Es ist kurz vor 21 Uhr, als Alexander Schweitzer sich hinter die Bar eines Klubs in Kaiserslautern stellt, um zu lernen, wie er einen Long Island Iced Tea mischt. Bevor eine Mitarbeiterin der SPD die Handykamera auf ihn richtet, schaut er kurz aufs eigene Handy. Wenn Schweitzer für Sekunden nicht auf Sendung ist, wirkt er müde, erschöpft. Um fünf ging es am Morgen für ihn in Berlin los, Rückflug nach Frankfurt, Termine in der Staatskanzlei, Gespräch mit Journalisten, zwei Wahlkampfauftritte, eine einstündige Rede, viele Selfies.
Jetzt geht das Licht der Kamera an, er lächelt freundlich und mischt kurz darauf unter Anleitung einer Barkeeperin Gin, Wodka, Rum, Tequila und einen Likör zusammen. Als er den Cocktail in der Luft schüttelt, scherzt er mit den Umstehenden: „Merkt ihr, wie ich das mache – so aus dem Handgelenk.“ Unbedingte Leichtigkeit an der Belastungsgrenze. Danach steigt Schweitzer noch auf das DJ-Pult und singt „Griechischer Wein.“ Warum tut er sich das an?
Alexander Schweitzer ist Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und der einzige, der die dortige SPD von einer Niederlage und die Partei im Bund von ihrer nächsten Krise trennen könnte. Schweitzer spricht vom Kampf seines Lebens. Als er vor 20 Monaten das Amt übernahm, lag seine Partei in Umfragen rund zehn Prozentpunkte hinter der CDU. Schweitzers Vorgängerin Malu Dreyer war aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten, aber wohl auch, weil sie politisch belastet war. Der Wechsel während der Amtszeit sollte es dem Neuen ermöglichen, Bekanntheit und Vertrauen aufzubauen. So hat es der Landesverband schon vorher gemacht – von Rudolf Scharping zu Kurt Beck, von Beck zu Dreyer.
Ländlich-konservativ und doch SPD-Hochburg
So ist es der SPD gelungen, 35 Jahre zu regieren und das ländlich-konservative Rheinland-Pfalz vermeintlich zu einer sozialdemokratischen Hochburg zu machen. Derzeit liegt die SPD in Umfragen ein bis zwei Prozentpunkte hinter der CDU. Wer am Ende vorn liegt, so glaubt man in beiden Parteien, könnte von ein paar tausend Stimmen abhängen. Jeder Auftritt, jedes Gespräch, jeder Cocktail zählt.
Montagabend vergangener Woche. Schweitzer und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gehen zusammen in eine Kneipe in der Mainzer Innenstadt. Der Laden ist voll, die Begrüßung herzlich. Nach ein paar Minuten stehen Schweitzer und Pistorius am Zapfhahn. Glas schräg halten, fachmännischer Blick, abwarten, nachzapfen. Die beiden Männer stoßen an und ziehen anschließend eineinhalb Stunden von Tisch zu Tisch. In dieser Zeit wird ihnen kein einziges Mal eine im engeren Sinne politische Frage gestellt. Ist das ein gutes Zeichen? Zumindest beim Bier scheinen die Menschen zufrieden zu sein.
Pistorius plaudert mit einem Mann über dessen Zeit bei der Bundeswehr, Schweitzer erzählt, dass er ausgemustert wurde – der Rücken. „Heute“, setzt er an, „würde ich gerne gedient haben.“ Aber das sage sich im Rückblick leicht, fügt er an. Anbiedern will er sich nicht. Dann nimmt er eine Grußbotschaft für die Frau eines Gastes auf, die am Vortag Geburtstag hatte. „Ihr Mann hat nur ein Bier getrunken und kommt gleich nach Hause“, sagt Schweitzer grinsend, während die älteren Herren am Tisch johlen.
Schweitzer will nicht langweilen. Das tut seine Partei schon genug, findet er. Die denke zu viel mit dem Taschenrechner. „Wir müssen mit dem Herzen argumentieren“, empfahl er vergangenes Jahr. In Rheinland-Pfalz kann sich kaum einer vor Schweitzers Herzlichkeit retten: Auf Plakaten steht neben seinem Bild „Aus Liebe zum Land“, im knopfaugigen Wahlwerbespot spricht er mit sanfter Stimme über sein Heimatgefühl und auf Instagram und Tiktok kann man ihm dabei zuschauen, wie er gut gelaunt beim Ausprobieren neuer Berufe scheitert.
Seit seiner Wahl zum Ministerpräsident spricht Schweitzer über das Aufstiegsversprechen. Ein Wort mit tiefer sozialdemokratischer Prägung, das auch seine Ambition unterstreicht. Gerade geht es ihm um Rheinland-Pfalz, aber Schweitzers Ehrgeiz endet gewiss nicht in Mainz. „In meiner Familie war es nicht vorgezeichnet, dass ich mal Abgeordneter, Minister oder Ministerpräsident werde“ ist so ein Satz, den er in seinen Reden verwendet. Er verkörpere selbst das Aufstiegsversprechen, das wieder für junge Leute gelten soll. Die ersten sechs Jahre seines Lebens verbrachte Schweitzer auf einem Binnenschiff. Die vierköpfige Familie lebte auf 50 Quadratmetern im Heck des Schiffes, das den Rhein auf und ab fuhr.
Als die Schule begann, ging er mit Mutter und Schwester von Bord, der Vater fuhr allein weiter. In Bad Bergzabern in der Südpfalz, einer Kleinstadt mit knapp 9000 Einwohnern, ging er zur Schule und machte Abitur. Schweitzer lebt dort bis heute mit seiner Frau und zwei seiner drei Kinder, die Älteste ist erwachsen. Mit 16 trat er in die SPD ein. Er wurde stellvertretender Juso-Chef im Land, hielt sich aber aus ideologischen Streitereien raus und nutzte die Jugendorganisation eher fürs eigene Fortkommen. Parallel zum Studium der Rechtswissenschaft (Abschluss mit erstem Staatsexamen) ging er in den Verbandsgemeinderat und in den Kreistag.
Kurt Beck ist ein enger Vertrauter Schweitzers
2006, Kurt Beck war Ministerpräsident, kümmerte Schweitzer sich um dessen Wahlkampf daheim in der Südpfalz. Überraschend gewann die SPD die absolute Mehrheit bei der Wahl – und Schweitzer, Listenplatz 52, kam in den Landtag. Wenn er selbst davon erzählt, klingt es, als sei er da so reingestolpert. Dabei ist auch sein Aufstieg das Ergebnis harter Arbeit und intensiven Netzwerkens in der Partei. Mit Beck telefoniert er bis heute regelmäßig. Er ist es, der Schweitzer zum Staatssekretär und später Generalsekretär der Landespartei macht. Danach wird Schweitzer Fraktionsvorsitzender im Landtag und Minister für Arbeit und Digitales. Es ist ein Leben in der Berufspolitik. Seine politische Erfahrung ist es, die ihn von seinem Herausforderer Gordon Schnieder (CDU) unterscheidet, der nie eine größere Verwaltung oder ein Ministerium geleitet hat.
Schweitzer galt lange Zeit als der Fleißigste in der rheinland-pfälzischen SPD, in der Fleiß viel zählt – seine Wochenenden verbrachte er seit eh und je auf Dorfjubiläen, Ortsvereinsfesten und Volksfesten. Es dürfte ein Grund gewesen sein, wieso er sich bei Dreyers Nachfolge durchsetzte. Gute Aussichten hatten auch andere. Den Leitspruch seines Mentors Kurt Beck, „Nah bei de Leut“ sein zu müssen, verkörpert Schweitzer, auch weil er die Leut gerne mag und mit ihnen anstößt. Die SPD-Kampagne ist insofern genau auf ihn zugeschnitten: Bei jedem seiner größeren Auftritte wird auf der Bühne eine rote Theke aufgebaut, neben der Schweitzer erst eine knapp einstündige Rede hält und später Bier zapft.
In Andernach, die Wahl ist noch ein paar Wochen hin, spricht Schweitzer neben dem Bierzapfhahn über die Ideen innerhalb der Union, den Sozialstaat zu verschlanken. „Hätten Sie gedacht, dass wir 2026 noch mal darüber nachdenken müssen, ob wir uns den Zahnarztbesuch noch leisten können?“, fragt er. Es sei doch eine „Errungenschaft der sozialen Marktwirtschaft“, dass derjenige, der seine Beiträge und Steuern zahle, auch zum Zahnarzt gehen könne, dass man den Menschen „nicht am Lächeln ansieht, ob sie Geld haben.“ Die versammelten Parteifreunde applaudieren, sie gehen motiviert in den Wahlkampf.
Thematisch trennt Schweitzer und Schnieder nicht viel
Dabei ist es mehr ein Schattenboxen, das sich Schweitzer liefert, denn die Union und Schnieder haben die Vorschläge längst abgeräumt. Als vor Kurzem öffentlich wurde, dass es in der christdemokratischen EVP-Fraktion im Europaparlament Absprachen mit der AfD gab, forderte Schweitzer die Union zur Abgrenzung auf – die CDU hatte das Thema da schon abzuräumen versucht. In der Vergangenheit gewann die SPD durch ihre eigene Geschlossenheit und Kampagnenfähigkeit in Rheinland-Pfalz, wohl aber auch, weil sich die CDU immer wieder in eigenen Fehlern verhedderte. Diesmal tut sie Schweitzer den Gefallen nicht.
Thematisch trennt Schnieder und Schweitzer nicht viel. Die SPD will, dass künftig die Kosten aller Schulbücher und Arbeitshefte vom Land übernommen werden sollen. Ein durchfinanziertes Wahlgeschenk an Eltern, dem die CDU ein kostenloses Deutschlandticket für alle Schüler im Land entgegensetzt. In seinen Reden spricht Schweitzer immer auch über die Bedeutung des Klimaschutzes, der nicht allein Aufgabe einer Partei sei. Nur wenn er einige potentielle Wähler der Grünen und der Linken für sich gewinnen kann, dürfte es dafür reichen, dass er am Ende vor der CDU liegt.
In der direkten Auseinandersetzung ist Schweitzer in der Defensive. Das zeigte sich in den Diskussionsrunden vor der Wahl. Meldungen über Gewalt an Schulen, Probleme mit der Schulaufsicht und der Abstieg in gängigen Bildungsrankings machen der SPD zu schaffen, die seit 35 Jahren die Bildungspolitik im Land verantwortet. Schweitzer setzt dem eine Studie entgegen, die die hohe Chancengerechtigkeit im Land belegt.
Sie deckt sich aber nicht mit dem Eindruck vieler Menschen. Die Wirtschaft schwächelt nicht nur im Südwesten. Der Chemiekonzern BASF als größter Arbeitgeber leidet unter der geringen Nachfrage und spart. Die Ansiedlung eines Batteriezellwerks in Kaiserslautern ist erst vor ein paar Wochen endgültig abgesagt worden – der Grund ist die geringe Nachfrage an E-Autos. Es gibt eine diffuse Unzufriedenheit im Land, die sich gegen die Politik richtet. Auch wenn die Landesregierung nur bedingt verantwortlich ist, bekommt sie es teilweise ab. Nur rund 44 Prozent sind zufrieden mit ihrer Arbeit. Eine manifeste Wechselstimmung gibt es nicht. In Schweitzers Gegenwart, scherzte eine Mitarbeiterin, solle man das Wort lieber nicht verwenden.
Dann ist da noch die Gesundheitsversorgung. Im Norden des Landes schloss fast ein Dutzend Krankenhäuser binnen weniger Jahre, eine Entwicklung, auf die SPD-Gesundheitsminister Clemens Hoch keine Antwort fand. In manchen Dörfern fahren Menschen heute 40 Minuten bis zur nächsten Notaufnahme. In einem Land, das von kleinen Gemeinden bestimmt ist, sorgt das für Unruhe. Kurz vor der Wahl setzt Schweitzer ein anderes Thema unter Druck: Seine Wahlkampfleiterin ist eine beurlaubte Beamtin, die währenddessen Pensionsansprüche ansammelt. Der Rechnungshof kritisierte diese Praxis schon 2018. Die CDU wirft der SPD vor, das Land in 35 Jahren Regierung zum „Selbstbedienungsladen“ gemacht zu haben.
Die Sozialdemokraten setzen auf eine Persönlichkeitswahl
Schweitzer will, dass es am Sonntag auf ihn ankommt, dass es wieder eine Persönlichkeitswahl wird. Daran arbeitet er seit seinem ersten Tag als Ministerpräsident und fährt ununterbrochen durchs Land, 21.000 Kilometer allein in den ersten drei Monaten. An manchen Abenden kam er auf gleich drei Veranstaltungen. Kaum ein Weinfest, das er ausließ. „Die Leute wollen, dass du für sie kämpfst“, sagt Schweitzer. „Vertrauen muss man sich erarbeiten“. Schweitzer ist einer der letzten Arbeiter in der SPD. Wenn die Zahl der geschüttelten Hände und entstandenen Selfies die Wahl am Sonntag entscheiden würden, hätte er gewonnen.
Er geht auch dahin, wo es schwierig wird. Als die Probleme in Ludwigshafener Schulen zunahmen, lud der Ministerpräsident zum Runden Tisch. Im vergangenen Herbst trat er beim Delegiertentag des Bauern- und Winzerverbandes auf. Auch wenn sie ihn nicht mit Mistgabeln begrüßten, war die Stimmung angesichts der Weinkrise im Land schlecht und der Applaus für Schweitzer zunächst schleppend. In seiner Rede sprach er die Sorgen offen an, versprach Bürokratieabbau und Hilfen für den Weinbau. Als Schweitzer nach rund einer Stunde wieder ging, sagte ein Landwirt: „Der ist nicht falsch.“ Mehr hätte er kaum erreichen können.
Drei Tage hat sich Schweitzer im vergangenen Jahr frei genommen, Weihnachten inklusive. Urlaub hat er seit seiner Wahl vor eineinhalb Jahren nicht gemacht. Entspannen könne er sich sowieso nicht. „Ich muss gerade im Land unterwegs sein“, sagte er im vergangenen Sommer mal. Sein Bekanntheitsgrad stieg, zumindest leicht. Nachdem er zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt worden war, verhandelte er die schwarz-rote Koalition im Bund mit und ließ keine Gelegenheit aus, im Fernsehen aufzutreten. In der Sendung von Markus Lanz saß er gleich fünf Mal, sprach über die Rente, Drohnenangriffe oder den Koalitionsstreit. In solchen Momenten spielt Schweitzer seine Spontanität, seinen Witz, sein rhetorisches Talent aus. Er übernahm turnusgemäß den Vorsitz der Ministerpräsidenten-Konferenz und empfing die Länderchefs in Mainz. Noch mehr Interviews, Bekanntheit.
Im vergangenen Dezember präsentierte er eine Modernisierungsagenda für den Staat, ausgehandelt von Bund und Ländern, vor allem als seinen eigenen Erfolg. In seiner Beliebtheit spiegelt sich all das nur bedingt wider. 38 Prozent der Rheinland-Pfälzer würden ihn direkt wählen. Der Wert ist zwar doppelt so hoch wie der seines Herausforderers, doch in der SPD erhoffte man sich, dass Schweitzer schneller so beliebt wird, dass er die Probleme im Land überstrahlt. Seine Vorgängerin Malu Dreyer zog das SPD-Ergebnis bei zwei Wahlen in ungeahnte Höhen: Um die 36 Prozent. Nur: Ihre persönlichen Zustimmungswerte waren auch 2016, als sie erst drei Jahre im Amt war, bei mehr als 50 Prozent. Davon ist Schweitzer weit entfernt. Seit Tagen kleben Genossen gelbe Schilder auf die Plakate im Land: „Wer Schweitzer will, muss SPD wählen“, steht da. Reicht das diesmal?
Am Ende des Kneipenabends in Mainz bringt Schweitzer den Verteidigungsminister zum Auto und bedankt sich für die Hilfe. Zwei Hoffnungsträger der SPD stehen da zusammen: Der eine war mal fast Kanzlerkandidat, der andere soll am Sonntag die Ehre der SPD retten. Gewinnt er, stehen ihm viele Türen offen. Verliert er, will er aus der Regierung ausscheiden. Als Pistorius gefahren ist, zögert Schweitzer kurz, er könnte jetzt heimfahren, durchatmen. Doch er geht lieber noch einmal in die Kneipe.
Source: faz.net