Als Harry Mulisch den Basketballer Fidel Castro bewunderte

Kuba war mal sehr angesagt bei westlichen Intellektuellen. Auch der Niederländer Harry Mulisch gehörte zu den Schriftstellern, die sich vom Castro-Regime einladen ließen. 1968 traf er Fidel Castro und staunte über dessen Athletik.

In den 1960er-Jahren galt Kuba für progressive Europäer als das gelobte Land. Der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch (1927–2010) nennt es in seinem Meisterwerk „Die Entdeckung des Himmels“ (1992) sogar eine „Filiale des Himmels“. Als Spross einer vom Holocaust betroffenen Familie sah Mulisch im kommunistischen Experiment in der Karibik den ultimativen Sieg über den Nationalsozialismus. „Von Eichmann habe ich gelernt, wohin Rechtsradikalismus führt; von Fidel Castro, was man dagegen tun kann“, schrieb Mulisch 1968 in seinem Reisebericht „Het woord bij de daad“ (Den Worten Taten folgen lassen).

Im Januar 1968 nahm Mulisch am Congreso Cultural de La Habana teil. Das war eine groß angelegte Veranstaltung in der Hauptstadt Havanna, zu der 500 Prominente aus aller Welt eingeladen waren, darunter intellektuelle Größen wie Mario Vargas Llosa, Susan Sontag, Italo Calvino und Hans Magnus Enzensberger. Die niederländische Delegation war bereits Ende Dezember 1967 in Kuba eingetroffen. Mulisch und seine Kollegen hatten Silvester im Nachtclub La Tropicana in Havanna gefeiert. Dort war eine Show organisiert worden – Jungen und Mädchen mit Federkopfschmuck hatten getanzt und um Mitternacht die Internationale gesungen.

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Am 1. Januar folgte auf dem Platz vor der Kathedrale ein Abendessen, während zeitgleich eine revolutionäre Oper gegeben wurde, mit Chören aus den Fenstern der umstehenden Häuser. Mulisch hielt die Show zwar für etwas übertrieben, doch Propaganda wollte er darin nicht erkennen. Später hat man ihn sagen hören, dass die Kubaner ihm „jeden Abend schöne Frauen seiner Wahl zur Verfügung gestellt hatten“.

Der Máximo Líder am Ball

Einmal, in einem Hotel, traf Mulisch auch unerwartet auf sein Idol, den Revolutionsführer Fidel Castro: „Eine kräftige, athletische Gestalt, einen Kopf größer als die anderen, 1,85 Meter groß, 104 Kilo schwer und dabei ein wenig schüchtern“, notierte der Schriftsteller in seinem Reisebericht. Ein anderes Mal sah Mulisch zu, wie der Máximo Líder eine Partie Basketball spielte. „Alle ließen sich von Zeit zu Zeit auswechseln, nur Fidel nicht. Geschickt umspielt von den schnellen schwarzen Jungs (…) erzielte er persönlich 24 Punkte, ohne dass ihm der Ball speziell zugespielt wurde, denn darauf habe ich geachtet.“  

Nach dem Spiel kam es zu einem persönlichen Gespräch. Castro hatte vor seinen Fans Platz genommen und begonnen, Orangen zu essen, die seiner Meinung nach „vorläufig noch zu teuer“ waren, um in Europa mit den israelischen konkurrieren zu können. Mulisch bemerkte: „Aber in Kuba werden sie einmal kostenlos sein.“ Nach dieser Einlassung „stand Castro auf, kam direkt vor mich hin und sagte: ‚Ja, warum nicht?‘“ Viel mehr wusste der sonst so redselige Mulisch mit Castro allerdings nicht zu parlieren. Er notierte: „Ich muss zugeben, dass ich jedes Mal Sand im Mund habe, wenn er mit mir spricht.“

Zurück in den Niederlanden trat Mulisch im Folgenden als Kuba-Unterstützer in Erscheinung, auch in den Medien. Als „Het woord bij de daad“ erschien, schickte er ein Exemplar an Castro – mit Widmung: „Mit Bewunderung für den Kommandanten Fidel Castro, der mit seinem kubanischen Volk einen Sprung nach vorn gemacht hat, nicht von hundert, sondern von tausend Jahren!“ Dass Kuba sich von einem linken Versprechen zu einer Diktatur entwickelt hatte, mochte Mulisch bis ins hohe Alter nicht öffentlich eingestehen. Stattdessen beschrieb er es so: Die Liebe sei vorbei, „aber man hegt immer noch Zuneigung für die warmen Gefühle von einst“.

Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.

Source: welt.de

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