Als Timothée Chalamet den Saal betritt, schluchzt die Frau neben mir laut hinaus

Samstag, 15:10 Uhr – Die Schlange vor der „Screenwriters‘ Lounge“ ist länger als die vorm Berghain

Den Goldenen Bären für die am schlechtesten geplante Veranstaltung erhält bis jetzt mit Abstand die Screenwriter’s Lounge, der „Treffpunkt für Drehbuchautor*innen während der Berlinale 2025“. Um an Gesprächsrunden wie „Reduziert, kondensiert, Oscar-nominiert: Moritz Binder im Gespräch“ (der Drehbuchautor von „September 5“) oder „Crashkurs Comedy“ teilzunehmen, muss man bis zu zwei Stunden anstehen. Erst eine Stunde draußen in der Kälte vor dem Theater im Palais, dann eine Stunde drinnen im Flur. Es gibt keine Gästeliste, keine Anmeldungen, keine Akkreditierungen – „um alles demokratisch zu halten“, hört man von den Organisatoren entschuldigend. Für jede Person, die den proppenvollen Saal verlässt, darf eine andere hinein. Wer die fast allesamt über zweistündigen Filme bisher unverdrossen ertragen hat, sollte inzwischen zwar geübt sein im Ausharren – aber hier wird die Geduld ganz besonders strapaziert. Hoffentlich ist der Comedy-Workshop gleich so lustig, dass er die ganze Warterei vergessen lässt. gold

Samstag, 15 Uhr – „Kein Tier. So Wild“: Der postmigrantische Shakespeare enttäuscht

Heiß erwartet wurde „Kein Tier. So Wild“, der neue Film von Burhan Qurbani. Die moderne „Berlin Alexanderplaz“-Adaption des 1980 im Rheinland geborenen Regisseurs setzte vor fünf Jahren im Wettbewerb der Berlinale neue Maßstäbe für Klassiker-Verfilmungen einerseits und das postmigrantische Kino andererseits. Dem wird sein neuster Film „Kein Tier. So Wild“ leider nicht gerecht.

In der weiblich-arabischen „Richard III.“-Version nach Shakespearschem Vorbild wirkt alles wie Theater, aufgesagt, hölzern, pathetisch. Da können sich die großartigen Schauspielerinnen (Kenda Hmeidan, Verena Alternberger, etc.) noch so sehr die Seele aus dem Leib schreien, da mag Kameramann Yoshi Heimrath noch so intensiv-überwältigende Gerichtssaal- und Wüstenaufnahmen auf die Leinwand bannen, da mag archaische Ü-16-Gewalt noch so überraschend auf modernen Großstadtalltag treffen – echtes Gefühl kommt nicht auf. Im Mai ist das nächste Theatertreffen, vielleicht hätte sich Qurbani lieber dafür bewerben sollen. gold

Samstag, 10 Uhr – Timothée Chalamet kommt im pinken Hoodie zur Premiere

Gestern Abend war einiges los. Erst wagt sich Timothée Chalamet zu seiner Premiere im Berlinale-Palast mit rosa Hoodie und darunter rosa Tanktop, die er vielleicht als Berlin-angemessener eingestuft hat als einen schwarzen Smoking. Recht hat er ja. Dann nimmt auch noch seine fast ebenso beliebte Partnerin Kylie Jenner neben ihm Platz, mit der der Oscar-nominierte Schauspieler seit 2023 zusammen ist. Als Chalamet den Kinosaal betritt, fängt die Frau, die neben mir sitzt, laut an zu schluchzen.

„A Complete Unknown“, das Bob-Dylan-Biopic, für das Chalamet im März den Hauptdarsteller-Oscar erhalten könnte, handelt vom Aufstieg und Ruhm des jungen Bobbie, der sich, je berühmter er wird, selbst immer mehr abhandenkommt. Unweigerlich bezieht man sein Schicksal auf das des jungen Timmie. An einer Stelle sagt der Musiker im Scherz, dass er Gott sei. Wenn man solch einen Witz je einem Schauspieler zugestehen sollte, dann vielleicht dem blassen dünnen Mann im babyrosa Hoodie.

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Später geht es dann noch zur Red Night, der legendären Party von Campari und „Bunte“. Am DJ-Pult stehen Shari Who und Nikeata Thompson, zum Essen werden schwarze Tortellini mit Lachsfüllung, Gnocchi in Sahnesoße, Reisbällchen und frittierte Aubergine serviert, zum Trinken Negroni und Campari Spritz. Im rot beleuchteten zweistöckigen Saal, dessen Herzstück die Bar in der Mitte des Raums ist, wuseln fast genauso viele Fotografen wie Stars herum.

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Campari ist einer der Hauptsponsoren des Filmfestivals. Damit hält die Marke ihrer langjährigen Beziehung zum Film die Treue: Der italienische Regisseur Federico Fellini drehte in den 1980er-Jahren seinen ersten Werbespot für Campari. Am Ausgang liegen „Bunte“-Magazine zum Mitnehmen bereit, die auf dem Cover Tratsch über die neuesten Verfehlungen Til Schweigers versprechen. Der Schauspieler konnte auf der Party nicht entdeckt werden. gold

Samstag, 9 Uhr – Drei Tage Schach

Unermüdlich rieselt der Schnee. Ich bin an Tag zwei beziehungsweise drei, wenn man den Donnerstag mitzählt, schon halbwegs geschafft. Die kurzen Nächte fordern ihren Tribut. Die Berlinale ist eine Olympiade des Wachbleibens. Ihr Logo sind die täglich wachsenden Augenringe.

Gleich springe ich ins Taxi für ein Interview mit der Schauspielerin Verena Altenberger, die gefühlt alles kann, an der Seite von Lars Eidinger die Buhlschaft in Salzburg gespielt hat wie eine kleine Rolle an der Seite von Tom Cruise in einer „Mission Impossible“. Danach geht’s schnurstracks in den Berlinale-Palast, zur Premiere des neuen Films von „Parasite“-Regisseur Bong Joon-ho: „Mickey 17“ mit Robert Pattinson. Am Abend dann ein weiterer voraussichtlicher Knaller aus dem durchgeknallten Filmland Korea: „The Old Woman with the Knife“. Stay tuned! küv

Freitag, 19:15 Uhr – Starker Start in den Wettbewerb

Die Nachrichten aus dem Kino sind bislang erfreulicher als die außerhalb. Der bittere Beigeschmack des Gutmenschen-Wohlfühlkinos mit angezogener Selbstkritik-Handbremse, das Tom Tykwer im Eröffnungsfilm „Das Licht“ präsentierte, ist nach den ersten beiden Wettbewerbsfilmen vergessen. Unten lesen Sie mehr über Rebecca Lenkiewicz’ „Hot Milk“. Hier ein paar Zeilen zur ersten großen Überraschung, dem starken und stark nachwirkenden „Sheng xi zhi di“ (Living the Land) von Regisseur Huo Meng.

Eine Überraschung vor allem deshalb, weil Chinas Zensur dazu neigt, allein gefälliges Mittelmaß durchzuwinken oder zumindest nur Filme, die behutsam auf der roten Linie des Erlaubten tanzen. Wo genau die allerdings verläuft, das wissen auch chinesische Filmemacher nicht immer. Wahrscheinlich gehört es zum Wesen einer gelingenden Autokratie, sich eine gewisse Unergründlichkeit zu eigen zu machen.

„Living the Land“ spielt im Jahr 1991 und erzählt vom zehnjährigen Chuang (Wang Shang), den seine Eltern in einem Dorf in der Provinz zurückgelassen haben, um ihr Glück im aufstrebenden Shenzhen zu machen. Dort verdient man in einem Monat mehr als das ganze Dorf mit einer Ernte. Das Leben ist beschwerlich, weil im Wesentlichen vorindustriell. Irgendwann taucht ein erster Traktor auf, und ein Großvater will nicht glauben, dass es in Amerika noch viel größere Exemplare geben soll, die 1000 Hektar an einem Tag durchpflügen. Andere träumen davon, die alte Ziegelbrennerei zu reparieren, und lassen sich nicht von Gerüchten abschrecken, dass selbst Fabrikziegel ein kaum nachgefragtes Auslaufmodell seien.

Das Leben ist bestimmt vom Rhythmus der Natur und einer uralten Kultur – Ernten, Begräbnis- und Hochzeitszeremonien. Die verlaufen ganz anders als im Westen. Zu Beginn wird die Leiche eines während der Kulturrevolution Erschossenen exhumiert, um ihn an anderer Stelle neben seiner jüngst gestorbenen Frau zu begraben. Die Kinder balgen sich um die Kugeln, die sich zwischen den Knochen finden: „Er hat sie mir gegeben!“ – „Aber sie steckte in meinem Opa!“ Und eine junge Frau weint leise um ihr Schicksal einer Zwangsheirat. Als sie beim ersten Sex nicht blutet, behandelt sie der Ehemann brutal. „Ich will die Scheidung“, flüstert sie ihrer Mutter zu. Die entgegnet: „Denk nicht mal dran!“

Eine Andere, 29 Jahre alt, hat schon zwei Kinder und ist mit dem dritten schwanger. Man sieht es noch nicht. Die Regierung ordnet eine verpflichtende Untersuchung für alle Frauen im gebärfähigen Alter an. „Check sie besonders gründlich!“, ruft der Bürokrat vor der Praxis. Drinnen zieht sich die Amtsärztin, oder was auch immer sie ist, ohne Nachfrage Gummihandschuhe über. Die Kamera verweilt auf dem Gesicht der jungen Mutter. Ihr schießen die Tränen in die Augen, denn sie weiß, was kommt: ein jäher Ruck, ein scharfer Schmerz. In jenen Jahren fackelt die Regierung, die die Bevölkerung begrenzen will, nicht lange. Ob das heute anders wäre, dazu schweigt der Film natürlich. Er konzentriert sich auf die Zeit vor bald 35 Jahren. Im Corona-Lockdown haben wir gesehen, wie rücksichtslos auch im zeitgenössischen China einmal beschlossene Politik umgesetzt wird.

Der Umstand der historischen Momentaufnahme hat „Living the Land“ wohl die Zensur passieren lassen. Die Kritik an den Zuständen ist zwar omnipräsent – auch im buchstäblich herzzerreißenden Tod eines behinderten jungen Mannes, der ebenfalls den Umtrieben der Bezirksregierung zum Opfer fällt –, aber sie wird nie ausgesprochen. Man meint, einem Dokumentarfilm zuzuschauen. Zugleich lässt der Regisseur das bäuerliche Kollektiv sein karges Leben in wunderschönen Bildern fristen, genau gebaut und dramaturgisch zwar langsam erzählt – die Spielzeit beläuft sich auf über zwei Stunden –, aber das ist auch nötig, damit wir alle Einzelschicksale begreifen und mit ihnen leiden. So geht Kino – wenn die Baupläne der Autoren und Regie vollkommen in den Hintergrund treten und wir in eine andere Welt hinein. Fantastisch! küv

Freitag, 18:15 Uhr – Emma Mackey brilliert in „Hot Milk“

Wie oft hat man sich schon vorgenommen, sich von Schauspieler-Interviews fernzuhalten! Meistens haben die Darsteller entweder nichts annähernd Relevantes über ihre Filme zu sagen oder sie blocken jede noch so harmlose Frage mit einem süffisant-arroganten Lächeln ab. Manche von ihnen, wie zum Beispiel Sandra Hüller, performen die leere Hülle, die Projektionsfläche in Reinform, die zum Schauspielerdasein wohl dazu gehört, sogar derart gut, dass man das Gespräch hinterher gar nicht publizieren möchte. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

Emma Mackey ist so eine wohltuende Ausnahme. Die 29-jährige Britin spielt im atmosphärisch-sinnlichen Wettbewerbsfilm „Hot Milk“ die Tochter einer mysteriös erkrankten Mutter (Fiona Shaw), die im gemeinsamen Spanien-Urlaub so einigen tief sitzenden Familiengeheimnissen und -traumata auf die Spur kommt. Nebenher beginnt sie eine Affäre mit einer promiskuitiven Reiterin (Vicky Krieps), die ihr ziemlich schnell einen Mord gesteht. Der Wunderheiler (Vincent Perez), in dessen Hände sich ihre Mutter Rose begibt, fordert diese auf, sich erst einmal mit ihrer Psyche auseinanderzusetzen, um dann ihren Körper zu heilen. Sie solle etwa eine Liste mit all ihren Feinden anfertigen. Lustige Momente wie diese blitzen immer wieder in dem erfrischend Dialog-reduzierten Drama auf.

Man kennt Mackeys markante und doch weiche Gesichtszüge aus der Serie „Sex Education“ und dem Kino-Hit „Barbie“. Im Gespräch im Hotel Adlon beantwortet sie Fragen mit einer interessierten Ausführlichkeit, die eine ganz andere Facette ihres Charakters zeigt als die stille Einsilbigkeit und die plötzliche Aggression, die ihre Filmfigur verkörpert. „Sofia passieren so viele Dinge auf einmal. Es ist heiß, sie wird von einer Qualle gebissen, muss ihre Mutter pflegen, ihre neue Freundin lässt sie immer wieder plötzlich für eine andere Affäre stehen. An ihr wird von allen Seiten gezogen, sie ist verloren und nicht wirklich im Leben verankert. Irgendwann bricht es dann aus ihr heraus“, sagt Mackey über die Wut und die überraschende Entscheidung, die ihre Figur Sofia am Ende des Films trifft.

„Der Film lässt vieles offen, auch ich habe mich beim Drehen der fast biblischen Szene im Wasser, als ich das Boot herausziehe, gefragt: Ist das wirklich Fiona, die da vorn läuft? Oder ein Geist? Man weiß in dem Film nie, was stimmt und was nicht.“ Man merkt Mackey den Spaß an, den sie beim Drehen hatte, aber auch beim Sprechen und Nachdenken über den Film. Dann ist es schon 16:30 Uhr, das war ihr letztes Interview mit deutschen Medien für heute, jetzt folgen die internationalen.

Für mich geht es wieder auf den roten Teppich, zu Timothée Chalamet und seinem Bob Dylan. Aber vorher muss ich noch irgendwo Internet herbekommen, um den Ticker zu aktualisieren. Dass das WLAN in keiner der unzähligen Presse-Lounges um den Potsdamer Platz herum richtig funktioniert, lässt einen fast in einen jener Wutanfälle ausbrechen, die auch Mackey in „Hot Milk“ ständig überkommen und sogar einen unbekannten Hundebesitzer in all ihrer Verzweiflung mit einem Messer bedrohen lassen. gold

Freitag, 18 Uhr – „New Faces Award“ in der Campari-Lounge

Während Timothée Chalamet seine Pressekonferenz im Grand Hyatt Hotel gibt und die Fans für die Abend-Premiere draußen schon Schlange stehen, lädt nebenan Campari zur Vorstellung der „New Faces“ ein. Bei einem alkoholfreien Drink lerne ich die Nominierten kennen. Wer am Ende den roten Panther in den Händen halten wird, erfährt man allerdings erst in ein paar Monaten. Der Preis wird seit 1998 von der „Bunten“ vergeben, die heute Abend auch eine der begehrtesten Partys des Festivals schmeißt. Daniel Brühl, Matthias Schweighöfer, Hannah Herzsprung – „es gibt keinen Preisträger, aus dem nichts geworden ist“, hört man hier. Doch noch während die Preisträgerin des vergangenen Jahres, Katharina Stark aus der Disney-Serie „Deutsches Haus“, ihre Rede hält, muss ich mich schon wieder verabschieden, der nächste Interview-Termin wartet. gold

Freitag, 14 Uhr – Ach, Tilda!

Da ist man mal kurz im Kino, denn es läuft hier ja auch ein Wettbewerb mit 21 Beiträgen, und schon kann mal wieder jemand seinen antisemitischen Schnabel nicht halten. Umso schlimmer, dass es ausgerechnet Tilda Swinton sein muss. Gestern erklärte sie, als sie auf der Eröffnungsgala den Goldenen Ehrenbären fürs Lebenswerk entgegennahm, Berlin ihre unbedingte Liebe. Und Berlin liebte sie zurück, in Gestalt von Edward Berger („Im Westen nichts Neues“, „Konklave“) und Tricia Tuttle, der Berlinale-Chefin. In ihrer Rede schrammte Swinton haarscharf an einer Israelkritik vorbei. „Der vom Staat verübte und international ermöglichte Massenmord“, hatte sie gesagt, „terrorisiert derzeit mehr als einen Teil unserer Welt aktiv. Von genau den Gremien verurteilt, die von den Menschen eigens zur Überwachung der Dinge auf der Erde ins Leben gerufen wurden, die für die menschliche Gemeinschaft inakzeptabel sind.“

Man ahnte, wer gemeint war, aber solange sie es nicht aussprach: Schwamm drüber. Heute auf der Pressekonferenz fragte eine Kollegin der israelischen Zeitung „Haaretz“ nach Swintons Sympathien für die antisemitische Israel-Boykott-Bewegung BDS (Boykott, Desinvestition und Sanktionen). „Ich bin eine große Bewunderin von BDS“, sagte Swinton darauf, „und habe großen Respekt davor.“ Auch gegen die Berlinale gibt es einen BDS-Boykottaufruf, wegen Einladungen an isrealische Produktionen. „Ich habe beschlossen, dass es für mich wichtiger war zu kommen“, sagte Swinton. „Dank des Festivals wurde mir eine Plattform geboten, wie ich sie heute habe, und ich habe in einem persönlichen Moment entschieden, dass dies für unser aller Anliegen möglicherweise nützlicher ist als mein Nichterscheinen.“

So kann man es sehen. Man kann es auch für den eklatanten Fall einer Doppelmoral halten, die lächerlich wäre, wenn sie nicht so grausam mit dem Feuer spielte.

Ich muss in den nächsten Film. Es ist traurig, dass die Antisemitismus-Bombe schon am ersten Tag platzt. küv

Freitag, 9 Uhr – Timothée Chalamet und der erste Wettbewerbstag

Während gleich alle durchdrehen, weil ein Lockenköpfchen mit Schlafzimmerblick so tut, als wäre es Bob Dylan, taucht der Kritiker ab in die programmatischen Untiefen des ersten Wettbewerbstages: Auf dem Zettel stehen heute ein Mammutfilm à la „Once Upon a Time in America“, bloß dass er in China spielt: Über vier Generationen erzählt „Sheng xi zhi di“ vom extremen Wandel in einem extremen Land. Außerdem „Hot Milk“, ein queeres Coming-of-Age-Drama, in dem Vicky Krieps im flirrenden Sommer Spaniens dem „Sex Education“Star Emma Mackey den Kopf verdreht. Am Abend geht Jessica Chastain in „Dreams“ mit einem mexikanischen Balletttänzer eine verbotene Beziehung ein. küv

Freitag, 8:15 Uhr – Künstliche Kino-Intelligenz

Blitzartige Erkenntnis an Tag zwei: Man bräuchte dringend einen Assistenten, der einem frühmorgens die Tickets bucht. Oder einen, der für einen schläft. Ja, das wäre noch besser. Zumindest das Erste könnte doch eigentlich eine dieser KIs übernehmen, von denen jetzt alle reden. ChatGPT, DeepSeek, Perplexity und so weiter.

Man müsste ihr nur Benutzername und Passwort verraten. Hm, am Ende lässt sie sich dann von den Verleihern die Presse-Screener zuschicken und guckt alles selber, in ihrem Heimkino im Cyberspace. Andererseits könnte sie dann auch gleich die Berichterstattung übernehmen. Dafür müsste man ihr wiederum die Kennung für unser Redaktionssystem verraten. Und das geht natürlich nicht, das wäre der erste Schritt zur Weltherrschaft. küv

Freitag, 1:17 Uhr – Die Eröffnungsgala von innen

Wie schön, dachte ich vorhin, auf dem Weg zur Eröffnung, endlich weiße Weihnachten! Doof nur, dass parallel Berlinale ist. Ich würde die elegische Erhabenheit der Natur, die Bäume, Straßen, Litfaßsäulen und selbst die Passanten gleichermaßen in glitzernde Schneeskulpturen verwandelt, gern genießen. Leider schlitterte ich mit den dünnen Fahrradreifen dermaßen durch die Gegend, als wäre ich ein avantgardistischer Plot. Bloß nicht bremsen! Die letzten Meter zu Fuß in die S-Bahn legte ich auf dünnen Ledersohlen zurück wie Buster Keaton, wild schwankend und mit rudernden Armen. Immerhin: Ich lebe noch.

Am Potsdamer Platz weiter dichtes Schneetreiben. Am Einlass tasten die Security-Leute die ausladendsten Rüschenröcke ab. Dann endlich drinnen. Selbst flüchtiges People-Watching ist maximal ergiebig. Eigentlich sind alle da, weswegen man es im Einzelnen gar nicht weiter erwähnen muss. Herbert Grönemeyer weht mir entgegen, Franziska Giffey führt ein gewagtes Kleid spazieren, nicht so sehr wegen der Freizügigkeit, sondern wegen des Geschmacks. Haben Sie unter den deutschsprachigen Schauspielern einen besonderen Liebling? Unter Garantie hier.

Da kann man sich auf Wesentliches konzentrieren, zum Beispiel die Frage des Schuhwerks: Berlinale-Chefin Tricia Tuttle hat als richtig gemacht, sie spielt ihren Heimvorteil in dicken Combat-Boots aus. Wenn sie dahinschreitet, blitzen unter den Sohlen große Sterne. Lars Eidinger zeigt, dass die Elemente ihm nichts anhaben können; er schlappt in hinten offenen Lederslippern über den roten Teppich, als wollte er mal eben schnell auf Marrakeschs Jemaa el-Fnaa einen Orangensaft trinken.

Die Reden sind toll, alle lieben Tilda, besonders wenn sie die Kraft des Kinos beschwört. Das Kino sei ein „unabhängiger Staat“, sagte sie, „unberührt von Besatzung, Kolonisierung, Übernahme, Besitz oder der Entwicklung von Riviera-Grundstücks-Landbesitz“. Na, wir wollen mal nicht zu politisch werden, denkt sich hingegen Tricia Tuttle, aber sie hat ja auch ein Festival zu präsentieren. In ihrer kleinen Gedenkansprache erwähnt sie Israel, den Libanon, Jordanien – nicht hingegen Gaza oder „Palästina“. Von Anfang an tanzt die Berlinale, um einen ihrer früheren Bären-Gewinner zu zitieren, auf einer „Thin Red Line“.

Nach einer ungeplanten, aber dringend benötigten Pinkelpause beginnt Tom Tykwers Film. Er dauert sehr, sehr lange, fast drei Stunden, in Wirklichkeit sind es eher zehn. Breiten wir aus Höflich- und Müdigkeit einen eisigen Mantel des Schweigen darüber. Lars Eidinger ist eh super, selbst in der haarsträubendsten Schmonzette.

Kurz vor Mitternacht dann gibt’s vegane Snacks und Rosé aus Brad Pitts Weingut Miraval. Er schmeckt total okay. Und draußen schneit’s noch immer. küv

Donnerstag, 20:27 Uhr – Eröffnungsfilm „Das Licht“: Berliner Dysfunktionalität und Dauerregen

Da wurde zur Einstimmung aufs typische Berlinale-Wetter extra ein Eröffnungsfilm ausgesucht, in dem es ununterbrochen regnet – und dann schneit es ausnahmsweise mal am Potsdamer Platz. Die weiße Schneedecke wechselt sich nur sporadisch mit roten Teppichen ab. Vor dem Stage Bluemax Theater, das dieses Jahr erstmals auch als Ausspielungsort dient, steht ein Mann und hält ein Pappschild hoch. „Suche Ehefrau (Schauspielerin)“ steht darauf.

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Ähnlich verloren suchend sind auch die Figuren in „Das Licht“, dem Eröffnungsfilm von Tom Tykwer („Lola rennt“, „Babylon Berlin“). „Eine ganz normale dysfunktionale deutsche Familie“, nennt die pubertierende Tochter es treffend. Viel passiert in diesem Familiendrama mit Lars Eidinger, den man entweder nackt oder im Regenparka sieht, und Nicolette Krebitz, die ständig am Telefon hängt. Vielleicht passiert auch zu viel.

Nach dem plötzlichen Tod der alten Haushälterin wird eine neue eingestellt, die Syrerin Farrah (Tara Al Deen), die gleichzeitig als Therapeutin für jedes einzelne krisenanfällige Familienmitglied herhalten muss. Zwischendurch gönnt Tykwer dem fast drei Stunden stillsitzenden Publikum bunte Musical-Einlagen zu Liedern von Abba und Queen. Nachdem inzwischen selbst DC- („Joker 2“) und Mafia-Helden („Emilia Perez“) ihre Musicalfilme bekommen haben, darf nun auch die Berlinale mit einem experimentellen Genre-Hybrid starten, das viele Gestaltungselemente und Themen – allerdings nicht immer gewinnbringend – vermischt. Am Ende bleibt die Botschaft, dass alles zusammenhängt und es hilft, sich am Licht zu orientieren. Für ein Lichtspiel-Festival kein schlechter Rat. gold

Donnerstag, 20:20 Uhr – Warten auf den Herzinfarkt

Heute morgen schon der erste Schockmoment. Das hundsgemeine Ticket-System, das die übermüdeten Kritiker täglich um 7.30 Uhr, wenn die Schauspieler glücklich von der Premierenparty nach Hause stolpern, vor die Computer zwingt, um sich in die digitale Buchungsschlange einzureihen, stürzte mittendrin ab, als ich gerade dabei war, einen der meisterwarteten Film des Festivals zu reservieren: „Mickey 17“ vom „Parasite“-Regisseur Bong Joon-ho. Robert Pattinson spielt darin ein armes Würstchen, dessen Job darin besteht, wieder und wieder zu sterben. Plötzlich fühlte ich mich genauso. Als ich wieder drin war, war das Ticket weg. Das Buchungssystem behauptete aber steif und fest, ich hätte den Film schon gebucht. Nur leider war er weder im Warenkorb noch in der Warenausgabe zu finden. Es gibt aber fieserweise nur eine einzige Vorführung. Sekündlich rechnete ich mit dem Herzinfarkt.

Apropos rechnen: Kenntnisse in höherer Mathematik sind schon nötig, wenn man halbwegs komfortabel durchs Programm navigieren will. So lautet die offizielle Gebrauchsanweisung:

„Die Freischaltung der Akkreditiertentickets erfolgt ab dem 11. Februar 2025, 12:00 (MEZ) für die Pressevorführungen von ‚Das Licht‘ am 12. Februar. Ab dem 12. Februar erfolgt dann täglich um 7:30 Uhr (MEZ) die Freischaltung von Tickets für alle Veranstaltungen, die an den jeweils zwei darauffolgenden Tagen stattfinden:

Mi, 12.02., 07:30 Uhr: Tickets für Do, 13.02. und Fr, 14.02.

Do, 13.02., 07:30 Uhr: zusätzlich Tickets für Sa, 15.02.

Fr, 14.02., 07:30 Uhr: zusätzlich Tickets für So, 16.02.

etc.“

Mit anderen Worten: Man lebt während der Berlinale auf mindestens zwei Zeitebenen, der chaotischen Gegenwart und der präzise zu planenden Zukunft.

Nach einer Viertelstunde bangen Ausharrens vor dem unbarmherzig stoischen Bildschirm klappte es schließlich doch noch, so lange lässt das System seine Opfer schmoren, bis es im digitalen Nirwana verschollene Buchungen wieder freigibt: „Mickey 17“ war im Kasten. Mehr dazu nach der Vorführung am Samstag. küv

Donnerstag, 20:15 Uhr – Tilda Swinton nimmt den Ehrenbären entgegen

Der Oscar-Preisträger Edward Berger („Im Westen Nichts Neues“, „Konklave“) ehrt die Schauspielerin Tilda Swinton, die dieses Jahr den Ehrenbären erhält. Am Dienstag wird Swintons neuster Film „The End“ in Anwesenheit der Schauspielerin in einer Spezialvorführung gezeigt. In Venedig gewann im September „The Room Next Door“ mit Swinton als krebskranker Sterbender den Hauptpreis. Berger lobt Swinton als „furchtlose Kämpferin“, die Stil und Witz habe. „Ich liebe Ihre Theatralik“.

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Swinton ist quasi festes Berlinale-Inventar. Schon in 26 Berlinale-Filmen spielte sie in ihrem 64 Jahre jungen Leben mit. Die Berlinale war das erste Filmfestival, das sie je besucht habe.

Dann betritt Swinton mit Alien-graziler Eleganz in einem dunkel-violett glitzernden Kleid und blonder Kurzhaarfrisur die Bühne. Vielleicht stand der Goldene Ehrenbär noch niemandem so gut wie ihr. „Dear fellow humans“, liebe Mitmenschen, begrüßt sie den Saal. Und erst da merkt man, dass sie das ja wirklich ist, so etwas wie ein Mensch, auch wenn sie stets außerirdisch übernatürlich wirkt. Ihre Rede liest sie aus einem schwarzen Buch vor, das so ernsthaft wirkt wie die Sätze, die folgen. Unter anderem prangert Swinton giersüchtige Regierungen an, die sich mit „Planeten-Zerstörern und Kriegsverbrechern“ einließen: „Das Unmenschliche wird unter unserer Aufsicht verübt“. gold

Donnerstag, 19:38 Uhr – Tricia Tuttle lobt Berlin am Eröffnungsabend

Es ist geschafft. Alle Stars und Aktivisten haben es vom Schnee über den roten Teppich bis in den Berlinale-Palast geschafft. Die neue Leiterin Tricia Tuttle beginnt ihren Auftritt mit einem ausführlichen Lob an Berlin. Sie liebe die Menschen, die Architektur, die Galerien und die Museen. „Berlin hat die fantastischste unglaublichste Kinokultur der Welt“, ergänzt sie. „Ganz ehrlich.“ gold

Donnerstag, 19:23 Uhr – Schauspieler erinnern an israelische Geisel David Cunio

Donnerstag, 19:09 Uhr – Auch die Fans protestieren

Nicht nur den Stars auf, sondern auch den Fans neben dem roten Teppich geht es um Politik. „Deutschland, hör auf, Israel zu bewaffnen“ und „Deutschland ist am Genozid beteiligt“ liest man neben der palästinensischen Flagge. gold

Donnerstag, 18:54 Uhr – Luisa Neubauer fällt mit politischem Kleid auf

Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer fällt immer wieder durch ihre extravagante Kleider-Wahl auf. Beim Berliner Presseball trug sie zuletzt ein Kleid mit der Aufschrift „Hot, Hotter, Death“. Bei der Berlinale-Eröffnung schießt sie nun gegen Friedrich Merz. „Donald & Elon & Alice & Friedrich?“ heißt es auf weißem Samt. Der Name „Friedrich“ ist hellgrau verblasst, die anderen Namen stechen in deutlichem Schwarz hervor. Auf ihrem Rücken steht: „Democracy Dies in Daylight“, die Demokratie stirbt bei Tageslicht. Ein Accessoire, das auch nie fehlen darf: der mahnende Blick. gold

Donnerstag, 18:30 Uhr – Kundgebung für die Geiseln der Hamas

Auf dem Potsdamer Platz hat sich vor dem Armani Pop-Up eine Menschengruppe versammelt. Schneebedeckte Arme halten „Bring Them Home“-Schilder hoch, mit Fotos der Geiseln, die sich noch in der Gefangenschaft der Hamas befinden. Ariel Cunio, 27, und sein Bruder David Cunio, 33. Die Zahl „33“ wurde mit Filzstift durchgestrichen, daneben mit Hand „34“ geschrieben. So alt ist Cunio inzwischen. 22 war er, als sein Film „Youth“ auf der Berlinale gezeigt und ausgezeichnet wurde. Darin spielte Cunio ausgerechnet einen Entführer. Am 7. Oktober 2023 wurde der Schauspieler von der Hamas entführt. Seine Frau und seine beiden Kinder wurden im November 2023 wieder freigelassen, er selbst und sein jüngerer Bruder befinden sich immer noch in Gefangenschaft. Am Freitag feiert der Dokumentarfilm „A Letter To David“ von Tom Shaval Premiere auf der Berlinale, ein persönlicher Brief an seinen entführten Freund David. Am Sonntag gibt es „Holding Liat“, die zweite Doku über eine Geisel der Hamas, zu sehen. Sie begleitet die Familie des entführten Liat.

Doch die Veranstalter der Kundgebung sehen die Rolle der Berlinale kritisch: Beim Filmfestival im Februar 2024 wurde Cunio auf der Bühne mit keinem Wort erwähnt, stattdessen fielen bei der Preisverleihung von Preisträgern Vorwürfe gegen Israel wie „Genozid“ und „Apartheid“. Außerdem werfen die Redner dem Filmfestival vor, sich vor wenigen Tagen von der Antisemitismus-Resolution des Bundestages distanziert zu haben. Dabei hatte die neue Intendantin Tricia Tuttle angekündigt, eine Wiederholung des Antisemitismus-Skandals des vergangenen Jahres verhindern zu wollen. gold

Donnerstag, 18:00 Uhr – Willkommen zum Live-Ticker!

Hallo zum Berlinale-Ticker, unserer atemlosen Dauerberichterstattung vom größten Publikumsfilmfestival der Welt. Das klingt sensationell, finden wir auch. In Wahrheit stehen wir ziemlich oft in der Eiseskälte des Potsdamer Platzes und wissen nicht, wohin. Pünktlich Mitte Februar richten sich in der Hauptstadt die Temperaturen bei Minusgraden so gemütlich ein wie die Zuschauer im CinemaxX nebenan auf den elektrisch verstellbaren Sesseln.

War das jetzt ein gelungenes Bild oder leicht windschief wie das Dach des Berlinale-Palasts, wo die großen Premieren stattfinden? Egal, wir formulieren hier weniger aus dem Kopf als aus dem Bauch. Ausgeruhte Rezensionen finden Sie woanders, zum Beispiel in den Links, mit denen wir diesen Dauerfeuerschnellschuss der Eindrücke großzügig sprenkeln werden.

Dieser Live-Ticker beabsichtigt, Ihnen die Berlinale so nah wie möglich zu bringen – das Gefühl, wie es ist, atemlos von A nach B zu hetzen, frühmorgens mit dem zickigen Ticketsystem zu kämpfen, nach der ersten Premiere des Tages das Interview mit dem nächsten Star nicht zu versäumen, verhungert eine Currywurst zu verschlingen, die sensible senegalesische Sozialstudie mit mongolischen Untertiteln angemessen zu bewundern, auf der „Bunte“-Party die Sau rauszulassen. Wir wissen selbst schon nicht mehr, wo uns der Kopf steht, dabei hat es nicht mal angefangen.

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Und wer weiß, vielleicht steht gar der nächste Skandal in den Startlöchern, so wie im vergangenen Jahr, als es auf der Abschlussgala zu antisemitischen Ausfällen kam – eifrig beklatscht von Claudia Roth.

Das Angenehme für Sie: Sie müssen das alles gar nicht selbst durchmachen, sondern können hier entspannt mitlesen. Wie wir Sie beneiden! Aber einer muss den Job ja machen. Beziehungsweise zwei: Marie-Luise Goldmann (im Folgenden gold) und Jan Küveler (küv). Herzlich willkommen auf der Berlinale!

Source: welt.de

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