Alltag ohne Smartphones: Legt mal dasjenige Handy weg!

Ich gebe es zu: Selbst während ich diesen Text schreibe, ist mein Smartphone nicht weit. Es liegt gleich neben dem Laptop, im „Nicht stören“-Modus. Was natürlich ein Hohn ist, „nicht stören“. Ich gucke trotzdem ständig drauf. So groß ist die „fear of missing out“.

Jeder Blick zur Seite reißt mich aus dem Fluss, weil ich ständig in Alarmbereitschaft bin. Einen langen Text zu schreiben, braucht Ruhe, Zeit zum Nachdenken. Zeit, die Argumente zu wägen, ohne Ablenkung. Aber selbst aus dem Augenwinkel zwinkert das Handy meinem Belohnungssystem zu, wie eine sündige Verheißung: Schalte mich ein, vielleicht wirst du Wunder erleben!

Also schalte ich es ein, nur Wunder erlebe ich meistens nicht. Stattdessen werde ich nur noch atemloser und ungeduldiger. Wenn ich abends einen Film schaue, recherchiere ich nebenher über Photovoltaikanlagen oder google die Schauspieler, die ich gerade sehe. So als könne die Empörung darüber, dass Leonardo DiCaprio erst einen Oscar gewonnen hat, nicht auch bis morgen warten. Von DiCaprio ist es nicht weit zu James Cameron, wann lief eigentlich der letzte „Avatar“? Und wie viele Oscars hat der noch mal bekommen? Ein Funfact folgt dem nächsten, und schon ist wieder eine halbe Stunde Lebenszeit vergangen.

Auf langen Bahnfahrten ertappe ich mich dabei, wie ich das iPad noch im Frankfurter Hauptbahnhof aufklappe, um kurz meine Dienstmails zu checken, und als ich das nächste Mal hochschaue, bin ich schon in Erfurt. Den anderen Fahrgästen, die mit Kopfhörern im Ohr stundenlang auf ihre Displays starren, scheint es ähnlich zu gehen. Wenn sie in Berlin aussteigen, sehen ihre Gesichter nicht frisch und erholt aus, weil ihre digitalen Helfer ihnen so viel Arbeit abgenommen haben. Sondern grau und erschöpft.

Wie viele Menschen habe auch ich längst das Gefühl, dass es von allem zu viel ist; zu viel Internet, zu viele Bildschirme, zu viel Multitasking. Aber was soll man machen, sage ich mir dann: modern times. Und ich rede mir ein, dass es bei mir ja noch nicht so schlimm sei: Ich treibe mich selten in sozialen Netzwerken herum und habe auch keine Spiele auf dem Handy, sondern nutze meine Geräte meist für wichtige Dinge, für Recherchen zum Beispiel.

Meine Kinder durchschauen meine Argumentation sofort

Im Gegensatz zu meinen Kindern. Die bringen mich regelmäßig zur Weißglut, weil sie ständig auf Instagram sind und sinnlose Videos ansehen, bei denen jede Gehirnzelle sofort die Arbeit einstellt. Wenn ich ihnen entnervt das Handy wegnehme, gehen sie zum taktischen Gegenangriff über: Du bist doch auch ständig dran! Mag sein, sage ich dann mit pädagogischer Überlegenheit in der Stimme: Aber ich organisiere unser Leben damit und daddle nicht nur rum!

Meine Kinder lächeln dann milde. Denn natürlich durchschauen sie meine fade Argumentation sofort: Warum sollen sie ihr „gefährliches“ Handy weglegen, wenn ihre Eltern offenbar kein Problem damit haben, bis spätabends online zu sein? Um diese kognitive Dissonanz zu spüren, wie die Psychologen es nennen, muss man auf der Straße nur mal kurz die Augen vom Display heben. Viele empören sich über den fatalen Handykonsum der „Jugend“. Und dann schrauben sie schon Babys Tablethalter an den Kinderwagen. Oder auf den Spielplätzen, überall Eltern mit ihren Kleinkindern, und wenn die ihnen stolz ihren Sandkuchen zeigen, blicken sie nur kurz auf, toll gemacht, und tippen weiter. Es ist zwar ein schöner Selbstbetrug, es für edler zu halten, wenn man auf dem Handy täglich fünf Stunden das Leben „organisiert“ oder „die Weltlage checkt“ statt Elefantenbaby-Videos oder Influencer-Reels zu „suchten“. Aber es bleibt ein Selbstbetrug.

Was ich damit sagen will: Es ist gerade viel von einem Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche die Rede, wie Australien es kürzlich eingeführt hat, und das zu Recht. Die Gefahren, die den Heranwachsenden in den Netzwerken drohen, sind hinlänglich beschrieben: Hetze und Gewalt, Cybermobbing, soziale Isolation und Depressionen, Deepfake-Pornographie. Die Suchtgefahr ist enorm. Man muss nur mal mit Lehrern sprechen, und nicht nur mit solchen an Brennpunktschulen, um über das Ausmaß des digitalen Tsunamis erschüttert zu sein, der gerade eine ganze Generation überrollt. Auch kognitiv hat die Smartphone-Sucht drastische Folgen. Die Lesekompetenz, die Konzentrationsfähigkeit, die Bereitschaft, sich lange mit einem Thema zu beschäftigen, all das leide massiv, warnen Bildungsforscher.

Eltern sollten Vorbilder sein. Das sind sie oft aber nicht.

Viele Schulen versuchen mittlerweile verzweifelt, einen handyfreien Unterricht zu etablieren, aber oft ist es ein vergeblicher Kampf, weil manche Schüler heimlich ein Zweit- oder sogar ein Dritthandy haben, für den Fall, dass ihnen das erste weggenommen wird. Klassenarbeiten werden nicht mehr auf der Bank geschrieben, sondern immer öfter darunter, mit ChatGPT oder Claude, und wenn Lehrer ein Handy einkassieren, beschweren sich als Erstes die Eltern, weil sie ihr Kind nicht mehr rund um die Uhr erreichen können. Es gibt Teenager, die kaum noch vor die Tür gehen, weil sie nur noch in den digitalen Netzwerken abhängen und darüber vergessen zu essen oder sich im realen Leben zu verabreden. Andere verabreden sich zwar noch, sitzen dann im Park aber stumm nebeneinander und starren auf ihre Handys.

Zahlreiche Smartphones der Schülerinnen und Schüler liegen auf einem Tisch in der Graf-Anton-Günther-Schule (GAG).dpa

Selbst wenn die technischen Hürden hoch und die Möglichkeiten groß sind, die Sperren zu umgehen: Als Vater würde ich aufatmen, wenn Kinder und Jugendliche so spät wie möglich mit Smartphones und sozialen Netzwerken in Berührung kämen. Und auch als Staatsbürger, der das Ausmaß an Hetze und Manipulation, das die Köpfe unserer Kinder vergiftet, unerträglich findet. Mit Zigaretten oder Alkohol lassen wir sie auch nicht allein. Warum also mit den Gefahren des Internets?

Trotzdem ist es unehrlich, immer nur empört auf die amerikanischen Tech-Bros zu deuten, eine andere Gruppe aber aus der Verantwortung zu entlassen – die Eltern. Ja, es stimmt: Sie stecken in einem Dilemma. Als Vater kenne ich das nur zu gut: Man will seine Kinder schützen, aber auch nicht von ihren Freunden abschneiden, indem man ihnen Whatsapp oder Snapchat sperrt. Das Handy ist für sie ja nicht nur ein Gerät, es ist ihre Verbindung zur Peergroup. Mehr Bildschirmzeit, bitte, wir chatten gerade! Ausnahmsweise, zehn Minuten! Und am Ende sind sie doch wieder eine Stunde länger online als geplant.

Hinter diesem Dilemma kann man sich als Mutter oder Vater wunderbar verstecken, dabei ist es nur die halbe Wahrheit. Die andere ist: Wir interessieren uns oft viel zu wenig dafür, was unsere Kinder im Netz tun. Außerdem lernen sie von Vorbildern, und da versagen viele Eltern kläglich, leider auch ich. Denn natürlich sind wir Erwachsenen unseren Handys längst genauso verfallen, weil sie uns so unterhaltsam die Zeit vertreiben – und weil wir einer kollektiven Illusion unterliegen, die wir unseren Kindern vorleben: Wir glauben, dass es unser Leben besser macht, wenn wir überall alles machen können, und das gleichzeitig. Denn das ist ja das zentrale Versprechen der Smartphones, der Künstlichen Intelligenz und letztlich der ganzen digitalen Revolution: immer mehr in immer kürzerer Zeit erledigen zu können, um . . . – ja, wofür eigentlich? Um mehr Zeit zu haben, mit der wir dann aber nichts mehr anzufangen wissen? Um uns so lange beim Denken helfen zu lassen, bis wir irgendwann verlernt haben, es selbst zu tun?

Die Kontrolle zurückzugewinnen: Darum geht es.

Nach einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2024 wären 35 Prozent der Deutschen bereit, sich einen Chip implantieren zu lassen, um Krankheiten besser behandeln zu können – und sogar, um darauf ihren Führerschein zu speichern oder mit ihm die Haustür zu öffnen. Da klingt die transhumanistische Dystopie von Elon Musk oder Peter Thiel gleich noch beängstigender. Es sei verrückt, sagt der Kognitionswissenschaftler Markus Knauff von der Universität Gießen, wie die Menschen ihren Alltag schon jetzt immer enger mit der Maschine verknüpften. Er hält das für einen riesigen Widerspruch: von den Kindern und Jugendlichen digitale Auszeiten zu verlangen, dann aber mit dem Handy im „Smarthome“ die Deckenlampe oder den Kühlschrank zu steuern und jedes Essen bei Insta hochzuladen, um sich den nächsten sozialen Anerkennungskick zu holen.

Nun geht es natürlich nicht darum, die digitale Moderne pauschal zu verdammen. Handys, das Internet, die Künstliche Intelligenz, sie alle werden nicht mehr verschwinden, und sie alle können phantastische Werkzeuge der Menschen sein – oder aber ins Verderben führen. Selbst die sozialen Netzwerke galten mal als Instrumente der demokratischen Selbstermächtigung gegen Autokraten, bis irgendetwas kippte und sie zum Endlager für Fake News und Hetze wurden – und selbst zu Werkzeugen der Autokraten. Diese Ambivalenz können wir nicht auflösen, aber wir sollten sie uns bewusster machen.

Nicht der Rückfall in eine vordigitale Gesellschaft ist deshalb die Lösung, sondern mehr Selbstregulation: Wir müssen die Kontrolle zurückerlangen. Eine Gesellschaft sei ihrer digitalen Sucht nicht hilflos ausgeliefert, sagt Kognitionswissenschaftler Knauff, das sei ein Trugschluss. Sie könne sehr wohl entscheiden, dass die Sucht übermächtig geworden ist und bekämpft werden muss.

Auch wenn das Kraft kostet. Manche löschen Instagram mit den besten Vorsätzen, um es zwei Tage später wieder zu installieren. Alle paar Wochen geht das so. Oder sie behalten es, aber machen Bildschirmvideos von ihren Reels und verschicken sie auf Whatsapp – an jene Freunde, die gerade eine Insta-Pause machen. Selbstbetrug, reloaded. Trotzdem beginnt gerade etwas zu kippen, weil sich immer mehr Menschen nach „digital detox“ sehnen. Manche Cafés verlangen jetzt Eintritt dafür, dass man sein Handy am Eingang abgibt und dann in Ruhe lesen, vor sich hin starren oder analoge Gespräche führen kann, womöglich sogar mit Fremden. Es gibt mittlerweile Apps, mit denen man andere, besonders suchterzeugende Apps sperren kann – vorausgesetzt, man löscht die Löschapp nicht gleich wieder. Anbieter wie „The Offline Club“ aus den Niederlanden bieten mehrtägige Retreats ohne Handy an; auf Werbefotos sitzen junge Menschen im Freien zusammen und lachen. Im Internet gibt es Schalter zu kaufen, die man sich zu Hause an die Wand schraubt. Nur mit ihnen kann man bestimmte Websites oder Apps entsperren – wer Insta-Reels will, muss aufstehen.

Zum Entsperren des Handys aufstehen

Auch der Neurobiologe Martin Korte von der Technischen Universität in Braunschweig macht das so. Er sagt, um sich anders zu verhalten, müsse man zuerst seine Gewohnheiten ändern. Korte ist Fußballfan, aber wenn ein Spiel läuft, hat er es sich angewöhnt, sein Handy außer Reichweite zu legen. So muss er immer hinlaufen, wenn er den Spielstand erfahren will. Das diszipliniert. Auch Korte sagt, statt nur auf Social-Media-Verbote zu hoffen und selber weiter aufs Display zu starren, sollten Eltern ihren Kindern lieber ein gutes Vorbild sein und analoge Alternativen anbieten. Zu Ostern könnte man zum Beispiel mal wieder ein Brettspiel spielen oder Eier suchen. Oder einen Spaziergang machen. Und zu noch etwas rät Korte: zu klaren Regeln. Kein Handy beim Essen und im Schlafzimmer, keines am frühen Morgen und am späten Abend – wer das Abschalten lernt, ist immuner gegen die Sucht.

Wenn man dem digitalen Sog entkommt, dann ist es, als sei man aus einer Betäubung erwacht. Bekannte erzählten neulich von einem Zeltlager, in das ihre Kinder im vergangenen Sommer gefahren waren. Auf einer Wiese im Wald, ohne Strom, geduscht wurde mit Wasser aus Kanistern, Handys waren verboten. Es sei verrückt, sagen sie, aber nach zehn Tagen seien andere Kinder aus dem Bus gestiegen. Kinder, die erzählten, aufmerksam waren und Karten gespielt hatten. Karten! Als ich vor Kurzem auf einer Bahnfahrt mein Ladekabel vergessen hatte und der Akku leer war, begann ich ein Buch zu lesen, das ich sonst kaum begonnen hätte. Ähnlich erging es jenen Schülern einer Berliner Schule, die im März für drei Wochen freiwillig komplett auf ihr Handy verzichteten. Sie verbrachten mehr Zeit mit ihren Familien und waren entspannter.

Als Avantgarde galt lange, wer möglichst digital war. Aber vielleicht ändert sich das gerade. Vielleicht gehört bald zur Avantgarde, wer nicht nur „digital native“ ist. Sondern auch wieder offlinefähig.

Source: faz.net