In Frankfurt brennt ein Hochhaus. 13 Menschen sterben. Das Dämmmaterial war schuld. Keiner will die Verantwortung übernehmen. Melika Foroutan und Edin Hazanovic, das neue Frankfurter „Tatort“-Team, sind schon jetzt das beste, was dem Sonntagabendkrimi passieren konnte.
Gebäudedämmung ist super. Hilft der Umwelt, hilft den Vermietern, der Regierung, hilft den Unternehmen, die Dämmmaterial herstellen, und denen, die es anbringen. So ist der Plan. Blöd nur, wenn was schief geht. Wenn billiges Zeug verbaut wurde. Und es Feuer fängt.
Dann brennen Hochhäuser, dann sterben Menschen. Und man hat wieder diese Bilder. Und die Videos. Wie die vom Grenfell Tower in London (72 Tote) und vom Wang Fuk Court in Hongkong (sieben brennende Wohntürme, 168 Tote). Dann gibt es einen Untersuchungsausschuss. Die gehen gern aus wie das Hornberger Schießen, diese Ausschüsse. Gerechtigkeit, sagt der Kommissar Hamza Kulina, gibt es manchmal nicht.
Das ist am Ende von „Fackel“, der dritten „Tatort“-Ermittlung für Kulina und seine Kollegin Maryam Azadi. Die wurden – das ist der Gründungsmythos des neuen Frankfurter „Tatort“ – wegen immer noch undurchsichtiger Vergehen in den neonbeschienenen, klandestinen Keller der Frankfurter Polizeizentrale abgeschoben und sollen sich um Fälle kümmern, um die sich sonst kein Mensch mehr kümmert.
In „Fackel“ ist es erstmal finster. Es ist Nacht über Frankfurt. Dann britzelt ein Kurzschluss im Dunkeln. Etwas fängt Feuer. Eine Wand brennt. Dann geht ein Zimmer in Flammen auf, dann ein ganzes Hochhaus. Der Goliath-Turm wird zur Fackel. 13 Menschen sterben.
Fünf Jahre später sitzt Steffen Böttcher, der Chef von Styvex, eines Unternehmens, das Polystyrol herstellt, in einem Ausschuss. Polystyrol ist Dämmmaterial. Nicht das teuerste. Zugelassen bis zu einer Gebäudehöhe von 20 Metern. Der Goliath maß über fünfzig Meter.
Die Mutter, die starb
Das tue ihm alles sehr leid, sagt Steffen Böttcher (Stephan Luca) im Ausschuss. Aber eine Verantwortung für das, was Firmen mit seinem Zeug veranstalten (Polystyrol ist der Verkaufsschlager von Styvex), lehnt er ab. Draußen vor der Tür wird er angeschrien, bespuckt. Eine Frau stellt sich ihm in den Weg, deren Mutter im Goliath starb.
Almila (Seyneb Saleh) ist Hamza Kulinas erste große Liebe. Sie passt ihn am Mahnmal für die Opfer ab. Überwiegend migrantischer Herkunft. Sozialer Wohnungsbau. Hamza kommt von da. Seine Mutter lebt um die Ecke. Hamza soll Almila helfen. Es sind noch fünf Tage, bis es vorbei ist mit dem Ausschuss. Und es gibt noch so viele offene Fragen. Hamza seufzt. Er gräbt sich im Polizeikeller ein in Almilas Akten.
Und jetzt könnte ein klassischer Sonntagabendkrimi beginnen. Einer jener Werhatsgetan-Fälle, bei denen man zwischendurch mit dem Hund ums Eck gehen könnte, weil man die Verhördialoge sich selbst schreiben kann und schon nach gut zehn Minuten ganz genau weiß, wohin was geht und dass der Kapitalist der Teufel ist. Den Hund sollte man in diesem Fall besser im Körbchen lassen.
So leicht macht es „Fackel“ niemandem. Regisseur Rick Ostermann hält seinen zweiten Film mit dem neuen Frankfurt-Team mit einem extremen Gefühl fürs Leise, fürs Sanfte erfolgreich von allem Spekulativen und Klischierten fern. Was ihm nicht ganz so schwergefallen sein dürfte, weil Tom Schilling, der Schauspieler und Musiker, ihm zusammen mit Sebastian Heeg ein Skript an die Hand gab, das eines der sensibelsten, feinsten Katastrophendramenbücher der „Tatort“-Geschichte sein dürfte. „Fackel“ ist Schillings erstes Drehbuch. Sollte nicht sein letztes sein.
Hamza nimmt im Keller Almilas Material, sortiert es neu, hängt es an das Flipchart an der Wand, wie man das so macht in Polizeirevieren im gerade noch analogen Zeitalter. Sucht Verbindungen. Tut so, als sei es ein Fall. Und stößt auf einen Materialprüfer, der vor dem Ausschuss nicht aussagen konnte, weil er sich vor Jahren das Leben genommen hatte. So stand es jedenfalls in der Akte. Hamza kommt die aber komisch vor, zu dünn, zu hastig verfasst.
Durch diesen Seiteneingang betreten Hamza und Maryam ein geradezu mehrstöckiges Labyrinth aus Verschwörung und Vertuschung, in dem sich Politiker herumtreiben, Polizisten, Unternehmer. Ein Minister mischt sich ein, man sieht ihn aber nicht, sieht nur die Limousinen vorfahren vor dem Kommissariat.
Schillings Perspektive ist eine radikale Opferperspektive, eine radikal persönliche, unsentimentale. Und Hamza ist die Sonde, mit der er unterwegs ist im verbrecherischen Dämmdschungel. Eigentlich ist er ein ganz ein Ruhiger, der Bosnier. Jetzt aber ist er ständig auf Zinne, muss von Maryam ein ums andere mal eingefangen werden.
Diese Warmherzigkeit, dieser Respekt
Wie Melika Foroutan und Edin Hazanovic diese Figuren führen, wie sie ihre Sätze atmen, als hätte sie ihnen niemand geschrieben, als seien sie gerade in dem Moment Maryam und Hamza, ist so umwerfend wie menschennah und ziemlich einmalig im Sonntagabendkrimi. Wie improvisiert probieren die beiden Verhöre, reagieren auf den jeweils andern, biegen ab, wenn sie merken, der andere verläuft sich gerade, scheren ein in Lücken, die der andere lässt.
Sie verbindet ein Respekt, eine Warmherzigkeit, wie es sie zwischen zwei Sonntagabendkrimikommissaren nie gab. Man wünscht ihnen schon jetzt, dass niemand auf die Idee kommt, dieses Verhältnis auf eine andere Ebene abbiegen zu lassen.
Hamza und Maryam werden verfolgt, bedroht. Es stirbt jemand. Der Unternehmer isst eine sehr gesunde Thunfischbowl, die ihm seine treusorgende Gattin hingestellt hat. Die ist ein bisschen überinstrumentiert, was – abgesehen davon, dass der Name von Almilas Mutter nicht unbedingt übersetzt Funke oder Glut hätte bedeuten müssen – allerdings so ziemlich das einzige Manko von „Fackel“ ist.
Wenn es vorbei ist, wenn der Ausschuss aus und das Böse überführt ist, sollte man nicht sofort mit dem Hund raus. Oder vielleicht doch. Es folgt nämlich ein Fanal. Und Eva Cassidy singt vom armen wandernden Fremden, der über den Jordan geht ins helle Land, seine Lieben zu sehen, die vor ihm waren. Wer dabei nicht nach dem nächstgelegenen Taschentuch greift, den sollte man sofort entfreunden.
Source: welt.de