oder in anderen Städten, dass osteuropäische Frauen hier angekarrt werden, auf den Straßenstrich geschickt werden.“ Aus ihrer Zeit als Bürgermeisterin in Düsseldorf kenne sie solche Strukturen. „Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, auf einem sogenannten Babystrich, wo bewusst Frauen abgesetzt wurden, die unter 18 waren.“ Entscheidend sei das System dahinter: Macht, Geld und mafiöse Strukturen, die nur funktionieren, weil sich die Beteiligten gegenseitig decken und aus Angst vor Enthüllung schweigen. „Wenn ich dich verrate, verrätst du mich.“
Illner geht in der weiteren Diskussion auf das Frauenbild von Donald Trump ein und fragt Brantner, was man denn mit einem Präsidenten machen soll, der selbst davon ausgeht, dass das Gesetz für ihn nicht gilt.
„Also ich möchte noch mal daran erinnern, dass Trump auch immer sehr früh gesagt hat zu Frauen: ‚Grab them by the pussy.‘ Ich fand es damals schon furchtbar“, erklärt sie und zeigt sich erstaunt, dass ihn trotz entsprechender Äußerungen viele Frauen in den USA wählen. Als Europäer könne man ihn zwar nicht abwählen, aber politisch klar und entschlossen auftreten. „Wir können tough sein, wir können zeigen: Donald Trump, auch für dich gibt es Regeln, an die du dich zu halten hast“, sagt Brantner, etwa in Fragen von Nato, Grönland oder Handelspolitik.
„Ich glaube, Europa hat die Verantwortung aufzuzeigen, dass Recht noch etwas wert ist, dass eben nicht jeder über dem Recht steht, sondern dass es für alle gilt.“ Für Brantner begünstige genau diese Rechtlosigkeit jene problematischen Strukturen, die man bei Epstein sehe.
„Epstein war der Türöffner“, sagte eine Amerika-Expertin
Strack-Zimmermann weist in der Diskussion auch auf eine weitere Gefahr aus diesem Netzwerk hin. Sie beschreibt ein klassisches Erpressungs- und Geheimdienstmuster: Über gezielte Verführung mit Frauen oder kompromittierende Situationen werden Informationen gesammelt, die später gegen Personen eingesetzt werden können. „Das ist ja eine ganz alte Masche. Man setzt eine Frau an, um dann Wissen zu bekommen, und das wird dann gegen jemanden verwendet.“ Sie warnt, dass solche Methoden nicht nur Einzelne beschädigen, sondern ganze Staaten destabilisieren können – besonders dann, wenn belastendes Material genutzt wird, um Druck auszuüben oder Vertrauen in politische Eliten zu zerstören.
„Epstein war der Türöffner, der ein immens hohes Interesse an rechtspopulistischen Parteien in Europa hatte, am Kreml, an Israel, an der ganzen Welt. Das ist ja sehr untypisch für Superreiche, die eigentlich immer sehr zurückgezogen leben“, sagte die Amerika-Expertin des „Handelsblatts“, Annett Meiritz, zum Schluss der Sendung. Der eigentliche Skandal liege deshalb weniger in einer Einzelperson als in einem System aus Verflechtungen, das nun sichtbar werde, argumentiert sie.
Source: welt.de