Als Mark Twain vom Hochrad fiel

Hochräder waren mal der Hit – und verhießen Jugend. Also musste sich auch der Schriftsteller Mark Twain eines anschaffen. Später schrieb er sogar einen Essay: „Wie man das Hochrad zähmt“. Sein Tipp: Hauptsache weich fallen.

Dieses Tier war ihm über. Er versuchte es auszutricksen, doch es war wie ein wildes Fohlen und warf ihn dauernd ab. Darüber musste er schreiben, schon um dieses nervige Scheitern zu kompensieren. Mark Twain war abenteuerlustig, auch wenn manches dabei schiefging – wie seine Investitionen in eine Druckerpresse. Mit seinen patentierten, von ihm erfundenen Spielen war er nicht erfolgreicher. Er besaß das erste Telefon der Stadt und fluchte über die Mängel beim Sprechen. Dennoch wollte er immer Neues wagen.

In den frühen 1880ern sah man sich umgeben von Reklame für Hochräder. Gepriesen wurde ein rollendes Spinnennetz als Ersatz für Pferde: immer sattelfertig und ohne Futterkosten, manchmal saßen Ritter darauf. Und der Amerikaner Thomas Stevens begann gerade seine große Umradelung der Welt auf einem solchen Hochrad. Twain musste auch diese Novität erkunden. In der Nähe seines fabulösen Hauses in Hartford /Connecticut lag die wichtigste Fahrradfabrik des Landes. Hier kaufte sich der Autor am 10. Mai 1884 für 142,50 Dollar ein Hochrad mit einem Durchmesser von 1,27 m. Es war eigentlich für Kinder gedacht. Wenige Stunden zuvor war dem knapp Fünfzigjährigen schmerzhaft bewusst geworden, dass er nun alt war und dass er sich eine Brille kaufen musste. Radfahren aber verhieß Jugend.

Nun beginnen viele schweißerfüllte Stunden in einer Radfahrschule, zunächst mit einem „Experten“. In Twains Essay „Wie man das Hochrad zähmt“ erfährt man, was dazu nötig ist: ein Experte und „Pond’s Extract“, die beliebte Heilsalbe aus der Zaubernuss. Zuerst lernt man das Absteigen, aber Twain stellt erfreut fest, dass er dies auch ohne den Experten kann und zwar sogleich.

Und so geht’s weiter, ein Sturz jagt den anderen, der Schüler muss zwischendurch ins Krankenhaus, während der Experte sich erholt. Denn die Devise Twains lautet, man müsse nur immer auf etwas Weiches fallen: „Manche Leute empfehlen ein Federbett, aber ich finde Experten besser.“

Beim nächsten Anlauf bringt der Experte Assistenten mit, die als Marschsäule den Radler begleiten. Weitere Kämpfe mit dem bockigen Rad, peinliche Begegnungen mit Pferdewagen, einem verächtlich beobachtenden Knaben. All dies muss durch Aufschreiben gebändigt und weggelacht werden. Diesem Anfang jedenfalls wohnt kein Zauber inne, wohl aber viel Salbe von der Zaubernuss.

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In den 1880er-Jahren wurde das Fahrrad zum Prüfstein gerade für die ältere Generation um die 50, von Tolstoi bis H.G. Wells. Sie mussten eine völlig neue Körpersprache lernen, die ihnen das Gleichgewicht nur durch fortdauernde Bewegung ermöglichte. Ein Fortschrittsmenetekel, dieses Fahrrad: Wer sich nicht bewegt, stürzt ab. Da steht (und fällt) Körperroutine gegen Naturgesetz, Trägheit gegen Schwerkraft, so wie das Wort vom „Sonnenaufgang“ weiterhin die kopernikanische Wende verleugnet.

In Twains Roman „Ein Yankee an König Artus’ Hof“ (1889) bildet der durch einen Zeitsprung ins Mittelalter versetzte Yankee 500 Hochradfahrende Ritter aus, die dort für Schrecken sorgten. Twain war übrigens der Meinung, dass es leichter sei, das Radfahren zu erlernen als die deutsche Sprache, denn von dieser könne man nicht richtig herabfallen, wo doch der Sturz der beste Lehrer sei. Am Schluss seines Essays verkündet er: „Nimm ein Hochrad. Du wirst es nicht bereuen, falls du es überlebst.“ Twain selbst aber gab sein Hochrad auf und kaufte sich ein Tricycle.

Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.

Von Elmar Schenkel erschien 2007 das Buch „Cyclomanie. Fahrrad und Literatur“ (Edition Isele).

Source: welt.de

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