Als jener Soldat fragt, ob sich allesamt von Russland bedroht wahrnehmen, herrscht Stille im Kursraum

Jugendoffizier Robin Bräuer erklärt Schülern die Rolle der Bundeswehr. Es geht um große Fragen und um persönliche Erfahrungen. Manche kritisieren die Werbung für die Truppe. Die jungen Männer und Frauen einer 13. Jahrgangsstufe nehmen eine andere Erkenntnis mit.

Es ist drei Minuten nach zehn Uhr, als sich der Hauptmann der Luftwaffe Robin Bräuer im Kursraum einer 13. Jahrgangsstufe vor den Tischen in der ersten Reihe positioniert, seine Dienstmütze abnimmt, unter den Arm klemmt, das Kreuz durchstreckt. Das Gemurmel verstummt, Stühle rücken. Hinter Bräuer wirft ein Beamer das Thema der Stunde an die Tafel. „Kernauftrag und Aufgaben der Bundeswehr“.

Bräuer wird hier einen Vortrag über Sicherheitspolitik halten. Lehrerin Heide Padberg, die in einer hinteren Reihe Platz nimmt, hat ihn eingeladen. Tatsächlich hat das, was sich in den nächsten 90 Minuten abspielen wird, auch etwas von einem Showauftritt.

Robin Bräuer ist hier, weil er für die Bundeswehr als Jugendoffizier im Einsatz ist. Das sind speziell ausgebildete Soldatinnen und Soldaten, die den Auftrag haben, über die Arbeit der Bundeswehr zu informieren. Sein Vortrag handelt von großen Fragen: Welche Rolle spielen Europäische Union, Nato, Vereinte Nationen oder die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa? Und was bedeutet deutsche und europäische Sicherheitspolitik für die Menschen hierzulande?

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Was sich die Schüler aber vor allem fragen, zumindest berichten dies einzelne im Nachgang, ist: Was ist das eigentlich für ein Typ, dieser Soldat Bräuer? Eines kann man sicher sagen: er irritiert. Bräuer trägt eine Uniform mit großen silbernen Knöpfen und Schulterklappen. Sein Haar ist derart akkurat und mit reichlich Wachs gescheitelt, dass man darin einzelne Kammspuren noch von weitem erkennen kann. Aber dann erzählt er von seinem Sohn, den er nachts umherträgt, um ihn in den Schlaf zu bringen. „Er ist fünf Wochen alt. Wenn ich also ein bisschen zerknittert aussehe heute, dann liegt das daran, dass unsere Nächte gerade echt hart sind.“ Die Schüler lachen.

Der 30-Jährige hält Vorträge in Schulen ab Jahrgangsstufe neun, aber auch vor den Belegschaften von Unternehmen, einmal lud ihn sogar ein Kleingartenvereinen ein. Ursprünglich eingeführt im Jahr 1958 hatten Jugendoffiziere die Mission, die Akzeptanz für die Wiederbewaffnung Deutschlands nach dem Nato-Beitritt der Bundesrepublik zu fördern. Um Nachwuchswerbung gehe es bei seiner Arbeit aber gerade nicht. Im Gegenteil, das sei ihm ausdrücklich verboten, schickt Bräuer vorweg.

Und da ist auch schon die zweite Irritation. Er weiß: Die Schüler, die vor ihm sitzen, gehören einer Sportprofil-Klasse an. Bräuer will das Eis brechen und bekennt sich als „Disko-Pumper“. Ein abwertender Begriff für jene, die nicht aus sportlicher Motivation trainieren, sondern um in Clubs optisch zu imponieren. Wer von ihnen auch pumpe, fragt er. Ein Schüler meldet sich. „Und, was ist dein Bench PR?“, also sein Personal Record beim Bankdrücken, will der Offizier wissen. „Hundert“. Und Bräuer: „Nicht schlecht.“

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15 Schüler und drei Schülerinnen der Stadtteilschule Alter Teichweg, eine Durchschnittsschule im Hamburger Osten, hören ihm aufmerksam zu. Schnell wird klar: Bräuer streift dabei Themen, die auch in ihre Leben hineinragen. Der Soldat spricht gerade mal 20 Minuten, über unterschiedliche Einsatzgebiete, spannt den Bogen von der Flutkatastrophe im Ahrtal bis nach Afghanistan, als er schließlich auf die Zeitenwende-Rede des damaligen Kanzlers Olaf Scholz zu sprechen kommt. Bräuer fragt: „Wie ist das: Habt Ihr das Gefühl, dass sich dadurch auch für euch etwas verändert hat?“ Vier Schüler melden sich. Einer sagt, er fühle sich bedroht von Russland. „Warum?“, will der Uniformierte wissen. „Weil zum ersten Mal in der Geschichte der Bundeswehr einer ihrer Partner angegriffen wurde“, antwortet dieser. „Seht Ihr das alle so?“, fragt Bräuer den Kurs. Stille. „Ok. Also ich persönlich sehe das ebenso. Aber ich kenne Leute, die sehen das anders. Beides ist ok.“

Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wird der Jugendoffizier deutlich öfter angefragt. In anderen Bundesländern, erzählt er im Anschluss an den Vortrag in seinem Büro, hätten sich die Anfragen zum Teil verdoppelt. Er räumt Kartons zur Seite, um Platz zu nehmen, sein Büro, das er sich mit einem anderen Jugendoffizier teilt, zieht um. Hamburg sei mit seiner Historie als Freie und Hansestadt seit jeher eher verhalten, was die Zusammenarbeit mit Referenten wie ihm angeht, hier sind die Anfragen lediglich um etwa zehn Prozent gestiegen.

Einige Bundesländer haben Kooperationsverträge mit der Bundeswehr geschlossen, zum neuen Schuljahr hin will die Stadt Hamburg erstmals auch einen unterzeichnen. In der Präambel des Entwurfs heißt es, die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Bildungseinrichtungen, vor allem den Schulen, und den Einrichtungen der Bundeswehr, insbesondere den Jugendoffizieren, soll unterstützt, gefördert und verstetigt werden.

Doch schon jetzt sind die Leitlinien für Bräuer klar geregelt. Wie für Lehrkräfte gilt auch für ihn der Beutelsbacher Konsens, das zentrale Regelwerk der politischen Bildung. Konkret bedeutet das, erstens: Er darf Zuhörer nicht mit einseitigen Meinungen indoktrinieren. Zweitens: Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Vortrag als kontrovers benannt werden. Und drittens: Bräuer soll seine Zuhörer dazu befähigen, sich ihr Urteil selbstständig bilden zu können.

Im Unterricht zeigt sich das, als es etwa um den Jugoslawienkrieg geht. Ein Schüler meldet sich. „Da flog die Bundeswehr auch Lufteinsätze, das war sehr umstritten.“ „Richtig“, sagt Bräuer. „Am Ende hat das dazu geführt, dass Milosevic hinter Gitter gebracht wurde. Aber du hast vollkommen recht. Völkerrechtlich war das gelinde gesagt hoch umstritten, wenn nicht sogar völkerrechtswidrig. Aber: Das Parlament hatte uns diesen Auftrag gegeben.“

Ein Schüler fragt nach einem Beispiel für Überwachungsaufgaben der Bundeswehr. Bräuer berichtet von einem Vorfall in Estland aus dem September vergangenen Jahres. „Da ist ein russischer Kampfjet vorsätzlich und ohne Anmeldung in den estnischen Luftraum geflogen. Das passiert, durchschnittlich in den letzten zehn Jahren ungefähr einmal die Woche im Nato-Luftraum.“ „Und warum machen die das?“, fragt eine Schülerin. „Gute Frage. Ich glaube, um zu teasen. Um zu schauen: Wie lange braucht ihr, bis ihr zu mir hochkommt? Welche Bewaffnung habt ihr dabei? Guckt mal, diese Bewaffnung habe ich dabei. So was.“ „Und was macht die Bundeswehr dann?, fragt ein anderer. „Sie geleitet diese russischen Flugzeuge aus dem Nato-Luftraum heraus.“

„Als Soldat ziehst du ziemlich viel Scheiße“

Schließlich fragt ein Schüler ihn nach persönlichen Erfahrungen. Bräuer erzählt, dass er lange für die Lagebearbeitung zuständig war, von 2018 bis 2021. Die silberne Ansteck-Eule auf seiner Brust kennzeichnet ihn als Offizier des Nachrichtenwesens. „Auf den Aufklärungsergebnissen, etwa aus Afghanistan, war in Text, Foto und Video alles zu sehen – von gesprengten Gebäuden bis hin zu gesprengten Menschenkörpern. Was ich damit sagen will: Als Soldat siehst du ziemlich viel Scheiße.“ Nicht jeder kehre aus diesen Auslandseinsätzen zwangläufig traumatisiert zurück, sagt er. „Aber jeder muss sich nach solchen Einsätzen damit auseinandersetzen, was er oder sie getan oder gesehen hat.“

Seine Direktheit kommt gut an bei den Schülern. Aber außerhalb hat Bräuer auch Gegner. Krieg ist kein Spiel und das Werben dafür sollte nicht im Schutzraum Schule stattfinden, sagen sie. Einer der größten Kritiker ist die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Mit Sorge beobachte man, dass sich die Bundeswehr verstärkt um größeren Einfluss in den Schulen bemühe, heißt es dort. „Diese verstärkten Aktivitäten fallen in eine Zeit, in der die Auslandseinsätze der Bundeswehr im Rahmen von Nato- und UN-Mandaten verfassungsrechtlich umstritten, politisch immer fragwürdiger und von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden. Gleichzeitig hat die Bundeswehr Nachwuchssorgen und junge Menschen hoffen in der aktuellen Wirtschaftskrise auf die Bundeswehr als Arbeitgeber“, sagt Sven Quiring, Vorsitzender der GEW Hamburg.

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Lehrerin Heide Padberg (46) kennt den Standpunkt der Lehrergewerkschaft. Ihre Sorge teilt sie nicht. Der Jugendoffizier sei kein Recruiter, sondern habe die Aufgabe, Schüler aus erster Hand zu informieren. Besonders hinsichtlich der aktuellen Umwälzungen in der Nato und der Rolle der Bundeswehr innerhalb des Verteidigungsbündnisses baue sein Vortrag auf dem auf, was sie zuvor mit den Schülern im Fach Politik-Gesellschaft-Wirtschaft (PGW) erarbeitet habe. So wie Bräuer könnte sie die Inhalte selbst nicht vermitteln, sagt sie. Was für sie aber viel entscheidender ist: „Er kommuniziert mit den Schülern auf Augenhöhe und geht auf ihre Sorgen und Fragen ein.“

Das, was Robin Bräuer den Schülern berichtet, ist das Gegenteil von dem, was sie gemeinhin über TikTok oder Youtube erfahren, sagt einer. „Es ist verdammt schwer auf diesen Plattformen herauszufinden: Was davon kann ich jetzt glauben und was nicht?“ Bräuer nickt. Die Gen Z als desinteressierte und ahnungslose Generation von sogenannten Head Downern, die tumb allem Glauben schenken, was ihnen der Algorithmus ihrer Smartphones auftischt: Dieses Klischee wird hier widerlegt.

Und auch Bräuer bricht mit Erwartungen. Etwa mit dem Männerbild, das er verkörpert. Das sei ihm wichtig, sagt der 30-Jährige, als er in seinem mit Büchern und Bannern vollgestellten Büro sitzt. Es sei höchste Zeit, dass die Gesellschaft ihre Vorstellung von der Truppe als Haufen testosterongesteuerter Prolls korrigiere. Er liebt seine Arbeit, gegenüber seinem Arbeitgeber empfindet er „unerschütterliche Loyalität“.

Dennoch geht er mitunter hart mit der Bundeswehr ins Gericht. Er plant, sie im Jahr 2029 zu verlassen. Dann stünde der nächste Schritt in einen höheren Dienstgrad an, wofür er jedoch häufigere Ortswechsel in Kauf nehmen müsste. Für Bräuer, der auch seiner Vaterrolle gerecht werden will, kommt das nicht in Frage. Das starre, hierarchische, nach Dienstposten und Besoldungsgruppen aufgebaute System sieht er kritisch. Es sei zutiefst beamtisch und mache die Truppe unflexibel. „Aus meiner persönlichen Meinung heraus halte ich das für nicht klug. Jedenfalls nicht, wenn man sagt, man bereitet sich auf den Verteidigungsfall vor.“

Und auf einmal drehte sich die geopolitische Lage

Was hat ihn als junger Mensch angesprochen bei der Bundeswehr? „Das absolut Falsche. Ich bin wegen des Geldes gekommen“, sagt Bräuer. In 2013, zwei Jahre nach Aussetzen der Wehrpflicht, ließ er sich auf einem Infostand der Bundeswehr den Vertrag für eine zunächst 13-jährige Verpflichtung ausdrucken. Unterschreiben mussten ihn seine Eltern, Bräuer war, trotz Abitur in der Tasche, erst 17.

Er erinnert sich, wie sich zehn Jahre später – das Master-Studium in Geschichte mit einem Master in Kriegswissenschaften hatte er mittlerweile abgeschlossen – die geopolitische Lage gedreht hatte. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022. Und plötzlich veränderte sich etwas. Der Bundestag debattierte über die Frage, welche Waffensysteme Deutschland seinem Bündnispartner liefern solle. 18 Monate später, im Oktober 2023, sagte der deutsche Verteidigungsminister in einem Interview, Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden. Und viele Deutsche, die bislang gegenüber der Bundeswehr ein „freundliches Desinteresse“ pflegten – so formulierte es Bundespräsident Horst Köhler 2005 einst treffend – merkten: Es ist doch nicht so schlecht, eine Armee zu haben.

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Bei der Truppe geblieben ist Robin Bräuer schließlich aufgrund anderer Gründe. „Demut und Disziplin“, sagt er. „Für sich und andere Verantwortung zu übernehmen, in einem großen Kontext und unter widrigsten Bedingungen. Das lernst du nur bei uns.“ Nach 13 Jahren verlängerte er seine Dienstzeit um weitere drei Jahre. Dass bei seinen Vorträgen häufig kritische Fragen kommen, liegt für ihn in der Natur der Sache. Einmal habe ihn ein Neuntklässler gefragt, was er tun würde, wenn die AfD in eine Regierungsfunktion käme. Da war Bräuer baff und musste erst einmal überlegen. Häufiger wird ihm die Frage gestellt, ob er schon mal getötet habe. „Nein“, sagt er dann. „Aber das ist Teil unseres Jobs: Wir müssen töten können, um nicht töten zu müssen.“

Zurück im Klassenraum. Bräuer ist am Ende seines Vortrags angelangt. Eine letzte Sache gibt es noch: „Seit Jahresbeginn müssen die Männer unter Euch ab 18 einen Fragebogen der Bundeswehr ausfüllen. Die Frauen können das tun, müssen aber nicht.“ Einer fragt: „Was mache ich, wenn ich ganz sicher als untauglich eingestuft werden möchte?“ Bräuer antwortet. „Dann trägst du bei Größe 1,50 Meter ein und bei Gewicht 300 Kilo.“ Die Klasse lacht und Bräuer bedankt sich für die Aufmerksamkeit.

„Ich finde, zu dienen macht Sinn. Für mich, für mein Land, für uns alle.“

Die Schüler Joseph und Imad teilen beim Verstauen ihrer Schulsachen ihre Eindrücke. Spielen sie mit dem Gedanken, zur Bundeswehr zu gehen? „Ja, ich glaube, für mich wäre da tatsächlich was dabei“, sagt Imad (18). Aber er wisse noch nicht genau, welcher Bereich ihn im Besonderen interessieren würde. Joseph möchte eine Grundausbildung absolvieren. Warum? „Ich finde, zu dienen macht Sinn. Für mich, für mein Land, für uns alle.“ Wie lautet ihr Urteil über den Referenten? „Geradeaus, klar, authentisch. Guter Typ.“

Eva Eusterhus berichtet seit 2006 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg.

Source: welt.de

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