Der Althistoriker Aloys Winterling war ursprünglich Frühneuzeitler. Seine Promotion beschäftigte sich mit dem Hof der Kurfürsten von Köln. Eine Fallstudie zur Bedeutung „absolutistischer“ Hofhaltung – so lautete der Untertitel. Und schon damals machten die Anführungszeichen deutlich, dass sich hier jemand nicht mit tradierten Beschreibungskategorien zufriedengab, sondern nach neuen Semantiken suchte. Wenn man so etwas wie einen beruflichen Leitgedanken feststellen will, dann wäre es bei Winterling die Skepsis gegenüber einer unreflektierten Anwendung moderner Begriffe bei der Beschreibung von Vergangenheit. Diesem Leitgedanken ist dieser für die Verhältnisse seines Fachs überdurchschnittlich theorieinteressierte Historiker gefolgt, auch nach dem epochalen Spurenwechsel zur Antike.
Rolf Rilinger, der früh verstorbene Bielefelder Althistoriker, vermittelte den jungen Hof-Experten Mitte der Achtzigerjahre nach München zu Christian Meier. Hier vertiefte Winterling sich in die alles entscheidende Frage nach der Eigenart antiker Verhältnisse, hier habilitierte er sich nicht nur über den kaiserzeitlichen Hof, die „Aula Caesaris“, sondern arbeitete auch seinen distinkten Theoriestandpunkt aus. Auf Meiers Erkenntnisse aufbauend, erkannte Winterling in der Antike die Wesenszüge einer stratifizierten, also auf akzeptierten Ehr- und Rangunterschieden basierenden sozialen Sortierung und brachte dieses Spezifikum auf die inzwischen breit rezipierte Formel einer „politisch integrierten“ Gesellschaft.
Anerkennung und Widerstand
Damit übersetzte er den eingängigen Meier-Satz „Wer adlig war, trieb Politik, und wer Politik trieb, war adlig“ in die Welt der Soziologie, deren Rezeption durch Winterling nicht nur von Max Weber, sondern zunehmend auch durch die Lektüre Niklas Luhmanns bestimmt wurde. An dessen systemtheoretischen Analyseangeboten orientierte sich Winterling auch beim Verfassen seiner erfolgreichen Biographie über den römischen Kaiser Caligula, deren angebliche Verrücktheit er als Kennzeichen einer doppelbödigen Kommunikation dechiffrierte. Damit gelang Winterling der Coup einer theoretisch inspirierten und gleichzeitig dramaturgisch aufregenden Darstellung.
Seine akademischen Stationen in Bielefeld, Freiburg, Basel und schließlich Berlin bezeugen die hohe Anerkennung, die diesem Forscher entgegengebracht wurde, auch wenn oder gerade weil seine theorietiefen Thesen im Fach durchaus auf Widerstand stießen. Wer bei Winterling erst im Proseminar und später im Doktorandenkolloquium sitzen durfte, der wurde von einem Lehrer unterrichtet, dem es mit seinem Fach und den daraus abgeleiteten Theoriefragen Ernst war und der sich stets mehr für die Kompliziertheit der Erkenntnis als für thesenhafte Schnellschüsse interessierte – das unterschied und unterscheidet Winterling bis heute. Und so ist auch der Band seiner Abschiedstagung über die Potentiale der Systemtheorie für die Beschreibung antiker Gegenwarten an der Berliner Humboldt-Universität „der Komplexität der vormodernen Welt gewidmet“.
In einem kurzen Abschlusskapitel macht Winterling „Vorschläge zur Weiterarbeit“ und verweist insbesondere auf die Aufgabe, die Antike zu „re-klassifizieren“. Heißt: sich nicht zu sehr in die geographischen und zeitlichen Peripherien (etwa der Spätantike) zu verlieren, sondern unserer Gegenwart ihre Differenz zu den Wesenszügen des klassischen Altertums vorzuführen – und diese Differenz nicht nur faktisch, sondern auch semantisch herauszustellen. Etwa dadurch, dass wir uns die Rede von einer „griechischen Demokratie“ oder einem „römischen Staat“ als Anachronismus bewusst machen. Wer wissen will, welche Begriffe sich stattdessen eignen, der muss das Gespräch mit dem so wachen wie wohlüberlegten Althistoriker suchen. Heute wird der passionierte Rhodos-Reisende und ehemals leidenschaftliche Gitarrist Aloys Winterling siebzig Jahre alt.
Source: faz.net