Es begann im Kaffeehaus und endete mit 20.000 Menschen, die in Buda und Pest die Habsburgischen Statthalter und Exzellenzen zum Zttern brachten. Ein junger Dichter löste den Aufstand 1848 aus. Viel älter wurde er nicht. Aber sein Lied lebt ewig.
Erst 25 Jahre alt war der junge Mann, der am 15. März 1848 in Pest die Massen zur Revolution sammelte und anführte – aber schon einer der bekanntesten Dichter Ungarns. Sàndor Petőfis Poesie hatte einen Ton, in dem sich jugendliches Feuer, himmelhochjauchzende Romantik und nationales Fieber vereinigten. So kam es, das sein frisch gedichtetes „Nationallied“, das er am 15. März 1848 seinen radikalen Freunden im Kaffeehaus Pilvax vorstellte, zum Zündfunke des ungarischen Aufstands gegen die habsburgisch-österreichdeutsche Fremdherrschaft wurde – und der junge Petőfi selbst die entflammten Massen anführte.
Nachdem das neue Lied im Kaffeehaus ausgiebig rezitiert worden war, verfügte die Gruppe über den nötigen revolutionären Schwung, um ganz Pest mitzureißen. Vom Kaffeehaus aus brachen der Dichter und seine Mitverschworenen auf. Im Gepäck hatten sie eine Liste mit zwölf Forderungen an die Regierung in Wien, unter anderem: Pressefreiheit, eine eigenständige ungarische Regierung mit Sitz in Budapest, ein gewähltes Parlament, der Abzug „ausländischer“ Habsburger Soldaten – und eine Amnestie für politische Gefangene.
Die Gruppe wuchs rasch ins Gewaltige, während sie durch die Stadt marschierte. Schon in der Druckerei, wo die zwölf Punkte und das Lied eilig gedruckt und verteilt wurden, war sie auf 2000 Köpfe angewachsen. Petőfi hatte sein Manuskript vergessen, also diktierte er das Nationallied, ungarisch „Nemzeti dal“, den Setzern aus dem Gedächtnis. Laut rezitierte er: „Auf, die Heimat ruft, Magyaren! Zeit ist’s, euch zum Kampf zu scharen! Wollt ihr frei sein oder Knechte?“ Im Refrain schwören die ungarischen Patrioten bei Gott, dass sie sich „nimmermehr“ Tyrannen beugen würden: „Esküszünk, hogy rabok tovább / Nem leszünk!“ Der australische Historiker Christopher Clarke, der diese Szenen in seinem Buch über die Revolutionen von 1848 ausführlich schildert, kann sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass der Eid stark an den Text von „Rule Britannia!“ erinnert.
Dem erregten Volk am 15. März 1848 dürfte diese Ähnlichkeit entgangen oder egal gewesen sein. Beim Nationalmuseum hörten schon 10.000 Menschen einer Rede Petőfis zu. Beim Rathaus angekommen, schlug sich der Rat auf ihre Seite und brachte das Stadtsiegel an den zwölf Punkten an. Dann strömte die Menge über die Donau nach Buda, um vom Statthalterrat die Freilassung des politischen Gefangenen Mihály Táncsics zu verlangen. Obwohl der Sprecher, wie sich Petőfi später erinnerte, „so untertänig und zitternd gestammelt“ habe „wie ein Schuljunge vor dem Lehrer“, knickten die Habsburgischen Exzellenzen sofort ein. Ein erregtes Meer von mittlerweile 20.000 Menschen war in der Doppelstadt mit 145.000 Einwohnern ein furchteinflößendes Argument. Von der italienischen Garnison, die sich schon mit den Ungarn verbrüdert hatte, war kein Widerstand zu erwarten.
Noch am gleichen Tag brach eine Delegation mit dem Donaudampfschiff nach Wien auf, um die Forderungen dem Hof und seinen Ministern vorzulegen. In der Hauptstadt war ebenfalls Revolution. Der leitende Minister Metternich, das Haupt der europäischen Konservativen, war zurückgetreten und geflohen. Doch obwohl Kaiser Ferdinand eine Verfassung gewährte, ging sein Entgegenkommen weder den deutschstämmigen noch den ungarischen Revolutionären weit genug. Es kam zum Bürgerkrieg, in dem Ungarns Nationalheld Lajos Kossuth die Truppen des Landes organisierte. Petőfi fiel am 31. Juli 1849 in der Schlacht bei Segesvár. Sein Leichnam wurde nie gefunden. Doch der 15. März ist heute Nationalfeiertag.
Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an
Source: welt.de