„Als Student war ich ein Nerd, fühlte mich fremd an welcher Uni“

Philipp Peyman Engel liest aus Leidenschaft. Was er bei Michel Houellebecq, Georges Simenon und Marcel Reich-Ranicki gelernt hat. Und welche beiden Autoren seine persönlichen Helden sind.

Bildungsaufsteiger und Kind aus dem Pott – so stellt er sich vor, Philipp Peyman Engel. Das klingt kokett, ist er doch Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“, Deutschlands führender jüdischer Wochenzeitung. Er meint es jedoch ernst, denn seinen Wurzeln verdankt er nicht nur eine starke Bodenhaftung, sondern auch eine Widerstandsfähigkeit gegenüber ideologischer Vereinnahmung. Wer als Student bereits nicht mitschwamm im akademischen Mainstream, tut sich leichter damit, ein Mensch zu werden, einen freien Geist zu entwickeln und den Widersachern Paroli zu bieten. Der Sohn einer aus dem Iran stammenden Jüdin und eines deutschen Vaters kämpft seit Jahren gegen Antisemitismus, wohl wissend um die Bedrohung an Leib und Leben, die mit diesem Engagement einhergeht.

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Seine literarische Auslese zeugt von einer Affinität zu Außenseitern, zu Menschen, die ihren Kompass immer wieder neu justieren, um nicht im Dschungel der Identitäten verloren zu gehen. Einen liberalen, universalistischen Esprit offenbart auch sein jüngstes Buch „Was darf Israel? Ein Streit“. Bei aller Gegnerschaft und allen politischen Spannungen sei Freundschaft stets das höherrangige Gut, sagt der Junge aus Herdecke und weist den Weg aus so manch einer diskursiven Sackgasse (Protokoll: Ute Cohen).

Samuel Pepys: Tagebücher

Diese Tagebücher sind legendär! Pepys war leitender Beamter des englischen Königs und schrieb diese Einträge im 17. Jahrhundert, und doch ist alles darin enthalten, was uns auch heute umtreibt. Es ist dieselbe Lebensrealität: Er möchte erfolgreicher sein, mehr Geld haben. Er liebt seine Frau und trotzdem leidet er darunter, von ihr nicht ausreichend wertgeschätzt zu werden. Zugleich fühlt er sich angezogen auch von anderen Frauen. Er hat dieses starke Über-Ich, wie Freud sagen würde, und scheitert daran immer wieder kläglich. Er nimmt sich vor, sparsamer zu sein, ist aber theatersüchtig und gibt all sein Geld für Theatervorstellungen aus. Heutzutage wäre das die Netflix-Abhängigkeit. Vor vierhundert Jahren geschrieben und topaktuell! Daran erkennt man ein echtes Genie!

Hamed Abdel-Samad: Der Preis der Freiheit

Hamed Abdel-Samad war immer mein persönlicher Held, weil er gnadenlos ehrlich ist und den Finger in die Wunde gelegt hat, was die eigene Community betrifft, die muslimische Gemeinschaft. Ohne Scheuklappen sagte er: „Liebe Leute, wir haben ein Problem mit der Aufklärung, mit Frauenbildern, mit Homosexuellen, mit Juden und dem jüdischen Staat.“ Hamed zahlt bis heute einen verdammt hohen Preis für diese schonungslose Analyse. Es gibt mehrere Fatmen gegen ihn, er hat rund um die Uhr dieselbe Sicherheitsstufe wie Kanzler Merz. Die wollen ihn umbringen!

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Mich beeindruckt ungemein, dass er dieses Risiko eingeht und trotzdem ohne Wenn und Aber alles niederschreibt. Sein Preis der Freiheit ist hoch: Er ist maximal bedroht an Leib und Leben. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass er nach dem 7. Oktober Israel des Genozids beschuldigte. Der Held der jüdischen Gemeinde ist er jetzt nicht mehr. Knallharte Kritik bekommt er auch von mir, da schenken wir uns beide nichts – und trotzdem bleiben wir Freunde, auch wenn’s schwer ist.

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein. Tagebuch einer Krebserkrankung

Christoph Schlingensief war wie ich ein Kind aus dem Pott. Uns sagt man nach, dass wir etwas einfacher gestrickt und geradeheraus sind. Ein Klischee zwar, aber eines, das stimmt. Deshalb wurde Schlingensief wohl auch – milieuübergreifend – so gemocht am Ende seines Lebens. Am Anfang sah man ihn ja als linksradikalen Spinner und Bürgerschreck. Ich hatte das große Glück, ihn noch kennenzulernen; er war bereits an Krebs erkrankt. Er hat vielen Menschen, die von Krebs betroffen waren, Kraft gegeben – absurderweise, da er bereits wusste, dass er sterben würde. Beeindruckt hat mich, wie er sein Todesurteil angenommen hat und wie schonungslos er über seinen Kampf schrieb. Es ist ein warmes Gefühl, wenn ich an ihn denke.

Thomas Bernhard: Der Ignorant und der Wahnsinnige

Als Student war ich ein Nerd, fühlte mich fremd an der Uni, ging lieber ins Theater oder ins Kino, las von morgens bis abends Zeitungen und Bücher, Thomas Bernhard vor allem. Als im Bochumer Schauspielhaus „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ aufgeführt wurde, habe ich die Vorstellung bestimmt achtmal besucht. Der schwerkranke Otto Sander spielte den Vater der Königin der Nacht so herrlich reduktionistisch, dass ich heute noch Gänsehaut kriege beim Gedanken daran. Dafür habe ich gelebt! Dieses Stück erinnert mich immer wieder daran, dass man in der Provinz viel glücklicher werden kann als in der Horrorstadt Berlin, weil man die kulturellen Highlights viel mehr wertschätzen kann.

Leon de Winter: Hoffmans Hunger

Bei uns zu Hause gehörten jüdische Medien und jüdische Literatur zum Leben dazu; ganz stark verinnerlicht habe ich das. Leon de Winter ist ein Romancier, der immer ganz nah dran ist am Kitsch – ich liebe Kitsch, meine Lebensrealität ist schon hart genug. Eskapistische Momente tun da gut. Er ist ein begnadeter Stilist, seine Charaktere möchte man verschlingen. Es liest sich leicht und doch streut er immer wieder philosophische Ideen ein – über das Verlorensein in der Welt. Canetti würde sagen: „Der Tod ist ein Skandal.“ Existenziell, aber leicht zu konsumieren. Der Protagonist in diesem Buch versucht, die eigene Leere mit exzessivem Essen zu füllen. Leon de Winter ist mein Held in belletristischer Hinsicht.

Georges Simenon: Die Marie vom Hafen

Simenons Bücher wurden quer durch alle gesellschaftlichen Schichten gelesen – vom Busfahrer bis zur Philosophieprofessorin. Man spürt, dass hier jemand schreibt, der mit seinem Leben komplett unzufrieden ist und nur glücklich ist beim Schreiben. Sollten irgendwann mal Außerirdische landen auf dieser Erde und fragen, wie tickt ihr eigentlich, ihr Menschen, dann müsste man antworten: „Jagt mal das Werk Simenons durch ChatGPT und lasst euch das als Essenz in drei Sätzen zusammenfassen. Dann habt ihr das Wesen der Menschheit im Kern erfasst.“

Kindlers Literatur Lexikon

Leider ist unsere Lebenszeit ja arg begrenzt und wir werden nicht all die Bücher lesen können, die wir gern lesen würden. Aber es gibt ja Kindlers Literatur Lexikon! Darin lese ich zum Beispiel die Zusammenfassung eines Klassikers oder eines vergessenen isländischen Romanciers, den ich nie auf dem Schirm gehabt hätte. Auch hätte ich ohne „KLL“ niemals etwas von Rungsteds Lyksaligheder, einer Ode des dänischen Dichters Johannes Ewald, erfahren. Manchmal überwinde ich auch die magische Grenze der Zusammenfassungen und gehe in die Buchhandlung, um das Buch zu erwerben.

Das Literarische Quartett: Buchausgabe aller 77 Sendungen von 1988 bis 2001

Schon vor der automatisierten Transkription von Audiodateien wurden diese Sendungen manuell verschriftlicht. Immer wieder stöbere ich darin, zumal ich mit diesen Sendungen aufgewachsen bin. Eine Sendung, die nicht auf Kosten intellektueller Redlichkeit geht und doch so spannend ist, dass selbst ein Achtjähriger dranbleibt. Reich-Ranicki hat etwas eingeführt in das intellektuelle Leben der Bundesrepublik, das es so vorher nicht gab.

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Natürlich war er auch chauvinistisch, aber die Dynamik, die grandiose Intellektualität, seine Showqualitäten – das war einzigartig! Er hat es geschafft, vom Taxifahrer erkannt, von den Intellektuellen verehrt, aber auch gehasst zu werden. Diese seltsame Trennung zwischen U und E hat er eingerissen.

Michel Houellebecq: Plattform

Ein prophetischer Roman! Es besteht ja immer die Gefahr bei Schriftstellern, dass sie ihre politischen Aussagen in die Form des Romans pressen auf Kosten der Ästhetik, des Plots und der dramaturgischen Brillanz. Nicht bei Houellebecq! Wenn er islamistischen Terror im Roman aufgreift, leidet darunter nicht die Lesbarkeit. Er beschreibt vieles, was andere nicht sehen wollen. Sind das Männerbücher? Teilweise ist sein Frauenbild schräg und eklig. Diese verzweifelten Figuren, die mit exzessiver Sexualität die innere Leere zu füllen versuchen, sind zum Scheitern verurteilt. Es ist ungemütlich und widerwärtig, wenn er ein bestimmtes Milieu von Männern abbildet. Literatur aber ist doch dafür da, diese Sachen auszuleuchten!

Lew Tolstoi: Die Kreutzersonate

Dieses Buch wurde mir empfohlen vom ehemaligen langjährigen Lebensgefährten meiner Mutter. Er war Psychiater und für meine intellektuelle Menschwerdung sehr prägend, da er mich mit Büchern und politischen Ideen fütterte, mit denen ich sonst nicht in Berührung gekommen wäre. Dazu gehört auch die „Kreutzersonate“, die ich mit 16 verschlungen habe. Es geht um rasende Eifersucht, eine Konstante des Menschen. Tolstoi hat in einer zügellosen Variante sehr eindringlich beschrieben, was im Kopf eines Menschen vorgeht, der Angst hat vor dem Objekt seiner Begierde.

Source: welt.de

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