Alexander Scheer singt Songs von David Bowie und aus dessen Lieblingsbüchern von Christa Wolff bis Alfred Döblin. „Heroes“ ist ein fluoreszierender Abend, Diskokugeln inklusive. Nüscht wie hin also – wenn man Karten ergattert
Alexander Scheer singt Songs von David Bowie
Foto: Just Loomis
„Es ist ja so schwer, heutzutage an Kultur ranzukommen!“, empört sich hinter mir ein Zuschauer im Theaterparkett. Es ist die zweite Vorstellung von Heroes, dem neuen Sing- und Leseabend am Berliner Ensemble, der sich offenbar anschickt, zum Hit-Event der Stadt zu werden.
Der Ostberliner Kultschauspieler Alexander Scheer singt hier Songs von David Bowie und liest Auszüge aus dessen Lieblingsbüchern. Nüscht wie hin! Nur: Die nächsten Vorstellungen waren bereits komplett ausverkauft, selbst als Theaterkritikerin war ich um ein Ticket verlegen. Als ich die Pressestelle des Berliner Ensembles um eine Karte bat, bekam ich eine bedauernde Mail, man könne sich aber auf eine Warteliste setzen lassen.
Wo gibt’s denn sowas, dachte ich und begab mich entschlossen zum Schiffbauerdamm, um eine Restkarte an der Abendkasse zu ergattern. Bereits auf dem Vorplatz blickte ich in nicht weniger entschlossene Gesichter meiner grimmigen Konkurrenten, die ihre SUCHE KARTE-Schilder hochhielten. Am Ende gab es für mich noch ein letztes, teures Waisenkärtchen im vorderen Parkett. Der Saal: gerammelt voll.
Heroes ist eine Verbeugung vor der Musik von David Bowie und der Literatur. „Bowie war eine Leseratte“, erzählt Alexander Scheer, auf seinen Tourneen habe der eine „mobile Bibliothek“ mit bis zu 1.500 Büchern bei sich gehabt und einige von Bowies einhundert Lieblingsbüchern will er vorstellen. Scheer ist nicht nur ein begnadeter Sänger und Darsteller, er ist auch noch ein unheimlich charmanter Erzähler. Während bei den Songs und den gelesenen Passagen jeder Ton und jede Geste sitzt, wirken die Überleitungen spontan und improvisiert.
Bowie sei 1977 im Berliner Ensemble gewesen, ein Foto davon ist verschollen
Der Abend lebt vor allem von den aufgeworfenen Bezügen zur Stadt Berlin und zur damaligen DDR. Bowie sei 1977 im Berliner Ensemble gewesen, ein Foto davon ist verschollen, aber „gibt es hier noch Abo-Publikum von damals, die das bezeugen können?“ will er wissen. Wir hören Auszüge von Christopher Isherwood, dem „ersten Chronisten des feiernden Berlins“, Döblins Berlin Alexanderplatz oder Nachdenken über Christa T.. Im Hintergrund sind Videocollagen vom historischen Berlin oder auch Live-Zeichnungen über Kamera zu sehen, die die Songs illustrieren.
Das ist manchmal fast zu viel Bild für den Raum, den die Texte brauchen, die Scheer, mit Musik unterlegt, sehr rhythmisch und musikalisch liest. Doch die Literatur in der Verbindung mit den Songs lässt auch die literarische Qualität von Bowie hervortreten, dessen selbstreferenzielles Fortspinnen seiner Songs fast eine eigene Gattung stellt. Wie etwa Ashes to Ashes, das Scheer hier auch singt, das eine Fortschreibung des Kultlieds Space Oddity ist. Aber auch ohne deutende Bezüge ist Heroes ein erstaunliches, unterhaltsames Werk, ein fluoreszierender Geschichtenabend über die Stadt Berlin und ihre Geschichte und die Kunst, die sie inspirierte.
Auf einem Foto auf der Leinwand sind Iggy Pop und David Bowie in einem Ostberliner Café zu sehen, und auf dem Tisch liegt eine Schachtel „Juwel“. „Die schlimmsten Zigaretten im Osten!“ (Scheer), „Wer die damals geraucht hat, ist wahrscheinlich heute nicht mehr unter uns!“ Protest aus dem Publikum. „Dit war meine Marke!“, haut mir mein Sitznachbar in die Rippen. Will heißen, wir sind Iggy, wir sind Pop und wir leben noch. Und so gibt es am Ende viele glückliche Gesichter, als wir zu Let’s dance im Schein der Diskokugel und kunterbunter Scheinwerfer tanzen.