Ältere Menschen werden sich gewiss noch an die seligen Zeiten erinnern, als die Eurokrise als größtes Problem Europas galt. Deren Protagonist auf griechischer Seite, der frühere Ministerpräsident Alexis Tsipras, hat vor Kurzem ein Buch mit Erinnerungen an seine Zeit als Regierungschef zwischen 2015 und 2019 veröffentlicht – als ersten Schritt zu einem Comeback, das der gefallene Volkstribun seit Monaten vorbereitet. Doch ob er sich politisch wieder etablieren kann, ist ungewiss.
Tsipras war 2015 mit einem Versprechen an die Macht gewählt worden, das unmöglich klang und sich dann auch als unmöglich erweisen sollte: Er wollte Griechenlands Schulden nicht mehr bedienen und stattdessen noch mehr Geld von den Kreditgebern des Landes bekommen, ohne substanzielle Reformen. Weigere Europa sich, drohe Griechenland zwar ein Staatsbankrott, doch der könnte eine Kettenreaktion auslösen und die gesamte Eurozone mitreißen, lautete der Subtext der Athener Drohung.
Doch der Versuch, im Alleingang alle anderen Staaten der Eurozone zu erpressen, scheiterte ebenso absehbar wie kläglich. Griechenlands Krise verschärfte sich sogar noch, die Banken mussten schließen. Bei der Parlamentswahl im Sommer 2019 wurden Tsipras und sein „Bündnis der radikalen Linken“, kurz Syriza, deshalb wieder in die Opposition geschickt.
Nach weiteren Wahlniederlagen trat Tsipras einige Jahre später als Parteichef zurück. Im vergangenen Oktober legte er schließlich auch sein Abgeordnetenmandat nieder – allerdings nicht ohne anzukündigen, dass er seine politische Karriere keinesfalls als beendet betrachte: „Wir werden keine Gegner sein“, sagte er seinen Parteigenossen zum Abschied. „Und vielleicht werden wir schon bald wieder gemeinsam in schönere Meere reisen.“
Wie Odysseus, der heldischste aller Helden
Das war die poetische Ankündigung eines prosaischen Vorhabens: Tsipras bereitet die Gründung einer neuen, gemäßigt linken Partei vor. In einer von ihm gegründeten Denkfabrik, die er bescheiden „Alexis-Tsipras-Institut“ genannt hat, werden Pläne geschmiedet für eine Bewegung zur Vereinigung sozialdemokratischer, linksradikaler und ökologischer Strömungen.
Wie das funktionieren soll, ist unklar, aber auf inhaltliche Stimmigkeit kam es bisher fast nie an im Leben des Alexis Tsipras. Seine erhoffte Rückkehr in die erste Reihe der griechischen Politik bereitete der Politiker vor einigen Wochen mit der Veröffentlichung seiner Lebensabschnittserinnerungen vor, denen er den ebenfalls nicht durch falsche Bescheidenheit auffallenden Titel „Ithaka“ gab.
Die griechische Insel ist bei Homer die Heimatinsel des Odysseus, des heldischsten aller hellenischen Helden, wobei in der Forschung mindestens umstritten ist, ob das heutige dem homerischen Ithaka entspricht.
Tsipras’ „Ithaka“ ist in Griechenland ein großer Erfolg. Die Startauflage von fast 35.000 Exemplaren war nach Auskunft des Verlags schon wenige Stunden nach Beginn des ersten Verkaufstags vergriffen. Gemessen an der Bevölkerungszahl, hätte das in Deutschland etwa 250.000 im Nu verkauften Büchern entsprochen. Auf den 762 Seiten interessierte das Publikum natürlich vor allem die Schilderung jener Jahre, in denen der Autor sich und Griechenland (in dieser Reihenfolge) im Mittelpunkt des Weltgeschehens sah.
Wer sich von Politikermemoiren saftige Anekdoten zum Weitererzählen am Kaffeehaustisch erhofft, wird an mehreren Stellen belohnt. Besonders eindringlich sind Tsipras’ Schilderungen seiner zwei Besuche als Regierungschef in Russland.
Dabei spart der Erzähler nicht mit schneidender Kritik an einigen seiner früheren Parteifreunde aus dem Bündnis der Linksradikalen. Er habe den Eindruck gehabt, die Hälfte seiner Delegation glaube offenbar, nicht nach Russland, sondern in die Sowjetunion zu reisen, spottet Tsipras.
Amüsante Anekdoten
Bei einem Treffen mit dem damaligen russischen Regierungschef Dmitri Medwedew hätten Syriza-Politiker diesen allen Ernstes als „Genosse Ministerpräsident“ angeredet. Tsipras stellt es heute so dar, als sei ihm das damals peinlich gewesen. Er habe sich vorgestellt, wie Medwedew gedacht haben müsse, es nicht nur mit alten Kommunisten, sondern mit Zeitreisenden zu tun zu haben, die sich im Jahrhundert geirrt hatten.
Tsipras’ Schilderung einer Begegnung mit Wladimir Putin ist mindestens ebenso amüsant – sofern eine Anekdote, die den russischen Diktator und Kriegsverbrecher einbezieht, amüsant sein kann. Jedenfalls bat Tsipras in dieser Geschichte Putin darum, für 300 Millionen Euro griechische Staatsanleihen zu kaufen. Die hatten freilich Ramschniveau und waren wertlos. Putin habe geantwortet, er würde diese Summe lieber an ein Kinderheim spenden, denn bevor er das Geld Griechenland gebe, könne er es auch gleich in die Mülltonne werfen.
Griechenland, so Putin laut Tsipras weiter, sei ein bankrottes Land und brauche nicht 300 Millionen, sondern 300 Milliarden Euro. Er solle lieber zusehen, dass er sich mit Angela Merkel einige, soll der Russe dem Griechen geraten haben. Was dann ja auch geschah. Natürlich wissen wir nicht, ob das alles stimmt, aber für Memoiren gilt bekanntlich das Sprichwort „Se non è vero, è ben trovato“ – „Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden“.
Für Tsipras’ politische Zukunft bedeutsamer sind ohnehin die Stellen seiner Memoiren, in denen er sich von seinen einstigen linksradikalen Weggefährten distanziert, allen voran von seinem bis heute irrlichternden zeitweiligen Finanzminister Giannis Varoufakis.
Wenn stimmt, was Tsipras in seinem Buch schreibt, tat sich Varoufakis im Kabinett immer wieder mit irrwitzigen Vorstößen hervor, deren Verwirklichung die griechische Bevölkerung in ein Elend gestürzt hätte, das den tatsächlichen jahrelangen wirtschaftlichen Niedergang des Landes im Vergleich wie ein laues Lüftchen hätte wirken lassen.
Varoufakis habe es auf einen Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone angelegt und den in einem solchen Fall unvermeidbaren Kollaps der Staatsfinanzen auffangen wollen, indem er für Rentner und Beamte Gutscheine zum Bezahlen drucken lassen wollte. Dass diese Gutscheine sofort bei ihrer Einführung wertlos gewesen wären, da niemand sie als Zahlungsmittel akzeptiert hätte, schien ein Detail zu sein, das den wohlhabenden Zocker Varoufakis nicht interessierte.
Die Zeiten der Abenteuer sind vorbei
Tsipras, schreibt Tsipras, habe seinen Finanzminister und dessen Unterstützer gefragt, ob sie verrückt geworden seien. Die Regierung werde sich nicht einen Tag halten, wenn sie die Bevölkerung mit wertlosen Papierfetzen abspeise. Daraufhin habe Varoufakis vorgeschlagen, man müsse die Gutscheine ja nicht auf Papier drucken. Man könne sie auch elektronisch ausgeben, über Mobiltelefone.
Varoufakis hat diese fast unglaubliche Episode von Tsipras’ Memoiren inzwischen zumindest teilweise bestätigt. Die Idee mit den Gutscheinen sei „eine innovative Lösung zur Aufrechterhaltung von interner Liquidität“ gewesen, sagte er unlängst in einem Interview. Die Botschaft, die Tsipras mit solchen Anekdoten aussendet, ist klar: Seht her, ich bin kein Radikaler, die Zeiten der Abenteuer sind vorbei, mir könnt ihr trauen.
Doch hat der Heros von gestern wirklich Antworten auf die Fragen von heute? Eigentlich sollte der Boden fruchtbar sein für ein linkes politisches Angebot in Griechenland, denn hinter der Fassade des robusten Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre gibt es viele Missstände. Die Lebenshaltungskosten sind hoch, die Mieten vor allem in Athen und Thessaloniki mit Durchschnittslöhnen oft nicht mehr bezahlbar. Von vielen Jobs kann man kaum leben.
Junge Menschen hangeln sich von einer prekären Arbeitsstelle zur nächsten. Korruptionsskandale erschüttern die Regierung des Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis und seiner konservativen Partei Nea Dimokratia. In seinen öffentlichen Auftritten bietet Tsipras aber keine Lösungen, sondern vor allem Phrasen an. Und die kennt das Publikum aus Tsipras’ erster Karriere zur Genüge.
Source: faz.net