Der deutsche Autor Eckhart Tolle schreibt über Bewusstseinssprünge als Mittel gegen Selbstzerstörung, seine Karriere begann mit einer Erleuchtung, in Amerika wird er besonders viel gelesen, sein erster Verlag hieß Namaste Publishing. Tolle ist ein Weisheitslehrer, von dem sich der Schauspieler Chris Evans sogar ein Zitat auf den Körper hat stechen lassen. In die schöne Literatur hat er es auch mit einem Zitat geschafft: Eines der Motti zu Leif Randts Roman „Allegro Pastell“ stammt von Tolle: „Einige spirituelle Lehren sagen, dass aller Schmerz letztendlich eine Illusion ist, und das ist wahr.“
Ein Motto ist so platziert, dass man es in die Lektüre mitnimmt, dass man bei passenden Stellen daran zurückdenkt. Es kann aber auch so gemeint sein (oder dazu führen), dass man schon stolpert, bevor die Geschichte eigentlich beginnt. „Allegro Pastell“ erschien in Deutschland im ersten Corona-Jahr, die Zeit der Handlung liegt noch ein wenig weiter zurück, in den Jahren 2018 auf 2019, aus heutiger Sicht könnte man auch sagen: in den letzten Atemzügen einer Unbeschwertheit, als man noch Romane schreiben konnte, die sich ganz und gar mit dem komplizierten Innenleben moderner Mittdreißiger in den friedlichen Wohlstandsmetropolen Europas beschäftigen konnten. Sechs Jahre später ist aus „Allegro Pastell“ ein Film geworden, und in diesen sechs Jahren wurden die großen Worte von Eckhart Tolle nur dringlicher: Was ist Schmerz? Was ist eine Illusion? Was ist Wahrheit? Gibt es spirituelle Lehren?
Beziehung unter den Bedingungen zugespitzter Reflexivität
Durch Leif Randts Roman zieht sich ein Verdacht, dass das Motto vielleicht weder ironisch noch zustimmend gedacht war, sondern dass die Unbestimmbarkeit seiner Lektüre vorwegnimmt, wie man danach von der Autorin Tanja Erdheim und ihrem Geliebten Jerome Daimler zu lesen hätte: im Zustand einer beständigen Hoffnung auf eine Epiphanie, die niemals kommen wird. Der Film von Anna Roller, zu dem Leif Randt selbst das Drehbuch geschrieben hat, setzt für diese Bescheidung schon mit der ersten Szene ein Zeichen: Wir sehen ein Paar im Bett, die Szene ist allen Konventionen nach postkoital, aber so, wie die beiden daliegen, könnte es genau so gut sein, dass Tanja und Jerome einfach nur rumgemacht oder gechillt haben. War das gerade der „passable One Night Stand“, von dem wenig später in einer Rückschau die Rede ist?
Tanja ist Autorin, in ihrem Metier gilt sie als „Seelsorgerin ihrer Generation“, sie sorgt für Erleuchtungen, die immer auch Ernüchterungen sind. Bei Lesungen hat sie kein Manuskript dabei, sondern nur das Handy. Und als Jerome vor ihrem Signiertisch auftaucht, ist das Buch, das er in der Hand hat, noch eingeschweißt – was man auch als Zeichen lesen kann, dass er niemand für seinen Seelenfrieden braucht. Tanja lebt in Berlin, Jerome im Speckgürtel von Frankfurt in einem Bungalow seiner Eltern. Es entsteht etwas zwischen den beiden, das man als avancierten Versuch einer Beziehung unter den Bedingungen zugespitzter Reflexivität sehen könnte. Die Idee von einer Fernbeziehung entscheidet sich dabei an Details wie dem, dass Sprachnachrichten kaum mehr zu ertragen sind, wenn man sich an Kommunikation durch Schrift (in erster Linie in Chats) einmal gewöhnt hat.
Die langweilige Souveränität von Jannis Niewöhner
Das sind alles zeitdiagnostische Feinheiten, die jedoch daran zu messen sind, dass es in „Allegro Pastell“ um eine Erleuchtungssehnsucht geht, die im Idealfall mit Liebe einhergeht. Hermann Hesses Siddhartha saß vor hundert Jahren noch allein unter einem Baum, bei Jerome Daimler hingegen ist Meditation eine Prätention, die seine innere Stimme mit der Vorlesefunktion seines Laptops kurzschließt – also ein Tool mit einem Tool. Der Roman schreibt über die Ambivalenz hinweg, dass ein Mann von einem Paar erzählt, als wäre er auf beiden Seiten gleichermaßen kompetent. Der Film setzt diesbezüglich deutlichere Akzente, schon dadurch, dass Anna Roller versucht hat, die Rollen pointiert zu besetzen: Jannis Niewöhner ist der deutsche Star, der einer Figur, die den Namen eines Autokonzerns trägt, tatsächlich sehr gut entspricht. Er spielt Jerome als ein latent leeres, automatisiertes Subjekt, das allenfalls mit Hemden in merkwürdigen Farben eine kleine Irritation in sein untadelig gutes Aussehen bringt.
Die beiden Frauen, mit denen Jerome es vor allem zu tun hat, sind hingegen betont „originell“ gewählt: die Französin Sylvaine Faligant und die in Südafrika geborene Haley Louise Jones sind nicht einfach nur durch Diversität markiert, sie sind auch so etwas wie Optionen für das westdeutsche Kind Jerome, der mit der androgynen Schriftstellerin Tanja und der angedeutet „exotischen“ Schulliebe Marlene jeweils unterschiedliche Erfahrungen von Fremdheit machen könnte. Das Casting verleiht Leif Randts Drehbuch einen Akzent, der im Roman allenfalls angedeutet ist. Mit der im Grunde langweiligen Souveränität von Jannis Niewöhner werden Frauen insgesamt zu einem Tool, das einen Star aus seiner Einsamkeit erlösen könnte.
Hundert Minuten wie durch einen Schleier
Seit den 1990er-Jahren begleitet das populäre Kino ein Verdacht, dass den Gefühlen nicht mehr zu trauen ist und dass allein der Schmerz noch eine Verbindung zum realen Leben sichert. „Fight Club“ war der Film, der davon auf radikale Weise erzählte. Die deutsche Popliteratur, zu der Leif Randt durchaus zu zählen ist, setzte dagegen eine feinziselierte Beobachtung von winzigen Regungen in einem Innenleben, das immer schon direkt auf die Konsumkultur bezogen war. „Allegro Pastell“ schließt schon insofern an Christian Krachts „Faserland“ an, als die Maultaschen in den Bordbistros der Deutschen Bahn eine Erfahrung darstellen, die einem morgendlichen Grüntee-Schweigen, einem wichtigen Ritual zwischen Tanja und Jerome, gleichzustellen sind.
Aber im Film wird noch weniger deutlich als im Roman, in welcher Welt die Figuren eigentlich leben. Wenn das beabsichtigt war, könnte man es beinahe als einen Clou sehen: die Bundesrepublik von 2018, gesehen von 2026 aus, als eine Terra incognita, in der allenfalls Wohnungen für eine Silvesterparty erreichbar sind, die ihre eigene Enthobenheit gegenüber den Wirklichkeiten am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg als Qualifizierung für eine besonders coole Party-Location präsentieren.
Diese Enthobenheit könnte in „Allegro Pastell“ auf einen Schmerz bezogen sein, den der freudlos glückliche Jerome Daimler nicht einmal als Mangel erkennt. Es spricht auch einiges dafür, dass Anna Roller mit dieser Figur nicht viel anfangen konnte. Leif Randt hingegen hat wohl an seinem Roman von damals weitergearbeitet, hat sich noch ein wenig stärker auf Tanja eingelassen. Die Autorin ist sein Alter Ego, sie hat schließlich im Film auch das letzte Wort. Es ist das stärkste aller denkbaren in einer Welt, in der alles über hundert Minuten wie durch einen Schleier zu sehen war (Kamera: Felix Pflieger).
Eckhart Tolles merkwürdiger Satz ist dabei noch einmal zu bedenken, nun aber mit Bedacht auf den Begriff der Illusion. „Allegro Pastell“ ist ein Film, der sich mit der Illusion bescheidet, er könnte einem Roman gerecht werden, den dessen Autor mit seinem eigenen Drehbuch in Ansätzen subtil dementiert. Anna Roller ging es vor allem darum, den erfolgreichen Text mit den Mitteln des Kinos neu einzuschweißen. Bei Leif Randt aber scheint es eine Ahnung zu geben, dass er sein Buch eigentlich einer Zerreißprobe aussetzen müsste, um dem Schmerz der Wahrheit näherzukommen.
Von Donnerstag an im Kino
Source: faz.net